Böswillige Betrachter könnten dieses Buch als eine Art Gauß’sche Resteverwertung betrachten, denn es versammelt Reportagen, Reden, Zeitungskolumnen und andere Gelegenheitstexte, und gerade einmal drei davon sind bisher noch nirgends veröffentlicht worden.

Karl-Markus Gauß ist nicht ohne Grund ein gefragter Beobachter der Zeitläufte, momentan regelmäßig als Kolumnist in der "Süddeutschen Zeitung" und auch als Beiträger zu den verschiedensten Sammelbänden. Trotzdem ist "Die unaufhörliche Wanderung" mehr als nur anstrengungslose Zweitverwertung aus der Schublade. Das hat zum einen damit zu tun, dass zwei Reportagen enthalten sind, die Gauß’ ganze Klasse in diesem Genre zeigen.

Die eine sucht nach den Überresten verschwundener Dörfer, die auf dem riesigen Truppenübungsplatz Allentsteig im Waldviertel als Kampfkulissen und Beschussziele dienen. Die andere fragt danach, was aus der einstigen Vielvölkerstadt Odessa am Schwarzen Meer geworden ist. In beiden Texten schimmert stets die Vergangenheit durch die Gegenwart, ist das nur noch in Spuren Sichtbare interessanter als das Offensichtliche.

Zum anderen liegt es daran, dass Gauß im publizistischen Alltagsgeschäft genauso hohe Maßstäbe ans eigene Schreiben anlegt wie bei "durchgeschriebenen" Büchern. Sprich: Gauß’sche Sätze sind immer wohlformuliert, nie auf billige Pointen oder Provokationen aus und stets getragen von einer Haltung, die man als zutiefst menschenfreundlich titulieren könnte.

Gauß hat nach eigener Aussage "den mir gemäßen Ort in der Halbdistanz gefunden: Mit mir, ohne mich!" Aus dieser Position resultieren seine besten Texte, während das, was er als "historische Recherchen" bezeichnet (in denen das Ich allenfalls ganz am Rande vorkommt), im Vergleich eher matt und oft etwas oberlehrerhaft wirkt. Aber wie auch immer: Dieser Zwischengang macht definitiv Appetit auf den nächsten Hauptgang.