Siegfried Unseld machte Suhrkamp zum wichtigsten Verlag für deutschsprachige Literatur in der Nachkriegszeit. - © dpa/Heinz Wieseler
Siegfried Unseld machte Suhrkamp zum wichtigsten Verlag für deutschsprachige Literatur in der Nachkriegszeit. - © dpa/Heinz Wieseler

Wenn Siegfried Unseld für den Suhrkamp-Verlag eine Reise tat, schrieb er nachher einen Bericht: zum hausinternen Gebrauch und zur Information seiner Führungskräfte. An die 1.500 dieser teils sehr ausführlichen Texte soll es geben, 35 "Reiseberichte" aus dem Zeitraum von 1959 bis 1998 sind nun in einem klassisch-schönen Band der "Bibliothek Suhrkamp" nachzulesen.

Eigentlich handelt es sich zumeist um Geschäftsreise-Berichte, in denen es um Tantiemen, Übersetzungen und Verwertungsrechte geht, um Buchmessen, um Kontakte zu wichtigen Akteuren im Literaturbetrieb zwischen Berlin, Zürich, New York, Japan und Moskau oder um die Rivalität mit anderen Verlagen auf der Suche nach neuen Autoren für den deutschen Markt. Dabei dokumentieren sie nicht nur das Wirken eines der einflussreichsten Verleger der Nachkriegszeit, sie geben auch Einblick in die praktischen Mechanismen, welche die Bücher von Uwe Johnson, Max Frisch (den Unseld einmal ungewollt schwer beleidigt hat), Ernst Bloch, Lars Gustafsson oder Jürgen Habermas hervorgebracht haben. Die prominentesten Dichter und Denker - leider fehlt ein Namensregister - erscheinen demgemäß in großer Zahl.

Dabei blitzen zwischen den meist eher trockenen Schilderungen auch immer wieder kuriose Vignetten auf: So ein Mittagessen Unselds mit Peter Handke und Samuel Beckett, bei dem Handke partout nicht reden will; oder wie ein Straßenhändler in Bethlehem Unselds Lebensgefährtin, die Autorin Ulla Berkéwicz, kaufen wollte (sie war dann doch zu teuer).

Aus den späteren Berichten der 80er und 90er Jahre spricht dann ein anderer, weniger geschäftsmäßiger, vielmehr literarischer und persönlicher Ton, der deutlich in Richtung einer Autobiographie zielt; und diese Texte sind auch wesentlich interessanter. Berührend ist etwa Unselds letzte Begegnung mit Beckett, der sich zum Sterben in eine trostlose Kammer wie aus einem seiner Stücke zurückgezogen hat.

Skurril dagegen die drei Tage im Juli 1980 mit einem überaus unleidlichen Thomas Bernhard, dessen Kaprizen den Verleger zur Verzweiflung treiben: "Was wir machten, war nichts anderes als eine Szene aus einer Komödie von Thomas Bernhard." Nach aufreibenden Machtspielchen in Ohlsdorf, Gmunden und bei den Salzburger Festspielen flieht Unseld schließlich zu Peter Handke auf den Mönchsberg, um Tee zu trinken und Handkes Katzen beim Spielen zu beobachten.