Und Baldur von Schirach? - Hartnäckig hält sich der Irrglaube, Schirach sei nahezu, wenn auch nur im Vergleich, fast etwas wie eine Lichtgestalt der NS-Führung gewesen. Als wäre sein Vorname, der Name des friedliebenden altnordischen Sonnengottes, ein Omen gewesen. Erst war Schirach Jugendführer des Deutschen Reiches, danach, ab August 1940, Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien. Als solcher soll der Sohn eines deutschen adeligen Offiziers und einer Amerikanerin, der am liebsten Schauspieler geworden wäre, Student der Germanisitik und Kunstgeschichte war, liberal agiert haben. Speziell das Wiener Kulturleben soll davon profitiert haben. Zum vergleichsweise positiven Image Schirachs trug wohl auch die verhältnismäßig milde Strafe beim Nürnberger Prozess bei: Wie Albert Speer wurde Schirach zu 20 Jahren Haft verurteilt. War er ein im Grund anständiger Kerl, der in eine Maschinerie der Unmenschlichkeit geriet, die er nicht zusteuern vermochte?

Aushängeschild Wiener Kultur

Die Biografie des österreichischen Historikers Oliver Rathkolb zeichnet ein anderes Bild - und eines, das wesentlich weniger vorteilhaft für Schirach und dadurch weit glaubhafter ist.

Schirach, so Rathkolb, war sozusagen Hitlers Influencer: Er war der Rattenfänger für die Jugend und war maßgeblich daran beteiligt, das öffentliche Bild Hitlers zu entwickeln. Er nützte sein marginal vorhandenes schriftstellerisches Talent, um selbst das "HJ-Fahnenlied" zu dichten, in dem es beispielsweise heißt: "Unsre Fahne flattert uns voran. / In die Zukunft ziehn wir Mann für Mann."

Außerdem erkannte Schirach als einer der Ersten den Wert nicht nur einer politisierten Gegenwartskunst, sondern dass auch vermeintlich unbrauchbare Werke der Vergangenheit mit den eigenen politischen Vorstellungen überschrieben und ihre Urheber in den eigenen Kanon eingefügt werden können. Schirachs Goethe-Rede aus dem Jahr 1937 wies dahingehend den Weg. In Wien löste Schirach als Gauleiter und Reichsstatthalter Josef Bürckel ab - und das keineswegs gerne, wie Rathkolb nachweist, denn Schirach fühlte sich aus der Nähe zu Hitler verbannt. Dennoch war Schirach in Wien erfolgreicher als sein Vorgänger, denn er konnte eleganter und weltmännischer auftreten. Außerdem kam seine Leidenschaft für Kunst und Kultur gut an.

Das überdeckt teilweise bis in die Gegenwart, dass Schirach die treibende Kraft hinter der Deportation und schließlichen Ermordung der jüdischen Bevölkerung Wiens war.

Antipathien überall

Dennoch: Hitler und Goebbels mögen Wien nicht. Goebbels in seinem Tagebuch über die Linzer: "Echte deutsche Männer. Keine Wiener Schlawiner." Trotzdem genehmigen sie die von Schirach geforderten exorbitant hohen Kulturbudgets. Sie hoffen auf die Propagandawirkung glanzvoller Hochkultur, die sie auch bekommen, etwa durch den mit Werken von Carl Orff, Rudolf Wagner-Regeny und Werner Egk aufgewerteten Staatsopern-Spielplan.

Goebbels hingegen mochte Schirach nicht. 1943 kam es zur Entfremdung zwischen Hitler und Goebbels einerseits und Schirachs mit beiden. Ehe Schirach in Wien abgelöst wird, geht das "Dritte Reich" unter. Schirach wird zu Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung strickt er an seinem Mythos, den Rathkolb ebenso darstellt wie manch Bizarrerie der Schirach-Zeit in Wien.

Rathkolbs Buch hat den großen Vorteil, nicht nur akribisch recherchiert, sondern auch gut lesbar zu sein. Vor allem fällt angenehm auf, dass der Tonfall weder ironisch herablassend noch belehrend ist. Vielleicht gerade deshalb eignet dieser ersten Baldur-von-Schirach-Biografie auf derzeitigem Erkenntnisstand etwas an, das man Sachbüchern selten nachrühmen kann: Sie ist spannend zu lesen.