Sein Faible für das Archaische führte Knut Hamsun in die Nähe des Nationalsozialismus. - © Nasjonalbiblioteket CC BY 2.0/Anders Beer Wilse
Sein Faible für das Archaische führte Knut Hamsun in die Nähe des Nationalsozialismus. - © Nasjonalbiblioteket CC BY 2.0/Anders Beer Wilse

Vor hundert Jahren, als Oswald Spengler den Untergang des Abendlandes erklärte, malte der norwegische Autor Knut Hamsun (1859-1952) mit einzigartiger poetischer Kraft eine Vision von einem guten Leben. Sein Epos "Segen der Erde", erschienen 1917, mit dem Literaturnobelpreis geehrt 1920, beschreibt eine vormoderne Agrar-Utopie, die im Anbruch jenes dynamischen Jahrzehnts der 1920er Jahre mit Wirtschaftswachstum, Industrialisierung und Verstädterung ziemlich dystopisch daherkommt. Aber genau für diesen Roman, nicht etwa für sein Gesamt- oder Lebenswerk, erhielt Hamsun die besondere Würdigung.

Hat es Sinn, nach hundert Jahren an eine mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Agrar-Utopie zu erinnern - und an einen Autor, der ein großer Poet und ein politischer Trottel war? Ja, weil das Werk klüger sein kann als sein Autor. Aber letztlich wird jedes literarische Werk vollendet durch seine Leser. Im Falle von Hamsuns "Segen der Erde" waren es Millionen, die davon berührt und begeistert wurden. Dass sie sich von einem hinterlistigen Autor hinters Licht führen ließen, braucht man ihnen nicht vorwerfen. Warum sollten sie klüger gewesen sein als die hochnoble Schwedische Akademie?

Bauer im Ödland

Hamsuns kraftvolles Epos ist eine pathetische Antwort, eine radikale Absage auf Entwicklung und Fortschritt, auf Geldwirtschaft und Industrie, auf Verstädterung und Auswanderung. "Segen der Erde" erzählt von einem erdfesten Leben, von einer redlichen Existenz durch weitgehende Selbstversorgung und Autonomie, die ein leibliches wie seelisches Gedeihen speisen. Die Geschichte des Mannes, der sich im wilden Nordland behauptet und beheimatet, verbindet magische Szenen zu einer Vision von einer rechtschaffenen und gelingenden Existenz.

An den naiven Bildern naturnaher, bodenständiger, bäuerlicher Arbeit prallt das moderne Leben ab. Während der Bauer im Ödland schafft und gedeiht, verkommt der Stadtmensch beim Würfeln. Figuren, die aus der Stadt zurückkehren, wirken irgendwie verpfuscht.

Der vom Segen der Erde gekennzeichnete Mann geht hinaus ins Ödland. Immer wieder geht er den Weg, er bringt sich und seine Sache(n) hinauf. Im Gehen bildet sich sein Weg. Unterwegs findet er eine gute Stelle und baut eine Erdhütte, hält Ausschau nach einer Magd, überlebt den ersten Winter. Dann läuft ihm eine Frau zu, er ist gierig nach ihr und bekommt sie. Am nächsten Morgen geht sie nicht weg, sie geht nie mehr weg, sie werden eins, Isak und Inger, die beiden und ihre Hütte. Sie bekommen Kinder, eins, noch eins, dann eins mit Hasenscharte, die Mutter, selber davon gezeichnet, erwürgt es sogleich, doch die Behörden erfahren davon. Inger muss ins Gefängnis.

Isak wartet auf sie, sechs lange Jahre, dann kommt sie zurück - verändert, verfeinert, sie kann lesen, schreiben, nähen. Bildung, Mode und Geschwätzigkeit erreichen das Ödland. Damit nicht alles aus dem Ruder läuft, müssen die derben Fäuste des Mannes eingreifen.

