Feinfühlige Menschenbeobachtung und die russische Gesellschaft sind die Themen von Iwan Bunins Erzählungen. - © www.rusarchives.ru (gemeinfrei)
Feinfühlige Menschenbeobachtung und die russische Gesellschaft sind die Themen von Iwan Bunins Erzählungen. - © www.rusarchives.ru (gemeinfrei)

Er war der erste Russe, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Das war 1933, und Iwan Alexejewitsch Bunin hielt sich damals bereits seit nahezu anderthalb Jahrzehnten in Frankreich in der Emigration auf, geflohen vor den Umtrieben der bolschewistischen Revolution in seiner Heimat. Er sollte noch weitere zwanzig Jahre, bis zu seinem Tod 1953, im Exil bleiben müssen.

Mit dem weltweit angesehensten Literaturpreis wurde damals ein subtiler Erzähler geehrt, dessen umfangreiches Prosawerk vor allem durch so anschauliche wie kenntnisreiche Schilderungen des russischen Landlebens sowie durch eine Vielzahl feinsinniger Frauenporträts in weltläufig entworfenen Novellen ausgezeichnet ist. In Bunins frühen Romanen und Erzählungen erfährt man mit teilweise drastischen Einblicken, wie trist und rückständig das Leben der Bauern und übrigen Dorfbewohner im Zarenreich war.

Viel Aufsehen auf der literarischen Bühne seines Landes hatte dem am 22. Oktober 1870 als Sohn eines verarmten adligen Gutsbesitzers im südrussischen Woronesch geborenen Schriftsteller 1910 sein erster kurzer Roman "Das Dorf" eingetragen. Schonungslos werden darin die erbärmlichen hygienischen, sozialen und moralischen Verhältnisse im ländlichen Russland der Zeit geschildert: "Der Straßenschmutz blau und fett, das Grün der Bäume, Gräser, Gemüsebeete dicht und dunkel ... Und daneben die jämmerlichen Lehmhütten mit den Strohdächern. Vor den Häusern vertrocknete Wassertonnen, das Wasser darinnen voller Kaulquappen."

Die verwahrlosten Verhältnisse halten die Menschen in Apathie und Hoffnungslosigkeit nieder. Ehen werden buchstäblich im Morast geschlossen, Begräbnisse von feisten Popen gravitätisch zelebriert. Die mit klirrenden Schnee- und Kälteschauern über die Felder und Steppen fegenden Winterstürme hinterlassen Tote zuhauf: erfrorene Bauern, Fuhrleute, Landstreicher, wodkaverführte Trinker.

Geknechtete Bauern

Die Leibeigenschaft war spät, erst 1861, abgeschafft worden. Doch nach wie vor blieb die materielle Abhängigkeit der Bauern samt ihrem Gesinde, immerhin ein Drittel der damaligen russischen Bevölkerung, weithin aufrecht. "Ganz Russland ist doch ein einziges Dorf", bemerkt einer der Protagonisten des Romans resignierend.

Die zeitgenössische Kritik tadelte den Autor, sein Bild des Provinzlebens in Russland sei "nur mit einem einzigen Pinsel gemalt: dem schwarzen". Doch Bunin kannte die rurale Misere von klein auf: Sein dem Alkohol verfallener Vater hatte das ganze Vermögen durchgebracht, sodass für die Söhne auf dem letzten verbliebenen Rittergut kein Geld für eine gediegene Schulbildung blieb. Als Autor sah er keinen Grund, die literarisch beliebte romantische Verklärung des Bauernstands fortzusetzen.

So blieben die schmutzstarrenden, verheerend vermoderten Verhältnisse auf dem Land, wie er sie in seiner Jugend erlebt hatte, auch in den unmittelbar folgenden Novellen und Erzählungen Bunins literarisches Habitat. Es gab nur eine Leuchtspur der neuen Zeit, die wie ein Blitz in die Trägheit des Riesenreichs gefahren war: Mit dem Bau der Eisenbahn zog die Moderne ins Land, doch bloß wie im Vorbeiflug.

