Wer ist 2026 Präsident der USA? In John Nivens Roman "Die Fuck-it-Liste" immer noch Trump. Aber jetzt Ivanka. Die Regentschaft des Clans hat das Land verändert. Unter anderem sind die Waffengesetze noch liberaler, dafür ist Abtreibung jetzt verboten. Beides hat wiederum unmittelbare Auswirkungen auf das Leben von Frank Brill. Frau und alle Kinder sind tot - jetzt hat er nichts mehr zu verlieren. Und macht sich auf zu einem Rache-Roadtrip durch die USA. John Niven, zum Schriftsteller gewordener Musikmanager, hat eine Dystopie-Satire geschrieben, die manchmal beunruhigend an der möglichen Realität kratzt.

"Wiener Zeitung": Wie kommt ein Schotte dazu, einen Rache-Roadtrip in der USA zu schreiben?

John Niven: Ich war schon von Trump besessen, lang bevor er Präsident wurde. Vor zehn Jahren habe ich begonnen, ihm auf Twitter zu folgen. Denn ich fand seinen Hass auf Obama wirklich faszinierend. 2015, als das erste Mal von einer Kandidatur die Rede war, fragte ich meine amerikanischen Freunde und alle meinten: Nein, der tritt niemals an. Und dann kam die Nominierung und ich fragte: Wird er Präsident werden? Sei nicht blöd, sagten sie. Also, er wurde gewählt und ich fragte, was wird das Ergebnis dieser Präsidentschaft sein? Feuer in den Straßen? Menschen zucken aus, bewaffnete Mobs, Kriegsrecht, Gemetzel? Das alles passiert, wenn du dem schlechtesten Menschen den mächtigsten Job in Amerika gibst. Mir hat man Überdramatisierung vorgeworfen. Dann dachte ich, vielleicht schreib ich meine Vorstellung über diese mögliche Zukunft einfach nieder, wie eine Psychotherapie, dann kann ich aufhören, dauernd drüber nachzudenken. Als ich das Script vor fünf Jahren Verlagen vorgestellt habe, klang es wie eine dystopische Zukunft, jetzt wirkt es mehr wie überspitzte Realität.

Denken Sie, dass Trump wieder gewinnen wird?

Ich denke nicht, dass er gewinnen wird. Aber ich denke, dass er weiter an der Macht sein wird. Er wird so viel Verwirrung und Misstrauen streuen über den demokratischen Prozess, dass es Chaos und Gewalt bei den Wahllokalen geben wird. Er fordert seine Anhänger auf Twitter dazu auf, bei den Wahllokalen darauf zu achten, ob sie Wahlbetrug beobachten. Wahlkreise wurden beschnitten, es gibt weniger Wahllokale als zuvor, das heißt, man muss sich sechs Stunden anstellen, um zu wählen. In ärmeren Gegenden, wo viele Schwarze leben, werden die Wahllokale schließen, bevor alle, die wollten, gewählt haben. Und das wird zu Gewalt führen, Trump wird die Nationalgarde schicken, es wird Kämpfe in ganz Amerika geben. Wenn das Ergebnis durch Corona und die Briefwähler nicht gleich fix ist, wird es tage-, vielleicht wochenlang Gewalt und Chaos geben. Das wird Trump anstacheln und mitten in dem Tumult wird er sich als gewählt proklamieren. Vielleicht ruft er auch das Kriegsrecht aus. Er wird die Wahl vor die Gerichte bringen, da wird er wohl gewinnen und wird jahrelang unterdrückende Gesetze durchbringen. Demokratie ist extrem fragil, weil sie auf Vernunft und gutem Willen basiert. Und Trump hat nichts davon. Er will nur gewinnen, egal wie.

Das sind üble Aussichten.

Als ich "Die Fuck-it-Liste" herausbrachte, haben meine Freunde gesagt, ich sei zu alarmistisch, Biden ist doch so weit voran in den Umfragen, er wird schon gewinnen und Trump wird abziehen. Ich sagte nur: Habt ihr alle nicht aufgepasst in den vergangenen vier Jahren? Trump wird niemals sagen: "O.k., ich habe verloren, ich übergebe das Amt." Das ist in seiner Psychologie einfach nicht angelegt. Die einzige Chance, die ich sehe, ist ein Erdrutschsieg für Biden, selbst dann würde Trump sich nicht geschlagen geben, selbst dann würde er Betrug vermuten, er müsste aus dem Weißen Haus eskortiert werden von der Army oder dem Secret Service. Den Rest seines Lebens würde er behaupten, er wurde des Sieges beraubt. Das ist noch das positivste Szenario, das mir einfällt.

Ihre Hauptfigur ist ein desillusionierter Journalist. Wie sehen Sie die Lage der US-Medien?

