Wer sich nicht nur für Susan Sontags Werk, für ihre Essays und ihre Romane interessiert, sondern auch für die Extravaganzen ihres Privatlebens, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Es bietet intime Einsichten in ein außergewöhnliches Frauenleben, oder richtiger: in zwei. Denn alles, was Sigrid Nunez über Susan Sontag erzählt, sagt ebenso viel über sie selbst aus, über ihr Selbstverständnis als Autorin und als Frau.

Schon auf der ersten Seite steht Susan Sontag in schlechtem Licht da. Es ist die Rede von ihrer chronischen Unpünktlichkeit, die sie damit zu rechtfertigen suchte, dass die Wartenden doch bitte so schlau sein könnten, sich etwas zu lesen mitzubringen. Kurz: dass sie selbst schuld seien, wenn sie nutzlos warteten.

Dass Sontag einen eher schwierigen Charakter gehabt haben dürfte, hat sich inzwischen herumgesprochen. Die Erinnerungen von Sigrid Nunez bieten nun den entscheidenden Vorteil, diesen Charakter aus nächster Nähe bestaunen zu dürfen. Sie selbst lebte schließlich einige Jahre am Riverside Drive in New York mit Susan Sontag und deren Sohn David, mit dem Nunez zeitweise ein Paar bildete, zusammen. Kennengelernt hatten sie einander 1976, eher zufällig über einen Gelegenheitsjob. Susan Sontag war damals 43 Jahre alt, fast zwanzig Jahre älter als Nunez, sie hätte also ihre Mutter sein können - und spielte sich zuweilen auch so auf.

Täglich ein Buch

Ihr gemeinsames Leben bezeichnet Nunez als "intellektuell betreutes Wohnen". Susan Sontag erscheint bei ihr wie eine Intellektuelle aus dem Klischee-Bilderbuch, eine, die nicht kocht, sondern sich Dosensuppen aufwärmt und nach der strikten Devise "Jeden Tag ein Buch" lebt. Im Nachhinein schätzt es Nunez als einen der größten Glücksfälle ihres Lebens, sie kennengelernt zu haben. Dank ihr kann man jetzt Mäuschen spielen und dabei sein, wenn Susan Sontag ihre Launen spazieren führt und sich unmöglich benimmt.

Sie hatte den Ruf, ein Monster an Arroganz und Rücksichtslosigkeit zu sein, schreibt Nunez und bestätigt viele der bekannten Vorurteile. Sontag erscheint bei ihr als die wahlweise strahlende oder traurige Intellektuelle, die es nie verwinden konnte, dass sie für ihre Essays so viel mehr verehrt wurde als für ihre Romane.

Sigrid Nunez (2019). - © Slowking4 CC BY-SA 2.0
Sigrid Nunez (2019). - © Slowking4 CC BY-SA 2.0

Der Schriftstellerin Sigrid Nunez gelang mit ihrem in Amerika 2018 und bei uns im Frühjahr erschienenem Buch "Der Freund" ein sensationeller Überraschungserfolg. Ihre Geschichte um eine vererbte Dogge und wahre Freundschaft und die Liebe zur Literatur erhielt hier wie da begeisterte Kritiken. In ihrem neuen Buch, das in Amerika bereits 2011 erschienen ist, setzt sie ihrer einstigen Mentorin und Fast-Schwiegermutter Susan Sontag ein Denkmal, in dem sie sich an ihre Schatten- und Sonnenseiten erinnert.

Nunez ist nicht die Erste, die der 2004 an Leukämie gestorbenen Intellektuellen persönlich nachspürt. Ihr Sohn David Rieff veröffentlichte 2009 mit "Tod einer Untröstlichen" ein intimes Memoir über die letzten Tage seiner Mutter. Zuvor hatte schon die Fotografin Annie Leibovitz sehr private Fotos ihrer sterbenskranken Freundin herausgebracht.

Es sind besondere Momente der Nähe und der Fremdheit, die Nunez Revue passieren lässt. Ungeordnete Erinnerungen, wie man sie beim "Leichenschmaus" nach einer Beerdigung mit Vertrauten teilt. Es ist die Rede von Sontags Gesten, Vorlieben, Ticks und Eitelkeiten. Vieles davon liest sich amüsant und hat einen Ehrenplatz im Reich der Anekdoten verdient.

Doppelt privat

Leichthändig entblößen diese Erinnerungen aber auch Sontags sadistische und masochistische Züge. Vieles ist privat, doppelt privat, weil Nunez auch viel von sich selbst offenbart. In einem schönen Ton, der aus der Ferne Nähe schafft, erzählt sie von ihrer einstigen Mitbewohnerin und ihrem Verhältnis zu ihr. Man erfährt interessante Oberflächlichkeiten wie etwa, dass Sontag kein Make-up trug, dafür aber stets einen Männerduft von Dior. Man erfährt auch Intimes, etwa über ihre Narbe nach der krebsbedingten Brustamputation, aber auch, dass sie eine geborene Mentorin war.

In jedem Fall übte und übt Susan Sontag eine enorme Anziehungskraft aus, und diese kommt nun auch diesen Erinnerungen zugute.