Ihre Krimis um den bodenständigen Allgäuer Kultkommissar Kluftinger erobern regelmäßig die Bestsellerlisten. Mit "Funkenmord" kehrt das erfolgreiche Autorenduo Volker Klüpfel und Michael Kobr zurück in Kluftis Welt: Geheimnisvolle Seen und sagenumwobene Felsen, wilde Tobel, urige Wirtschaften und natürlich Kässpatzen satt. Ein Fehler aus seiner Vergangenheit lastet schwer auf dem Columbo von Altusried. Gleichzeitig muss der konservative, aber liebenswerte Chauvi sein Frauenbild noch mal gründlich überdenken. Die "Wiener Zeitung" sprach mit den beiden sympathischen bayerischen Schwaben aus dem Allgäu über Rollenbilder, Klischees, die besten Kässpatzen und ihr zwiespältiges Verhältnis zu den Verfilmungen.

"Wiener Zeitung": Herr Klüpfel, Herr Kobr, Sie haben Ihren neuen Kluftinger-Fall erstmals im Livestream exklusiv einem Online-Publikum vorgestellt. Wie war die Online-Premiere Ihres Buches?

Volker Klüpfel: Wir wurden mit Liebe überschüttet.

Auf den Bestsellerlisten stehen Ihre Namen regelmäßig ganz oben. Über sechs Millionen Ihrer Krimis haben Sie inzwischen verkauft. Wie fühlt sich der Erfolg an, vor allem wenn Sie dabei selbst Weltstar Ken Follett überrunden?

Klüpfel: Wir haben ihn damals beim ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse auch getroffen. Er war völlig entspannt und cool. Wir haben ihm gesagt, dass er nächste Woche wieder Nummer eins sein wird. Er fragte uns nur ganz lässig: "In which country?" Aber natürlich kann man sich nie ganz sicher sein, dass der Erfolg einem treu bleibt.

Michael Kobr: Ja, schade die Buchmesse fiel dieses Jahr leider aus. Solche unverhoffte Begegnungen wird es heuer nicht geben. Die Buchmesse wäre sicher ein schönes Fest für unseren neuen Band geworden. Dadurch verlieren wir Autoren schon sehr viel. Was den Erfolg angeht, einmal habe ich unsere Bücher in einer Shopping Mall in Dubai entdeckt. Das war schon ein besonderer Moment.

Es gab Gerüchte, dass Sie Ihren sympathischen Antiheld sterben lassen. Was war ausschlaggebend, dass Klufti uns erhalten bleibt? Der "Cold Case" aus seiner Polizei-Karriere oder dass er sein Rollenverständnis von Frauen und Männern überdenken muss?

Klüpfel: Es ging uns schon eher darum, dass er seine eingefahrenen Rollenmuster hinterfrägt. Denn der "Cold Case" alleine, der grausame Mord an einer jungen Lehrerin, würde sein Leben nicht nachhaltig verändern. Aber natürlich war das trotzdem für ihn und uns etwas Neues. Denn solche Fälle müssen anders aufgeklärt werden. Wir haben uns dazu Anregungen aus einem umfangreichen amerikanischen Standardwerk zum Thema "Cold Case" geholt.

Aber das Frauenbild war jetzt für Sie nichts Neues?

Klüpfel: Nein, da waren wir dem Kluftinger weit voraus. Wir können, im Gegensatz zu ihm, Waschmaschinen bedienen.

Als Gegenmodell zu seinem konservativen Rollenverständnis hat Klufti seinen Sohn Markus mit seiner Partnerschaft vor Augen. Da wechselt die japanische Ehefrau die Reifen, während er sich um die Wäsche kümmert.

Klüpfel: Ja klar, für seinen Sohn sind das Selbstverständlichkeiten. Aber da der Kluftinger das so seltsam findet, wird es erst ein Thema.

Kobr: So weit sind wir aber selber noch nicht. Das muss man ehrlicherweise zugeben. Reifenwechsel ist bei uns noch immer Männersache. Und meine Frau findet das ganz praktisch, dass hier noch die alte Rollenverteilung greift. Sie sagt dann halt: Wir müssten mal, wir sollten mal, und meint aber: Du könntest mal wieder ... Obwohl ich mich grundsätzlich um Rollentausch bemühe. Ich war einer der Ersten im Kollegium damals, der Elternzeit nahm, was nicht alle Kollegen nachvollziehen konnten.

Wie funktioniert Ihre Zusammenarbeit?

Klüpfel: Wir arbeiten jetzt seit achtzehn Jahren zusammen. Und wir schätzen einander sehr. Schließlich verbringen wir immens viel Zeit miteinander. Unsere Frauen sagen uns schon nach, wir seien wie ein altes Ehepaar.

Kobr: Wir hätten unsere jeweiligen Brotberufe nicht an den Nagel gehängt, um als freie Schriftsteller zu arbeiten, wenn wir uns nicht aufeinander verlassen könnten. Als Schwabe gibt man nicht leichtfertig den Brotberuf auf. Als ich noch unterrichtet habe, war ich für uns der limitierende Faktor, weil ich mir keinen einzigen Tag freinehmen konnte etwa für Lesungen oder Lesereisen. Ich habe in den Ferien quasi immer am Block geschrieben und nicht kontinuierlich. Das wurde alles viel einfacher, als wir zusammen planen konnten, wie unsere Arbeitsweise und die Arbeitstage ausschauen sollen.

