Mania ist eine freie, unerschrockene Frau in den Dreißigern. Sie hat ihr Leben auf die Rache für einen Gewaltakt an Tomek, ihrem Freund aus Kindheitstagen, ausgerichtet. Schon als Mädchen fühlte sie sich wie David, der den viel stärkeren Goliath durch Klugheit besiegte. Goliath ist in diesem Fall das Schicksal, der Tod, die eigene Schwäche, was auch immer sich Manias Plänen in den Weg stellt.

Der aktuelle Plan sieht vor, Tomek zu finden. Er ist einer Frau namens Marina verfallen, die sich das Leben nehmen will. Tomek will sie retten; als Bub konnte er seine Mutter nicht vor dem Suizid bewahren, seine Schuldgefühle quälen ihn bis heute und lassen ihn Marina zu einer Heiligen verklären. Sie darf ihm jede Schikane zumuten, wenn sie nur überlebt.

Tomek und Mania sind zwei von fünf Erzählern in "Roter Affe", dem Debütroman der aus Wien stammenden Autorin Kaśka Bryla. Der Titel bezieht sich auf ein chinesisches Jahr des Affen, vermutlich 2016, in dem der Roman spielt. Mania und Tomek stammen aus Polen und wuchsen als Nachbarn in Wien auf; das Band zwischen ihnen ist bis heute eng. Zuletzt lebte Tomek in seiner Berliner Wohnung mit dem Syrer Zahid zusammen, den Mania 2015 von Mazedonien über Österreich nach Deutschland geschmuggelt hatte.

Als Tomek verschwindet, wirft Mania ihre Stelle als Gefängnispsychologin hin und fährt mit ihrer Freundin Ruth, einer Hackerin, die Tomek aufgrund seiner Handy-Daten in Polen aufspürt, nach Warschau. Mit von der Partie sind auch Zahid, der wegen Dealens von der Polizei gesucht wird, und Manias Hündin Sue, die fünfte Erzählerin.

Wie eine Collage

Nach diesem Road Trip sind die Karten im Beziehungsgeflecht neu gemischt. Die Entwicklung dahin wird kaum beschrieben, daher wirkt der Schluss konstruiert, wie der Roman überhaupt sprachlich und hinsichtlich der Schlüssigkeit der Charaktere und ihrer Handlungen wie aus Bruchstücken zusammengesetzt erscheint.

Ja, zu Beginn des Trips spürt man den Aufbruch, ab und zu Lebensfreude. Je tiefer die Figuren in die eigene Vergangenheit und die Geschichte Ostdeutschlands und Polens eintauchen, desto mehr durchzieht gefühlter kalter Nebel den Roman. Wie ein Mensch aus Fleisch und Blut wirkt am ehesten Tomek; Mania hingegen hat etwas von einem gut geölten Roboter.

Das Gefühl, versagt zu haben, einen Menschen nicht vor anderen oder vor sich selbst beschützt zu haben, kann ein Leben bestimmen. Ein trauriges Thema, das berühren kann. Hier wird es unter einer Glocke aus Erstarrung und gleichgültiger Trostlosigkeit erstickt. Woher diese kommt, viele Jahre nach den erschütternden Ereignissen der Handlung, bleibt ein Rätsel. Die kriminelle Energie, die Mania und Ruth und Zahid an den Tag legen, macht die Geschichte wenigstens zwischendurch etwas spannender.