"Ich war schiffbrüchig, die Welt war ein schwankender Ozean, und jetzt fuhr ich als Fremde nach Hause mit einem Tier auf der Brust, vor dem mein Vater sich fürchtete." Klarissa Grill hat beide Brüste verloren, Ersatz aus Silikon lehnt sie ab. Stattdessen setzt sie nach erfolgreicher Chemotherapie auf fetischistischen Abwehrzauber - und lässt sich einen Oktopus auf die Leerstelle tätowieren. Denn Oktopusse fressen Krebse.

Klarissa ist die Heldin und Ich-Erzählerin von "Was ich im Wasser sah", dem beachtlichen Debütroman von Katharina Köller. Die gebürtige Eisenstädterin kommt vom Theater, entsprechend ausgeprägt ist ihr Sinn für Dramaturgie. Davon zeugen ein straffer Spannungsbogen und das buchstäblich fabelhafte Verwirrspiel um die Schwester der Hauptfigur.

Wasserschwester

Die Autorin verknüpft zwei Erzählstränge: eine Art Öko-Krimi mit Science-Fiction-Elementen, und eine (kursiv gesetzte) Perspektive auf das, was die Heldin "im Wasser sah": Es ist der Blick in tiefere Zonen des Bewusstseins - Gestalt geworden durch ein Findelkind. Klarissens Familie nimmt es auf und gibt ihm den Namen Irina. Doch irgendwie scheint die gefundene Schwester nicht von dieser Welt: Irina trägt Züge einer mythischen Wasserfrau. Verkörpert sie das archetypische Schatten-Ich von Klarissa? Also letztlich den großen Traum von der Aussöhnung zwischen Mensch und Natur?

Klarissa hat auf einem nicht näher verorteten "Festland" das Gymnasium und die Filmakademie besucht, den Krebs besiegt und ihren Freund verabschiedet. Nun arbeitet die begabte Fotografin an einem neuen Lebensentwurf, unter höchst prekären Bedingungen. Ein Job als Burger-Braterin sichert ihr tägliches Brot, eine schäbige WG das Dach über dem Kopf. Die innere Distanz zur namenlosen Heimatinsel ist groß, der Kontakt zur Familie unterbrochen.

Eines Tages kehrt Klarissa zurück auf die Insel, wo nichts mehr ist, wie es war. Die geliebte Stiefmutter ist gestorben; die Fischerei liegt darnieder; Abholzung und bauliche Großeingriffe verändern das Erscheinungsbild; die Bevölkerung wandert ab. "Unser altes Leben bröckelt von den Felsen, auf denen wir gestanden sind."

Auf einem Felsen steht auch das Gasthaus des Vaters. "Auf der Klippe" nennen es die Insulaner. Früher hieß es "Zur Schwankenden Weltkugel", danach "Admiral Benbow": eine von vielen Anspielungen auf Robert Louis Stevensons "Schatzinsel". Birgt auch diese Insel Schätze? Die Autorin lässt es uns glauben. Denn ein dubioser Konzern namens "Starfish" macht sich in kolonialistischer Manier breit, übersät das Eiland mit Glastürmen, gläsernen Windrädern - und mit metallenen "Zecken", die über gerodete Hänge kriechen. Das weckt den Widerstandsgeist der Heldin. Jedoch: Die Insel hat sich nicht nur markant verändert; hier ist auch nichts, wie es zunächst scheint.

Mythen & Marketing

Katharina Köller erzählt in starken Bildern, die teils mythisch aufgeladen, teils schaurig dystopisch sind. Gleichzeitig bedient sich die Autorin verschiedenster Mittel zur Unterminierung und Relativierung alles Gesagten. So jongliert sie lustvoll mit Märchen-Phrasen und Werbetext-ähnlichen Formeln oder holt zwischendurch zu sprachkritischer Reflexion aus.

Ihre fiktive Insel, deren wehrlose Einwohner und der dominante Akteur aus der Fremde haben Modellcharakter. Hier geht es um die konfliktreiche Beziehung zwischen Natur und Technik, um den Verlust traditioneller Lebenswelten und die individuelle Verunsicherung - sprich: Identitätskrise - in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. Doch die Autorin betreibt keine nostalgische Verklärung vergangener Zeiten, sondern verpackt Gesellschaftskritik in ein Spiel mit Klischees und Erwartungshaltungen. Dabei bröckeln nicht nur Felsen, sondern auch vermeintliche Gewissheiten.