Ich habe mir eine Trump-Rally angeschaut. Die Gesichter der Menschen dort waren eigentlich noch furchterregender als alles, was er gesagt hat - weiße, zornige Männer mittleren Alters. Trump sprach über einen CNN-Journalisten, der von der Polizei angeschossen wurde, und er sagte, wie schön, dass es ihn erwischt hat. Und die Menge jubelte. Jubelte über einen angeschossenen Journalisten. Ich saß da und dachte: Ich hätte nie geglaubt, dass wir so etwas noch einmal in einer westlichen Demokratie sehen würden. Das ist furchterregend. Selbst wenn etwas so Wunderbares passieren würde, dass jemand morgen Trumps Kopf wegbläst - diese Leute gehen nicht weg. Es gibt Millionen von ihnen. Fox News, Facebook, Daily Mail haben eine Generation radikalisiert, die glaubt eine Menge Müll, auch gefährlichen Müll. Ich denke, wenn Mark Zuckerberg 25 Prozent hübscher geboren worden, dann hätte es nie Facebook gegeben, dann hätten wir den Saustall nicht.

Die Waffengesetze sind in Ihrem Roman noch liberaler, eine Schulschießerei spielt eine wichtige Rolle . . .

So weit weg von der Realität bin ich nicht. In meinem Buch ist es in manchen Staaten nicht nur erlaubt, du bist sogar verpflichtet, eine Waffe zu tragen. Und glauben Sie mir, einige Republikaner würden das liebend gerne so haben. Es gehört zum Patriotismus in den USA, eine Waffe zu tragen. Ich war ein paar Mal auf einem Schießübungsplatz in Los Angeles. Da stehst du dann mit zehn anderen, dir völlig fremden Menschen, und alle haben eine tödliche Waffe in der Hand. Ich bin eigentlich überrascht, dass es nicht mehr Shootings gibt! Für jeden zivilisierten Europäer erscheint das ja absolut verrückt. Ich glaube aber nicht, dass das ein Problem ist, das sich lösen lässt, zumindest nicht in diesem Jahrhundert.

In Ihrem Roman haben Sie auch die Einwanderungspolitik weitergesponnen . . .

Ja, das ist amerikanischer Kapitalismus vom Feinsten. Migrantenlager gibt es seit 10 Jahren, also warum sie nicht zu Geld machen, ein kommerzielles Unternehmen daraus machen? Und so kam ich auf die gigantischen ehemaligen Walmart-Supermärkte, in denen Migranten untergebracht sind und wo man sie als Gratis-Arbeiter ausborgen kann. Das erscheint mir gerade in Amerika eine logische Entwicklung. Wenn man Migranten sagt: Wenn ihr fünf Jahre gratis im Amazon-Lager arbeitet, dann bekommt ihr die Staatsbürgerschaft. Ja bitte, warum eigentlich nicht?

Auch wenn Corona und die US-Wahl es manchmal vergessen lassen: Der Brexit steht an. Was halten Sie davon?

Ich bin seit langem sicher, dass wir ohne Deal rausgehen, die wirtschaftlichen Folgen werden absolut katastrophal sein. Es gibt Berechnungen, dass das für Großbritannien siebenmal so schädlich sein wird als Corona. Es wird jeden Bürger 2.500 Pfund kosten. Wenn man bei der Befragung geschrieben hätte: Wenn Sie "Leave" ankreuzen, müssen Sie 2.500 Pfund zahlen, dann wäre das eine gute Frage gewesen für die verdammten Vollidioten. Eine der Ironien der Geschichte ist ja, dass in Kent - an der "Pforte" zu Europa - 70 Prozent für den Brexit gestimmt haben. Und Kent wird zerstört werden, das wird verkommen zu einem gigantischen Parkplatz für Lastwagen. Ein Stau von 7.500 Lastwagen wird dort normal sein, ihr Verkehr wird ein Albtraum werden. In den Pubs dort bereuen die Leute schon, dass sie so gestimmt haben.

Und trotzdem haben sie es getan.

Es war immer schon klar, dass man viel gewinnen kann, wenn man sich an die Dümmsten wendet. Aber vor Trump, Boris Johnson und Co. hat das niemand für eine besonders gute Idee gehalten. Denn wohin führt das: in einen Mob von verfickten Verrückten. Wer will das schon? Aber Trump, Johnson, Nigel Farage haben kein Problem damit, solange sie der King sind. Schauen Sie sich Ivanka Trump an: Vor sechs Jahren war sie eine superreiche New Yorkerin, die in schicke Restaurants geht und jetzt steht sie da vor 2.000 verdammten zahnlosen Redneck-Maniacs. Fragt sie sich nicht selbst manchmal: Was zur Hölle tu ich denn hier?

Nervt es sie als leidenschaftlicher Golfer, dass Trump auch dieses Thema besetzt?

Bei uns in Schottland ist Golf ein Mittelklasse-Sport, während es in den USA ein Oberschichtensport ist. In Amerika kommt man nicht rein, wenn man kein Klubmitglied ist und tausende Dollar zahlt. Das ist eine ganz andere Kultur. Golf ist ein einzigartiger Sport und es ist unglaublich einfach, zu betrügen, wenn du willst. Aber wer will das schon. Donald Trump ist ein notorischer Golfbetrüger. Ständig und ganz offen, das ist auch dokumentiert. Das sagt auch einiges über den Charakter eines Menschen. Ich glaube, Trump sagt, er hat ein Handicap von 3,2. Das ist weniger als das von Jack Nicklaus - Sie wissen schon, der größte Golfer aller Zeiten. Trump ist einfach ein Drecksack.