Marcel Reich-Ranicki, deutscher Literaturkritiker mit Papstwürden von Feuilletons Gnaden, hat es ja auch in die Kabaretts geschafft. Einer der häufigsten Sketches war, wie Reich-Ranicki ein Telefonbuch rezensiert. Wenn man doch wenigstens einmal die Variation mit einem Wörterbuch gewagt hätte!

Wörterbücher - Bücher ohne literarischen Wert (tatsächlich? - bitte um einen Moment Geduld), aber von erheblichem Wert. Es ist gut und würdig, ihnen den heutigen Freitag zu widmen. Denn Wörterbücher sind weit mehr als alphabetisch geordnete Wörterverzeichnisse einer Sprache.

Und selbst, wenn sie nur das wären - sie wären die reine Sprachfundgrube. Was gäbe ein Altphilologe um ein Wörterbuch der griechischen Sprache zur Zeit des Aischylos oder um eines der lateinischen Sprache zur Zeit des Gaius Julius Caesar? Sumerologen haben mehr Glück: In Uruk wurde tatsächlich etwas gefunden, was einem Wörterbuch entspricht. Es stammt aus der Zeit um 600 vor Christi Geburt.

Ein Wörterbuch ist, um das klipp und klar festgestellt zu haben, kein Lexikon. Das Lexikon bietet Sachinformation, das Wörterbuch erklärt die Wörter selbst. Das Wörterbuch verfolgt einen quasi-philosophischen Ansatz, nämlich den, einem Wort auf den Grund zu gehen, ein Wort abzuzirkeln, in seiner Bedeutung und Nebenbedeutung zu erfassen, es sozusagen auszukosten bis an seine Grenzen.

Die Wörter der Muttersprache

Unsinnig, weil ohnedies zumindest jeder weiß, was die Wörter seiner Muttersprache bedeuten? Dann machen wir doch einmal die Probe aufs Exempel: Wie wär’s mit "saumselig"? Mit "schlankerhand"? Und mit "Gimpel"?

Apropos "Gimpel": Das ist so ein typischer Fall für das Wörterbuch. Allenfalls weiß der Ornithologiekundige, dass es sich um eine andere Bezeichnung für den Dompfaff handelt (der Dompfaff wäre eventuell im Wörterbuch nachzuschlagen). Aber der "Gimpel" hat auch noch die Nebenbedeutung "einfältiger Mensch". So weit kann man’s wissen, wenn man über einen großen Wortschatz verfügt und einiges an deutschsprachiger Literatur des 19. Jahrhunderts gelesen hat. Obendrein hat "Gimpel" noch die Bedeutung einer roten Trinkernase - und wer das weiß, hat es wahrscheinlich dank Robert Sedlaczeks "Wörterbuch des Wienerischen" erfahren.

Oh, diese wunderbaren Wörterbücher! - Diese einzigartigen Möglichkeiten, in den Sprachgebrauch früherer Zeiten oder in den mehr oder minder begrenzter Regionen einzutauchen! Was meint ein Wiener, wenn er seine Frau "feanzerisch" eine "Plodern" nennt? Weshalb tut ein Niederösterreicher auf dem "Häum" "schleebaucha"? Was bringt einen Bayern dazu, im "Loh" zu "rillen"? Und da ist noch keine Rede vom Hamburger, der eine "Brass" hat, weil er beim "Daddeln" verloren hat.

Dabei ist es so einfach dank der Wörterbücher! "Feanzerisch": mit hämischem Grinsen; "Plodern": eine geschwätzige Frau; "Häum": Stoppelfeld; "schleebaucha tun": schnaufen; "Loh": lichtes Wäldchen; "rillen": weinen; "Brass": Zorn; "daddeln": Glücksspiele spielen. Mittlerweile hat nahezu jede Region ihr Wörterbuch: Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Schwaben, Norddeutschland, natürlich auch Schweizer Regionen. Und das sind nur die deutschsprachigen.

