Der gelernte Bildungsbürger weiß zu Felix Salten meist folgendes zu sagen: "Jaja, schon, Bambi hat der geschrieben, aber auch die Mutzenbacher!" Diese prickelnde Polarität einer Schriftsteller-Karriere vom Rehkitz zum Ich-werd-spitz kann die neue Ausstellung im Wienmuseum leider nicht bestätigen. Denn eine akribische Durchsicht des Nachlasses - der als Bonusschau auch in der Wienbibliothek aufbereitet wird - brachte weiterhin keinen Beleg dafür, dass Felix Salten der Urheber der wienerischen Erotik ist. Die Schau zeigt aber, wie die Erben selbst auf der Suche waren nach Urheberschaftsbeweisen - schließlich wären Tantiemen nicht unwillkommen gewesen, so Kurator Marcel Atze.

Zumal Felix Salten auch aus seinem größten Erfolg nicht den Reibach machen konnte, den man erwarten würde. Mit dem Film "Bambi" (1942) verdiente Disney um ein Vielfaches mehr als der Mann, der die traurige Geschichte erfand. Die Filmrechte hatte er bereits in den 30er-Jahren an einen Dritten verkauft, auf die Idee von Markenrechten war er natürlich gar nicht erst gekommen.

"Bambi"-Filmplakat. - © Wienbibliothek im Rathaus
"Bambi"-Filmplakat. - © Wienbibliothek im Rathaus

Fake News und Satiren

Im Ausstellungsteil in der Wienbibliothek sind übrigens nicht nur verschiedenste Ausgaben von "Bambi" (etwa auf Hebräisch und Japanisch) zu sehen, sondern auch Briefe von Kindern an den "lieben Herrn Dichter". Einer davon nimmt bereits die Transformation des Buchs in einen Film vorweg - ein junger Fan hat eine Art Storyboard gezeichnet.

"Völliger Umsturz": Saltens Taschenkalender-Tagebuch kurz vor Hitlers Einmarsch in Wien. - © Wienbibliothek
"Völliger Umsturz": Saltens Taschenkalender-Tagebuch kurz vor Hitlers Einmarsch in Wien. - © Wienbibliothek

Die Ausstellung heißt aber nicht umsonst "Im Schatten von Bambi". Sie zeigt, dass sich in diesem Schatten ein interessantes Schriftstellerleben "versteckt". Vom Bücher schreiben leben konnte der 1869 geborene Salten freilich lange nicht. Er arbeitete als Journalist - nicht immer mit dem Ethos, das man sich heute so vorstellt. Über das Erdbeben in San Francisco 1906 berichtete er in der "Berliner Morgenpost" doch mit beachtlicher kreativer Freiheit. Auch in den Vitrinen nachzulesen sind satirische Beschreibungen von Herrschern wie Kaiser Wilhelm, den er für seinen Schnurrbart-Aufschwung lobte.

Schnitzlers Kleinkunst

Felix Salten (links) mit Arthur Schnitzler, um 1910. - © Wienbibliothek
Felix Salten (links) mit Arthur Schnitzler, um 1910. - © Wienbibliothek

Apropos Lob: Salten war auch als Kulturkritiker tätig und in der Ausstellung finden sich Dankschreiben für wohlwollende Beurteilung von Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal, Heinz Rühmann. Eine Episode verbindet die beiden Ausstellungsstandorte: In seiner Besprechung von Schnitzlers "Reigen" schreibt er die Worte "Goldschmiedearbeit. Kleinkunst.", die bei Schnitzler nicht gut ankamen. Die Versöhnung nach dem Eklat illustriert ein Brief Schnitzlers an Salten mit den Worten: "Ich denke, wir sind beide eine Kleinigkeit empfindlicher als dringend notwendig." Um den Frieden zu erhalten, hat Salten wiederum Vorkehrungen getroffen: In seinem Artikel-Archiv, in neun Bänden erhalten, hat er die beiden Worte durchgestrichen, damit sie nicht in einen eventuellen Nachdruck geraten.

Diese dicken Bände konnte Salten in die erzwungene Emigration retten, vieles andere ging verloren. Bei einem "Open House"-Verkauf 1938 kamen Händler, die es nicht der Mühe wert fanden, zu bezahlen. Viele Briefe, Bücher, Dokumente hat Salten selbst verbrannt - er stand im Visier der Gestapo. Seit 1933 stand er auf der Liste verbotener Bücher - ein Jahr zuvor hatte er noch seinen Posten als PEN-Club-Präsident zurückgelegt, nachdem er dafür kritisiert worden war, dass er Bücherverbrennungen nicht dezidiert verurteilt hatte.

Der Teil der Ausstellung, der im Wien Museum im MUSA gestaltet wurde, fächert weniger bekannte Facetten von Saltens Karriere auf. Ein großer Teil gilt seiner Kunstkritik, etwa über Gustav Klimt. Vor allem konzentriert er sich aber auf Saltens Rolle als Kulturnetzwerker. "Jeder Name, der einem aus der Zeit zwischen 1890 und 1930 einfällt, mit dem hatte Salten Kontakt", erklärt Kuratorin Ursula Storch. Hermann Bahr hat ihm eine Gondel-Postkarte aus Venedig geschrieben, Hofmannsthal hat verschwörerisch überlegt, wie beide den Fängen Stefan Georges entkommen, Karl Kraus wurde von ihm öffentlich geohrfeigt, nachdem dieser ausgetratscht hatte, dass er mit seiner späteren Frau Ottilie Metzl liiert ist.

Mit Max Reinhardt verband ihn eine Arbeitsfreundschaft, verschiedene Theaterzettel und Schnappschüsse vom Urlaub in St. Tropez zeugen davon. Auch einer seiner vielen kleinen Taschenkalender mit den Einträgen vom 5. November 1943: "Max Reinhardt +". Gefolgt vom 6. November 1943: "Nachruf geschrieben".

Diese Taschenkalender - dankenswerterweise ist Saltens Fitzelschrift großteils transkribiert - geben auch Auskunft über die dunkle Zeit: Am 15. März 1938 "Hitler in Wien. Autos und Geld von Juden requiriert. 39 Grad Fieber Bronchitis". Daneben liegt ein alter Reisekoffer von Salten. Doch auch Erfreuliches dokumentiert er, etwa am 13. November 1942, als er Disneys "Bambi" sieht: "sehr schön! Ich werde beim Kommen und Gehen applaudiert".

Drei Jahre später ist Salten im Exil in der Schweiz gestorben. Mit dieser Ausstellung - und dem üppigen Katalog - ist ein anschaulicher Überblick über ein Leben, in das zwischen "Bambi" und "Mutzenbacher" so viel mehr Kultur passte, gelungen.