"Totenstille lag über der schwarz und weich im Sternenlicht schlummernden Erde", heißt es in "Das Dorf". "Wie ein buntes Teppichmuster glitzerten die Sterne. In mattem Weiß schimmerte die Landschaft und verlor sich im Dämmerlicht. Von ferne her, wie aus den Tiefen der Erde emporsteigend, klang ein dumpfes, immer stärker werdendes Dröhnen. Und plötzlich hatte es sich losgerissen und erfüllte den ganzen Umkreis - die Chaussee überquerend, sauste der Schnellzug dahin; in grellem Weiß strahlte die Kette der elektrisch erleuchteten Fenster, einer fliegenden Hexe gleich breitete er seine Rauchflechten aus, die von unten rot beleuchtet wurden ..." (Übersetzung Arthur Luther).

Die Jahre vor der Oktoberrevolution 1917 waren trotz der Erschütterung durch den Ersten Weltkrieg für das Erzählwerk des vielgereisten Autors überaus ertragreich. Anderthalb Dutzend der zwischen 1916 und 1919 entstandenen Erzählungen versammelt der soeben erschienene neunte Band von Bunins deutschsprachiger Werkausgabe, die der Schweizer Dörlemann Verlag in Übersetzungen von Dorothea Trottenberg herausbringt. Gleich die Titelerzählung, "Leichter Atem", ist eine Preziose der späten europäischen Fin-de-Siècle-Literatur: Die frühreife Gymnasiastin Olga, die sich gern herausfordernd forsch und fürwitzig gibt, wird vom Freund ihres Vaters verführt und in einem dramatischen Finale auf dem Bahnsteig erschossen.

Die vielfältigen Wege der Begegnung von Mann und Frau sind Bunins literarisches Forschungsfeld. Fast immer sind es Begegnungen zweier Fremden, die lebenshungrig nach Veränderung, nach Erlösung aus dem quälenden Trott ihres Alltags suchen und die Bunin mit seiner ganz dem seelischen Erleben zugewandten Aufmerksamkeit porträtiert.

Die Revolution der Bolschewiki 1917 brachte nicht nur für Bunin die lebensbeherrschende Erschütterung. Die heraufziehende Schreckensherrschaft wurde ihm rasch klar. Er legte zu Jahresbeginn 1918 ein Tagebuch an und beschrieb in anschaulicher Drastik die ihn immer stärker in Entsetzen und Abscheu stürzenden Gewaltexzesse in den Straßen von Moskau. Marodierende Horden durchstreiften die Stadt auf der Jagd nach Abweichlern. Raub und Zerstörung waren an der Tagesordnung. Der entfesselte Pöbel vergriff sich an Frauen und Mädchen. Selbsternannte Standgerichte knüpften Menschen an nächstgelegenen Bäumen oder Laternenpfählen auf. Das Leben der Menschen wurde von Hunger, Kälte und panischer Angst niedergehalten.

Bereits im Mai 1918 entwich Bunin in die "weiße" Zone der Gegenrevolutionäre nach Odessa, das damals, von März bis November 1918, von österreichischen Truppen besetzt war, ehe die Stadt der französischen Militärverwaltung übergeben wurde. Von Odessa aus gelang Bunin und seiner Frau am 9. Februar 1920, zwei Tage nach der Einnahme der Stadt durch die Roten, mit dem letzten auslaufenden Schiff die Flucht, erst nach Konstantinopel und dann nach Frankreich. Unter dem Titel "Verfluchte Tage" wurden die Aufzeichnungen 1925 erstmals in einer Pariser Exilzeitschrift veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen sie erst 80 Jahre später, 2005 im Dörlemann Verlag. Als eine Fundgrube weniger der historiographischen als vielmehr der literarischen Augenzeugenschaft wurden sie zu Recht gepriesen.

Abschiedsflair

Je einschneidender der Terror und die Umwälzungen in seiner Heimat voranschritten, desto stärker hielt der Schriftsteller im Exil am überkommenen Geschichtsbild des aristokratischen Russland mit liberalen Grundzügen fest. Seine späteren Erzählungen durchzieht ein Hauch von Abschied und Wehmut. Alles ist auf Erinnerung, Gedenken gestimmt.