Klüpfel: Beim ersten Buch damals haben wir unsere Korrekturen noch gemeinsam besprochen. Jeder hat dem anderen seine Kritik direkt ins Gesicht gesagt. Das ist weder psychologisch klug noch hilfreich. Jetzt schicken wir unsere Textpassagen dem anderen, und der korrigiert kommentarlos. Das ist viel besser.

Der Klufti liebt Kässpatzen. Sie haben dazu sein Patentrezept veröffentlicht. Muss wirklich Romadur und Weißlacker dazu?

Kobr: Das macht es einfach würziger. Und wer es gehaltvoller mag, tut das halt noch rein, damit er richtig satt wird. Das ist aber nur etwas für die Mutigen.

Klüpfel: Mir schmecken die Kässpatzen auch ohne. Ich muss zugeben, dass ich diesen ziemlich, gelinde gesagt, geruchsintensiven Käse gar nicht im Haus haben mag.

Kobr: Ja, aber der Weißlacker ist ein urtypisch Allgäuer Käse. Es gibt meines Wissens nur noch eine Käserei, die ihn herstellt. Er gehört schon zur roten Liste der bedrohten Geschmäcker.

Kein Klufti ohne seinen Ausruf: Priml. Stammt das Wort aus dem Allgäuer Dialekt?

Klüpfel: Nein, das haben wir gemeinsam eingeführt. Ich habe es von einem Kollegen damals in der Redaktion übernommen, der das permanent sagte. Und dann haben wir beide es untereinander weidlich genutzt, wenn wieder mal etwas nicht geklappt hat. Und am Ende haben wir es dem Klufti in den Mund gelegt. Aber natürlich ist uns der Dialekt wichtig. Er ist einfach ein Stück Identität.

Kobr: Ich kann mich noch erinnern, als wir beide 2000 auf der Expo waren und immer wieder erlebt haben, dass genau vor den Pavillons, in die wir wollten, die längste Schlange war und wir nur noch gestöhnt haben: Ja, Priml. Da hat sich das etabliert.

Kluftinger ist Polizist geworden, weil sein Vater schon Polizist war. Es ist also eine Art Familientradition, die er fortsetzt. Wie sieht es da bei Ihnen aus?

Kobr: Ich habe mal angefangen, Geigenbau zu lernen. Das war so eine romantische Vorstellung von mir. Am Ende bin ich dann doch Lehrer geworden. Mein Vater sammelt hobbymäßig Geigen. Er hätte mich schon gern als Geigenbauer gesehen, denke ich. Dann hätte er sich bei mir in der Werkstatt vielleicht eine Werkbank eingerichtet und wäre in die Lehre gegangen.

Klüpfel: Mein Vater war schon immer ein leidenschaftlicher Fußballer und lange Vereinsvorstand. Aber ich habe halt zwei linke Beine und kann keinen geraden Schuss setzen und habe mich nie für Fußball interessiert. Das hat ihn schon ein bisschen geschmerzt.

Der Regional- oder Heimatkrimi liegt nach wie vor im Trend. Hat es für Sie einen negativen Beigeschmack, wenn Ihre Bücher in dieser Schublade landen?

Kobr: Das würde, meiner Meinung nach, inzwischen zu kurz greifen. Natürlich leben unsere Figuren mit der Gegend. Aber insgesamt ist Heimat nicht das vorwiegende Thema der Handlung. Wir versuchen, einen Ausschnitt aus dem Leben im Allgäu zu bieten, mit allen möglichen Facetten, ohne kitschige Klischees.

Klüpfel: Sicher mögen wir unsere Heimat und es kann schon sein, dass sich dieses Gefühl Bahn bricht und in unseren Romanen niederschlägt. Aber es war nie unsere Intention eine Ode ans Allgäu zu singen. Wir wollen nicht nur postkartenfüllende Idylle mit weißblauem Himmel.

Fünf Ihrer Kluftinger-Romane sind verfilmt worden und zur besten Sendezeit im Fernsehen gelaufen. Gibt es weitere?

Kobr: Wir haben ein zwiespältiges Verhältnis zu den Filmen. Sie reproduzieren unserer Meinung nach einen Blick auf unsere Region und jede Art von Provinz, die ein wenig von oben herab daherkommt. Da wird über die wahnsinnig trottelige Landbevölkerung gelacht. Klar soll es humorvoll sein. Aber wir wollen niemanden der Lächerlichkeit preisgeben.

Klüpfel: Wir würden keiner Verfilmung mehr zustimmen, bei der wir nicht maßgebliche Mitspracherechte hätten oder vielleicht sogar das Drehbuch schreiben würden. Dann könnten wir es uns vielleicht noch einmal überlegen. Doch gerade unser Konzept, halb Krimi-, halb Privat-Handlung, ist in 90 Minuten nur schwer umzusetzen. Wir haben die Bücher. Das ist unser Kerngeschäft. Wir brauchen die Filme nicht unbedingt.