Der Nobelpreisträger und der Landmann (1929). - © Nasjonalbiblioteket/Anders Beer Wilse
Der Nobelpreisträger und der Landmann (1929). - © Nasjonalbiblioteket/Anders Beer Wilse

Der Staat rückt näher und setzt Grenzen. Bald steht Land nicht mehr zur Verfügung, so weit man schauen kann, sondern nur noch, so weit man’s braucht. Der Legalisierung der wilden Landnahme folgen Ingenieure, die Telegraphenlinien über das Gebirge ziehen. Der Pionier bekommt zu hören, dass es nicht schadet, wenn die Welt hereinkommt und den öden Ort erhellt. So dringt die Zivilisation ein und beginnt, das freie Bauerntum zu kontaminieren. Am gefährlichsten: das Geld. Die für die Wartung der Leitungen angebotene Entlohnung liegt weit über dem, was die Landwirtschaft abwirft. Nur ein dumpfer Kerl wie Isak behält den Verstand und vergisst nicht, dass er wegen der Felder und Tiere da ist.

In jenen Tagen vor hundert Jahren musste England - als Land, als Wort - herhalten für die Verhöhnung von Industrie- und Geldmoral, für die Abwertung von Effektivität und Massenproduktion, für die Verachtung von Gewinnstreben und für die Schuld am Verlust von Lebenssinn. "Englisches Denken" war nicht nur bei Hamsun heftigster Polemik ausgesetzt. Der Philosoph Max Scheler (1874-1928) erstellte einen ganzen Katalog von Begriffen und verwies auf deren zweckmäßige Verwahrlosung im "englischen Denken": Aus Treue wurde Vertragsgenauigkeit, aus Kultur Komfort, aus Vernunft Ökonomie; Rechnen ersetzte das Denken und Gott musste sich in den Interessen Englands wiederfinden.

Hamsun als Tramway-Schaffner in Chicago (1886). - © Nasjonalbiblioteket
Hamsun als Tramway-Schaffner in Chicago (1886). - © Nasjonalbiblioteket

Hamsun hasste England und er fürchtete die Amerikanisierung. Zweimal war er in Amerika, als Erntehelfer geriet er in die Mechanismen der industriellen Landwirtschaft, als Straßenbahnschaffner in das Gewimmel der Großstadt. Wollte er Europa davor bewahren? Es war in Wien, am 23. Juni 1943, als er sich bei einer von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels organisierten Tagung vor rund 500 Journalisten aus 40 Ländern offen für den Nationalsozialismus aussprach und mit einer für Titelseiten geschaffenen Botschaft schloss: "England muss auf die Knie."

Seine Reisen nach Russland und in den Orient führten Hamsun hingegen in "Märchenländer", wo Menschen mit ihrer Genügsamkeit, ihrer Fähigkeit zu entbehren wirken: "Persien ist eine Sache, der Fortschritt eine andere. Wenn die Menschen nach der Buchungsmethode des Fortschritts rechnen, dann geraten sie in die roten Zahlen... [Wirklicher] Fortschritt, das ist die notwendige Ruhe des Körpers und der notwendige Frieden der Seele ... [Wirklicher] Fortschritt, das ist eine Frage des Gedeihens."

Erhabene Natur

In "Segen der Erde" erschuf Hamsun ein solches Märchenland im hohen Norden. "Nordland - das ist Märchenland", schrieb er in einem Artikel mit denselben Worten wie in seinem Buch über den Orient. "Das sind Sternennächte und Nordlichter, das ist eine Blume auf dem Fjell, ein Strauch im Tal, das bleiche Leben, die Stille. Das sind Unwetternächte, wenn Himmel und Erde sich vereinen und die Orgeln der Ewigkeit brausen, die großen Fischzüge, und dann ist wieder Sommer, das Sonnenwunder jede Nacht, die brausende Vogelwelt." Im Ödland des hohen Nordens scheint man dem Frommsein gar nicht entgehen zu können. Immer sind höhere Mächte spürbar. Ein Hauch aus dem Jenseits streicht über das Gehöft und seine Bewohner.

