Gleich mit seinem ersten Roman schaffte es Stephan Roiss auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. - © www.detailsinn.at
Gleich mit seinem ersten Roman schaffte es Stephan Roiss auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020. - © www.detailsinn.at

Wächst man in einer sogenannten "dysfunktionalen Familie" auf und will dabei nicht untergehen, muss man sich eine dicke Haut zulegen. Am besten eine Triceratops-Haut, also die Haut jenes Dinosauriers, der mit Hörnern und Nackenschild ausgestattet war und dessen Plastikmodell sich in vielen Kinderzimmern findet.

Aber auch Sprache kann mit einer widerstandsfähigen Haut überzogen sein: Der Ich- beziehungsweise "Wir-Erzähler" im ersten Roman des 1983 in Linz geborenen Autors und Musikers Stephan Roiss versucht sich zu wappnen, indem er als genauer Beobachter Ereignisse aus seiner schwierigen Kindheit und Jugend beschreibt, sich dabei unmittelbar an der Wahrnehmung des Kindes orientiert, dabei aber sachliche Distanz wahrt. Die unkommentierte und nahezu gleichwertige Aneinanderreihung von zum Teil frustrierenden, erschütternden und rührend banalen Familienszenen lässt zuerst kaum eine äußere Entwicklung erkennen, aber die kleinen Verschiebungen im Familiensystem und die großen inneren Kämpfe der Beteiligten sind deutlich les- und spürbar.

Die Umstände in dieser Familie könnten kaum schwieriger sein, denn die psychisch kranke Mutter, die ständig weint, unter dem Einfluss starker Medikamente steht und regelmäßig in die Klinik eingeliefert wird, schafft es trotz guten Willens nicht, ihren Kindern Verlässlichkeit und Halt zu geben. Der Vater klinkt sich mittels frommer Bibelsprüche und Alkohol aus der Verantwortung. Die beiden Kinder - Bruder und Schwester - kämpfen gegen das "kalte Licht", das sie ständig umgibt, indem sie brav sind und gute Schulnoten nach Hause bringen. Viel nützt das nicht: Die Schwester des Erzählers kapituliert zusehends, ist ebenfalls psychisch angegriffen und geistert wie ein Gespenst durchs Haus.

Liebe und Fürsorge sind in dieser Familie durchaus vorhanden, können aber aufgrund von außergewöhnlicher Belastung und Überforderung nur begrenzt wirksam werden. Einzig die Großmutter dient bis zu ihrem Tod als emotional verlässliche Anlaufstelle für den Buben, der von sich durchwegs als "wir" spricht, was zusätzliche Distanz zum Geschehen schafft und als Ausdruck für große Einsamkeit, aber auch für den Verlust des "Ich" gelten kann. Denn wie soll ein Kind zu seiner Identität finden, wenn es sich einen Platz in einer in Auflösung begriffenen Erwachsenenwelt suchen muss?

Der Bub (er bleibt wie alle Personen des Romans namenlos), zeichnet Monster und Dinosaurier in seine Hefte und versucht, seine Verunsicherung mittels kindlicher Allmachtfantasien oder biblisch inspirierter Erhöhungen zu kompensieren: "Wir hätten uns nicht gewundert, wäre eines Abends ein Engel durchs Fenster in unser Zimmer geschwebt, um uns zu eröffnen, dass wir Gottes Sohn sind. Wir hätten ihn bloß gefragt, was genau unsere Aufgabe ist."

Die Aufgabe lautet: als Mensch zu überleben und zu sich zu finden. Dem inzwischen zum Jugendlichen herangewachsenen Burschen, der zu Selbstverletzungen neigt, bleibt dazu nur die Flucht aus dem Elternhaus. Nachdem das Leben seiner Schwester bereits in eine Katastrophe gemündet ist, findet er Anschluss bei einer Gruppe Punks und schließlich Unterschlupf in der alten Waldhütte seines verstorbenen Großvaters. Er erkennt, dass die Natur ein Trost und die Selbstbestimmtheit ein Ausweg sein kann. Ob beides am Ende genügt, das kalte Licht zurückzudrängen?

Auf jeden Fall zeigt sich Stefan Roiss’ literarische Komposition, die es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, wirkmächtig und empathisch. Die "gepanzerte Sprache", mit der sich der Erzähler weigert, vordergründig an das Mitgefühl zu appellieren, ist nämlich trotz allem so durchlässig, dass das warme Licht der inneren Anteilnahme auf jeder Seite durchscheint.