"Samuel lag ausgestreckt auf dem Boden neben einem Jungschaf. ‚Wir müssen gehen.‘ Da er sich nicht rührte, nahm sie ihn hoch. Eine Bewegung ging durch die Herde. Samuel und Florentine hoben den Blick. Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit. Und doch, dachte Florentine, lässt dich diese Landschaft, wie du bist."

"Die Unschärfe der Welt" ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach und klangvoll sind die Sätze und die Art, wie sie Landschaften und Stimmungen zu fassen versuchen; kompliziert die menschliche Gemengelage im Kleinen ebenso wie die politische Großwetterlage dahinter. Der vierte Roman der 1977 geborenen, im rumänischen Banat und in Siebenbürgen aufgewachsenen Iris Wolff bewegt sich auf der Zeitachse von den 1970er Jahren bis in die Nachwendezeit, mäandert zwischen den Lebensgeschichten verschiedener Figuren und verknüpft sie im Laufe der Geschichte.

Da ist Hannes, der um Florentines Hand angehalten und sie gefragt hat, ob sie mit ihm ins Banat ziehen würde, wo er auf dem Land als Pfarrer arbeiten würde. Samuel, ihrer beider Kind, spricht lange nicht, was Hannes mit der Stille in Verbindung bringt, mit der Florentine auf selbstverständliche Art den Ort bewohnt und dem Garten und den Feldern, dem frühen Morgen seine Geheimnisse ablauscht. "Dieses Unbestimmte, Nicht-Fassbare hatte ihm immer gefallen, gefiel ihm immer noch. Und doch musste er aufpassen, dass er Florentine ihre Unabhängigkeit nicht neidete, ihr nicht vorwarf, dass auch das Kind so schweigsam war."

Besucher nutzen den Pfarrhof als vorübergehende Bleibe, so auch Bene und Lothar aus der DDR. Als Florentine einen Nachbarn in die Schranken weist, der sie aushorchen will, wird Hannes zur Securitate einbestellt, bedroht und zur Mitarbeit gezwungen. "Dieses System lebte davon, dass jeder schuldig war." Die Rede ist vom diktatorischen Ceauşescu-Regime, dem Samuel, kaum erwachsen, zusammen mit dem Kindheitsfreund Oz auf kühner Flucht mittels einer Propellermaschine entfliehen kann.

Drei Jahre später fällt die Berliner Mauer. Von hier an nimmt die Geschichte Fahrt auf, als würde die nun in alle Richtungen größer gewordene Welt auch die Bewegungen des Lebens beschleunigen. Mit einer weiteren Generation führt Iris Wolff ihre Geschichte bis in die 2000er Jahre und verlegt damit den Schwerpunkt der Geschichte nach Deutschland.

Iris Wolffs Stärke und Schwäche zugleich sind ihre Sätze. Als poetische kleine Kunstwerke dominieren sie den Raum des Buches und beschäftigen die Aufmerksamkeit der Leserin mehr als die Figuren; fast ist es so, als seien die Figuren Träger dieser Poesie und ihr untergeordnet.

Hieraus kann streckenweise ein Gestus der Manieriertheit entstehen, ein mitunter fast selbstgerecht wirkendes Spielen mit Bedeutsamkeit, dem nicht immer gedankliche Bedeutsamkeit entspricht. Dann ist es beinahe so, als raubte die Unschärfe der allzu gesuchten Sätze der erzählten Welt die Kraft: Dann wird "Die Unschärfe der Welt" selbst sprachlich zu unscharf und die Figuren entgleiten beim Lesen.

Die Leistung des für mehrere Preise nominierten Romans liegt dennoch in der Mühelosigkeit, mit der die Autorin den zeitlich und räumlich weiten Rahmen spannt und auf ihre ganz eigene Weise ein wesentliches Stück europäischer Geschichte erzählt.