Die raue Landschaft der Provinz Nordland: hier der Junkerdal nasjonalpark. - © Frankemann CC BY-SA 4.0
Die raue Landschaft der Provinz Nordland: hier der Junkerdal nasjonalpark. - © Frankemann CC BY-SA 4.0

Mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur ehrte die Schwedische Akademie Hamsuns Roman, doch berühmt wurde er durch Deutschland: vor allem durch die deutsche Leserschaft und durch das deutsche Regime. Für Hamsuns Frau Marie, eine ausgebildete Schauspielerin, wurden monatelange Lesereisen durch Deutschland organisiert. "Segen der Erde" wurde mehrmals in hohen Auflagen produziert und fand in Deutschland eine große Leserschaft.

In Hamsuns Weltanschauung avancierten das nationalsozialistische Deutschland und sein Führer zur erhofften Rettung vor den Yankees und Juden und ebenso vor den Kommunisten: "Es gibt Dummköpfe, die die Erlösung der Welt und das Leben der Zukunft nur in Eisenbahnbauten, Sozialismus und amerikanischem Gebrüll zu sehen vermögen." Hier galt es mit rechter Propaganda dagegenzuhalten, und Hamsun ließ sich nicht lumpen: Hitler wurde in seinen Worten zum größten Staatsmann aller Zeiten.

"Ach, hätte er doch den Mund gehalten", meinte dazu Kurt Tucholsky, der freimütig bekannte, vor dem Poeten Hamsun die Knie zu beugen. "Der einzige Dichter, mit dem man Sie vergleichen kann, ist Homer", schrieb Egon Friedell. "Wir haben nicht Ihresgleichen", sagte Stefan Zweig. Albert Einstein betrachtete Hamsun als einen der größten Menschen seiner Zeit - und Ähnliches sagten Hermann Hesse und Selma Lagerlöf. "Seit Hamsun schreiben wir anders, jeder von uns, froher, weicher, sonniger", bekannte sein Landsmann Nordahl Grieg.

Die norwegische Königin Sonja besucht 2009 eine Ausstellung zu Hamsuns 150. Geburtstag. - © AFP/Scanpix Norway/Erlend AAS AAS
Die norwegische Königin Sonja besucht 2009 eine Ausstellung zu Hamsuns 150. Geburtstag. - © AFP/Scanpix Norway/Erlend AAS AAS

Millionenfach griffen Menschen nach Hamsuns preisgekröntem Buch, das ihnen ihre Sehnsucht erzählte. Wer aber nicht seiner Sehnsucht, sondern dem Text folgt, spürt, dass ein verführerischer Erzähler über doppelbödiges Gelände zieht und die idyllische Erzählung ironisch unterläuft. Doch der fromme Leser schreitet, den attraktiven Horizont des einfachen, guten Lebens vor Augen, zur eigenen Überzeugung und nimmt dabei das tierische, haarige Aussehen des Sämanns und sein wortkarges Schuften gar nicht wahr.

Verehrung und Spott

Millionen trotteten hinter Hamsuns Helden her, um allmählich und unter den peinlichen Zurufen des Autors im braunen Morast zu versinken. An Übersetzern und Multiplikatoren fehlte es nicht. Mit Blick auf Österreich spottete Kurt Tucholsky: "Da gibt es einen jungen Mann, der schreibt alle Romane Hamsuns noch einmal." Er meinte Karl Heinrich Waggerl, "Hamsun den Zweiten".

Dabei verbirgt Hamsuns "Segen der Erde" nicht, woher der Segen für ein gedeihliches Leben kommt: Er kommt von und mit den Maschinen und der Technologie, sowie durch ein von außen eindringendes Know-how, im besagten Roman verkörpert durch eine weltkundige Person, einen Vagabunden namens Geissler, der in verschiedenen Rollen auftaucht, doch immer, wenn man ihn braucht. Einer, den der Himmel schickt, und mit ihm den Segen.

Ja, und da wäre noch eine Stimme aus der verschmähten englischdenkenden Welt - Oscar Wilde: "Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln."