"Aufzeichnungen einer Tagediebin" lautet der Untertitel des Romans. Genauso hätte man "Aus dem Leben eines Taugenichts" darunterschreiben können: Der Müßiggang gehört auf jeden Fall zum perfekten Teenagertum dazu wie Schule schwänzen, Haschkekse backen und Herumlungern. Allesamt Disziplinen, in denen die Antiheldin und Ich-Erzählerin dieses Buches einsame Spitze ist.

Stefanie Sargnagel, gebürtige Sprengnagel, nennt ihren ersten Roman nach dem Zustand seiner Figuren schlicht "Dicht" und erzählt darin aus ihrem früheren Leben. Heraus kommt eine Coming-of-Age-Geschichte ohne Erwachsenwerden, eine Art Künstlerinnenroman, der die Autorin als junge Frau vorstellt. Bisher reüssierte Sargnagel mit Kurznachrichten, für ihren Roman nimmt sie sich die eigene Autobiografie zu Herzen. Auch die Stefanie Sargnagel im Roman, kurz Steffi, heißt eigentlich Sprengnagel; sie ist die Tochter eines FPÖ wählenden Elektrikers und einer Krankenschwester und hat so gut wie nur Blödsinn im Kopf.

Drogen & Pflanzen

Die Frage, ob alles so geschehen ist, wie im Roman behauptet, ist natürlich unerheblich. Entscheidend ist, inwiefern es der Autorin Stefanie Sargnagel gelingt, aus disparaten Teilen ein kompaktes Ganzes zu formen - und das gelingt ihr ausgesprochen gut, auch wenn die Erzählerin sich als ebenso unstet erweist wie ihr Lebenswandel. Dass die Autorin erzählen kann, wissen ihre Fans längst. Zudem hat sie eine Gabe für unverbrauchte Bilder. Im Roman huschen etwa LSD-bedingte Halluzinationen an der Ich-Erzählerin vorbei wie übrig gebliebene Luftschlangen in einer verlassenen Partywohnung, oder ein Typ sieht aus wie eine Pflanze, die lange nicht gegossen wurde.

Wie in Teenager-Geschichten üblich, wimmelt das Buch vor ersten Malen: das erste Mal weg von zu Hause, das erste Mal Ecstasy, das erste Mal verliebt. Im Falle der Erzählerin kommt alles etwas wuchtiger, heftiger, dichter daher. Mit fröhlicher Scheiß-drauf-Mentalität und sedierter Beschwingtheit erinnert sich Sargnagel an ihre Jugendsünden und versteht es, sie ebenso empathisch wie urkomisch zu reaktivieren.

Da sich die meisten davon in Wien abspielen, ist es auch ein Wien-Roman geworden, Mannerschnitten, Fiaker und Votivkirche inklusive. Einheimische dürften naturgemäß anders auf das Buch reagieren als Auswärtige, die in aller Regel schon der sprachliche Schmäh entzückt. Nicht unvorstellbar, dass dereinst touristische Sauftouren durch das nächtliche Wien angeboten werden - mit Stopps in den einschlägigen Wirtshäusern und Halt im Türkenschanzpark. All diese Orte liefern die schummrig herrliche Kulisse für diesen Roman, der in seinem Kern ein Loblied auf die Freundschaft und die richtige Gesinnung singt.

Schräge Nachtvögel

Sargnagel beschreibt eine wohlstandsverwahrloste Jugend meist ohne Wohlstand, eine im Prekariat hausende Jeunesse dorée. Dazu kommen Gestrandete, Geniale und Gemeine. Mit ihnen verbringt die Erzählerin ihre Tage und Nächte. Das Zentralgestirn in diesem Figurenreigen heißt Michi, ein Freigeist wie aus dem Bilderbuch, einer, der Georg-Kreisler-Lieder nicht nur singt, sondern lebt. Am Ende des Buches ist er nicht mehr am Leben und Sargnagel gelingen im Abschied berührende Sequenzen der Trauer und Traurigkeit.

Zuvor kulminiert in Michis Wohnung manch eine Party. Die Nachtgestalten, die sich dort einfinden, torkeln auf der Schwelle zwischen Einweisung in die Psychiatrie und großem Durchbruch. Planloses Abhängen zelebrieren sie wie andere Sonntagsspaziergänge im Park. Doch unter dem Drogensumpf und der Rotzigkeit, mit der Sargnagel erzählt, lauern immer wieder aufrichtige Momente der Intimität und der grundlegenden Lebensweisheit. Kurz: Ein Roman so erfrischend und ehrlich wie ein Dosenbier.