Ein Wörterbuch regionaler Sprachausprägungen heißt "Idiotikon". Das hat nichts mit Vertrottelung zu tun, sondern mit der ursprünglichen Bedeutung von "Idiot" (schnell im Wörterbuch nachgeschlagen): Das griechische Wort "idios" bedeutet "abgesondert", "eigen"; ein "Idiotikon" ist daher das Verzeichnis von Begriffen, die nur einer bestimmten Region zu eigen sind. Und sofort weiß man auch, dass Fjodor Dostojewskis "Idiot" kein Idiot ist, sondern ein sehr eigener Mensch.

Oder wie wäre es mit einer kleinen Wortzeitreise? - Geht gar nicht weit zurück, gerade einmal so ungefähr zwei Jahrhunderte. Waren das Zeiten! Da konnte schon einmal eine Jungfer einem Hagestolz etwas abäugeln. Oder anders gesagt: Eine wahrscheinlich junge Frau ("Jungfer" bedeutet unverheiratet - und Frauen wurden damals ziemlich jung verheiratet) hat einem nicht mehr jungen unverheirateten Mann etwas abgeluchst allein dadurch, dass sie ihm schöne Augen gemacht hat. "Abäugeln" - ist das ein Wort! Zu finden im "Grimm", also im Deutschen Wörterbuch, das Jacob und Wilhelm Grimm begonnen haben. Bis zum Buchstaben E haben sie ihr Wahnsinns-Unternehmen selbst geführt, erst 1961 wurde es nach ihren Vorgaben beendet.

Das edle A

Bekannter, oder eher: besser eingebürgert als der 17 dicke Bände umfassende Grimm ist das Wörterbuch von Konrad Alexander Friedrich Duden, das stets versucht, die deutsche Sprache auf ihrem gerade gegenwärtigen Stand abzubilden - und fallweise auch die Schreibung umzubilden, wie jeder leidvoll erfahren hat, der bei der Umstellung von der alten auf die neue Rechtschreibung einen mehr oder minder großen Teil seiner Rechtschreibsicherheit verloren hat.

Das Wörterbuch der Grimms war nicht nur ein sprachliches, sondern auch ein politisches Unternehmen der Brüder, die durch ihre ebenfalls politisch angehauchte Märchensammlung bekannt sind. Das Politische bestand darin, die in Fürstentümer aufgesplitterten Gebiete zumindest einmal durch die Manifestation einer gemeinsamen Sprache und einer gemeinsamen Erzähltradition zu vereinigen.

Dabei ist selbst im Wörterbuch mitunter die reine Poesie herausgekommen. Man muss einmal die Definition des Buchstabens A rein sprachlich genießen (am besten laut lesen - die Kleinschreibung ist original): "A, der edelste, ursprünglichste aller laute, aus brust und kehle voll erschallend, den das kind zuerst und am leichtesten hervor bringen lernt, den mit recht die alphabete der meisten sprachen an ihre spitze stellen. a hält die mitte zwischen i und u, in welche beide es geschwächt werden kann, welchen beiden vielfach es sich annähert. Vorgeschichte und geschichte unserer sprache verkünden solche übergänge allenthalben: lat. pater Iupiter Diespiter, goth. fadar, vater; lat. taceo conticeo, goth. thaha, ahd. dagêm; lat. sapio desipio, goth. safja; lat. habeo cohibeo, goth. Haba..." Und das ist nur ein kurzer Teil dessen, was die Grimms zum A aufgespürt haben.

Die Grimms zitieren und zitieren Belege für ihre These des A-Klangs. Da schlägt sich eine Brücke zur experimentellen Dichtung des jungen H. C. Artmann, und zwar zu seinen "sieben lyrischen verbarien". Das sind Wörtersammlungen auf der Grundlage des Klanges, der Assoziation, der spontanen Erfindung. Gibt es poetische Wörterbücher? - Artmann kommt in die Nähe: "ungummi / schneebitter / sanssouci / gekäfigte / note / abdusche / gesiebt / mausoleum / monsuntätowiert / perolin / turbán der / sesterzen / axiom der / lagunen / ovarien aus / echo /...", so fängt das erste der Verbarien an.