Ist das nicht eine verschrobene Idee, nach Sibirien zu reisen, um dort Klaviere aufzustöbern? So könnte man fragen. Aber die britische Journalistin und Reiseschriftstellerin Sophy Roberts belehrt skeptische Leser mühelos eines Besseren. Man braucht nicht lange in ihrem Buch "Sibiriens vergessene Klaviere" zu lesen, um zu begreifen, dass die Autorin nicht nur ein apart-originelles, sondern auch ein kulturgeschichtlich hochinteressantes Thema behandelt. Der Anlass ihrer Suche ist ein privater: Die mongolische Pianistin Odgerel Sampilnorow, mit der sich die Autorin auf einer ihrer Reisen angefreundet hat, spielt herrlich, verfügt aber nur über ein mangelhaftes Instrument. Also wurde der Vorsatz gefasst, für sie ein hochwertiges Klavier aufzutreiben, was schließlich auch gelingt.

Pianos im Altai

Aber Sophy Roberts entdeckt auf ihren ausgedehnten Fahrten durch Sibirien sehr viel mehr als ein gut erhaltenes, historisches Piano der Marke Grotrian-Steinweg, das 3.200 Kilometer weit von Nowosibirsk in das mongolische Orchon-Tal transportiert wird. Ihre Klaviersuche weitet sich zu einer umfassenden Entdeckung Sibiriens: An so exotischen Orten wie Kjachta, Akademgorodok oder Kamtschatka begegnet Roberts einer Fülle eindrucksvoller Menschen - etwa einem ehemaligen Navigator der russischen Fluglinie Aeroflot, der im Altai-Gebirge lebt und 41 Klaviere zusammengetragen hat, damit die Kinder dieser abgelegenen Region die Möglichkeit haben, Musik zu machen.

Das Klavier erscheint in diesem Buch als wesentliches Element einer historisch gewachsenen Musikkultur, die für Sibirien von größerer Wichtigkeit ist, als unkundige Westeuropäer glauben mögen. Wer weiß schon, dass die Stadt Harbin, die heute zu China gehört, aber einst eine russische Enklave war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine äußerst kreative Jazz-Szene beherbergte? Und wer hätte vermutet, dass das größte Opernhaus Russlands nicht in Moskau oder St. Petersburg steht, sondern in Nowosibirsk? Es wurde unter schweren Opfern während des Zweiten Weltkriegs erbaut. Viele Geschichten dieser Art erzählt Sophy Roberts in ihrem Bericht, der von Brigitte Hilzensauer in ein schönes, melodisch fließendes Deutsch übertragen wurde.

Bürgerliches Kulturgut

Mehr als andere Instrumente ist das Pianoforte verbunden mit der bürgerlichen Repräsentationskultur. Das gilt auch für Sibirien, dessen Kolonialisierung durch das zaristische Russland im 18. Jahrhundert begann und im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Wissenschafter und Verwaltungsbeamte, die in die ferne Provinz versetzt wurden, vor allem aber deren Gattinnen nahmen aus Moskau oder St. Petersburg Klaviere mit, um ihren gewohnten Lebensstil weiterzuführen.

Sophy Roberts, unterwegs in Eiseskälte. - © Michael Turek
Sophy Roberts, unterwegs in Eiseskälte. - © Michael Turek

Eindrucksvoll schildert Roberts den logistischen Aufwand, der nötig war, um ein Klavier unversehrt auf holprigen, teils zugefrorenen, teils schlammigen Straßen über tausende Kilometer zu transportieren. Mit den Instrumenten kamen aber auch Klavierstimmer, Klavierlehrer und Konzertpianisten in die sibirischen Städte, um dort ein blühendes Musikleben aufzubauen.

Dennoch diente das Klavier in Sibirien nicht nur zur Unterhaltung der führenden Schichten. Zu den vielen historischen Anekdoten, die Roberts erzählt, gehört auch die von einer jungen Dame namens Helen Peel, die 1893 zusammen mit einem Geiger und einem Cellisten auf dem britischen Schiff "Blencathra" als Pianistin engagiert war, um die Besatzung bei Laune zu halten, während das Schiff 1.600 Tonnen Schienen für die Transsibirische Eisenbahn durch das Eismeer transportierte.

In der Verbannung

Über all diesen Einzelheiten vergisst die Autorin nicht, dass das weite Land im Osten sowohl von der zaristischen als auch von der kommunistischen Regierung als unmenschliches Straflager missbraucht wurde. Nach dem antizaristischen "Dekabristen-Aufstand" im Jahr 1825 wurden hunderte Oppositionelle nach Sibirien verbannt, das sie auch nach Verbüßung der Haftstrafe nicht mehr verlassen durften. In Städten wie Irkutsk und Tomsk bauten sie ein neues Leben auf, und ein Klavier im Wohnzimmer gehörte meist zur Grundausstattung.

Fotostrecke 8 Bilder

Aber auch in der Geschichte des sowjetischen Gulag spielen Klaviere eine Rolle. Besonders ergreifend ist die Lebensgeschichte der Pianistin Vera Lotar-Sewtschenko: Aus Frankreich stammend und mit einem Russen verheiratet, wurde sie 1943 wegen des Verdachts ausländischer Spionage in ein Arbeitslager in Jekaterinburg gebracht. Sie überlebte die Haft, die 1950 endete: "Als Erstes nach ihrer Entlassung ging sie auf die Straße der kleinen Stadt Nischni Tagil und suchte nach einer Musikschule. Sie trug immer noch ihre gesteppte Sträflingsjacke und bat, ob sie auf einem Klavier spielen dürfe." Sie durfte.