Maxim Gorki (circa 1906). - © Library of Congress
Maxim Gorki (circa 1906). - © Library of Congress

Mit Maxim Gorki hatte Bunin vor der Revolution manchen Winter auf Capri verbracht. Nachdem Gorki sich für die Revolution entschieden hatte, entfremdeten sich die Freunde grundlegend. Bunin indes brachte seine Erfahrungen mit der Insel südlich von Neapel in eine seiner berühmtesten Geschichten ein: In "Ein Herr aus San Francisco" entscheidet sich ein alternder Millionär, mit Frau und Tochter eine luxuriöse Kreuzfahrt nach Europa zu unternehmen. Doch auf Capri findet seine großräumig geplante Reise ein jähes Ende, und was sich nun zwischen der Hotelleitung und den Gästen aus Übersee anbahnt, fügt sich in Bunins Meistererzählung zum Glanzstück einer sarkastisch grundierten Milieuschilderung.

Zeitlebens gelangen dem Autor eindringliche Darstellungen der sehnsuchtsvollen ersten Liebesgefühle. Am bekanntesten wurde die spät, 1930, entstandene Kurzgeschichte "Erste Liebe", die das erwachende erotische Empfinden nahezu ausschließlich in impressionistisch hingetupften Naturbildern einfängt. Nicht wenige der Erzählungen enthalten Züge von Tragik und Entsagung. "Alles geht vorüber, aber nicht alles wird vergessen", wirft in der späten Geschichte "Dunkle Alleen" die ehemalige Magd Nadeshda ihrem adligen Verführer im Alter vor: "Die Jugend vergeht bei jedem Menschen - aber die Liebe, das ist eine andere Sache."

Eleganter Stilist

Das Motiv einer lebenslangen Liebe, die sich zerstörerisch auswirkt, kehrt auch in dem Prosastück "Grammatik der Liebe" wieder, in dem ein Gutsherr sich aufopfert, um seiner Liebe zu dem frühverstorbenen Dienstmädchen Luschka ein verzehrendes Denkmal zu setzen. Wie sich eine erkaltete Liebe beim letzten Wiedersehen wie von Reif und Frost überzogen anfühlt, ist schließlich etwa in der Erzählung "Vera" nachzulesen. "Schnörkellose Eleganz" hat man Bunins Stil attestiert. Seine literarischen Ziehväter heißen Puschkin, Tolstoi, Turgenjew und Tschechow. Gleichfalls unverkennbar ist seine Kenntnis der französischen realistischen Erzählkunst, insbesondere von Maupassant.

Iwan Bunin 1933, als ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde. - © Nobel Foundation
Iwan Bunin 1933, als ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde. - © Nobel Foundation

Ein Riss geht historisch bedingt durch die Lebensgeschichte vieler Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts. Iwan Bunin, der in Paris und in der südfranzösischen Kleinstadt Grasse seine dauerhafte Zuflucht gefunden hatte, erhielt den Nobelpreis als Staatenloser. Am 10. Dezember 1933 gab es das obligate Festbankett in Stockholm. In seiner Dankesrede brachte der Preisträger seine Freude, aber auch die quälende Bitternis über das Schicksal des Vertriebenseins zum Ausdruck:

"Ein großer Philosoph hatte recht, als er sagte, dass sämtliche Gefühle der Freude, sogar die allerschönsten, im Vergleich zu den Gefühlen der Trauer nichts bedeuten. Ohne dieses Fest hier, das für mich zeit meines Lebens eine unvergessliche Erinnerung bleiben wird, auch nur im leisesten verdüstern zu wollen, erlaube ich mir zu sagen, dass das Leid, das mir in den letzten fünfzehn Jahren widerfuhr, meine Freude bei weitem überstieg. Und dieses Leid war nicht ein persönliches - ganz und gar nicht! Jedoch kann ich auch bekennen, dass unter allen Freuden meines Schriftstellerlebens dieses kleine Wunder der modernen Technik, dieser Telefonanruf von Stockholm in Grasse, mir, dem Schriftsteller, die vollkommenste Genugtuung gewährte."