Zeltlager, Evakuierung - bei diesen Worten fallen einem sofort Bilder, Geschichten und Orte ein: Und es scheint so, als könnten nur Menschen aus fernen Ländern betroffen sein. Aber Kriege und Katastrophen gab es auch in Europa. Als am 6. Mai 1976 im Friaul die Erde bebte, fanden fast tausend Menschen den Tod. Und als bei Nachbeben im September viele der beschädigten Bauten endgültig einstürzten und die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Häuser vor dem Wintereinbruch unter sich begruben, war das Elend perfekt.

Die 1963 in Klagenfurt geborene Ursula Wiegele hat profund recherchiert und einen Roman geschrieben, bei dem diese Ereignisse das Epizentrum einer höchst reflektierten Erzählung bilden. Die Protagonistin, Vera Pascoli, ist erst vierzehn. Ihr Onkel Antonio ist beim Beben gestorben - und auch ihr Papagei Pino, dessen Federn sie, trotz Verbotes, nächtens mit bloßen Händen aus dem Schutt gräbt. Die Häuser ihrer Eltern und ihrer Nonna in Venzone sind zerstört, das Haus ihrer anderen Oma in Pontebba so schwer beschädigt, dass ein Aufenthalt darin nicht mehr sicher ist.

Für Vera ist es der Beginn eines Jahres im Exil. Für den Leser der Auftakt zu einer perfekt balancierten Lektüre, die gleichzeitig offenherziges Tagebuch, aufschlussreiche Chronik einer über den Globus verteilten Familie sowie pointiertes Porträt einer Epoche ist.

Exil in Villach

Die ersten vier Monate wohnt Vera im Zelt, mit ihren Eltern und ihrer Nonna. Als die Nächte kalt werden, wird Vera, die familiärer Wurzeln mütterlicherseits wegen auch gut Deutsch spricht, zu kinderlosen Verwandten nach Villach geschickt: Zu Großonkel Hans, der aus seiner Meinung über Italiener - "Feiglinge, Verräter, faules Pack alle zusammen" - kein großes Geheimnis macht, und seiner Frau Rosa, die Vera wohlwollend aufnimmt. Endlich ist da jemand, mit dem sie sich, hinter dem Rücken des Haustyrannen, amüsieren kann.

Großtante Rosa ist Damenschneiderin, sie führt einen kleinen Salon, der auch von feineren Damen frequentiert wird. Sie schneidert für Vera, der die Kleider aus den Caritas-Säcken zu konservativ sind, einen seidenen Kimono. Der gefällt Vera, aber die zum Kimono passenden Trippelschritte sind für einen lebenslustigen Teenager, der Pippi-Langstrumpf-Geschichten und Bruce-Lee-Filme liebt, dann doch zu einengend.

Wirklich wohl fühlt sich Vera in Jeans. Und gerne trägt sie dazu Socken in verschiedenen Farben - um Onkel Hans, dem peinliche Ordnung über alles geht, zu provozieren. Gerne trägt Vera auch das Palästinensertuch, das ihr der ein paar Jahre ältere Hannes geschenkt hat. Die Knutschflecken von ihm, die sie vor Mitschülerinnen stolz zur Schau trägt, lassen sich darunter daheim gut verbergen - Vera, die mit Hannes gerne noch ein Stück weiter ginge, will es mit ihren Provokationen dann doch nicht übertreiben. Für Onkel Hans, der Unterschriften für den Kärntner Heimatdienst sammelt, ist Hannes ohnehin ein rotes Tuch, allein schon wegen seiner langen, zottigen Haare. Und außerdem lernt Hannes auch noch eifrig Slowenisch.

Ursula Wiegele zeigt für jede ihrer Figuren Verständnis, aber sie bleibt dabei auf kritischer Distanz und nimmt mit feinem Humor und unerschrocken mehrere Konfliktfronten zugleich ins Visier. Und sie spürt hinter all den menschlichen Unvollkommenheiten zielstrebig den großen philosophischen Fragen nach: Ist die Wahrheit Menschen wirklich zumutbar? Jederzeit? Und überall?

Oder ist es manchmal gescheiter, nichts zu sagen, als jemanden, wenn auch unabsichtlich, zu beleidigen? Wenn man zum Beispiel jemandem Dank schuldet - sind dann, für ein friedliches Miteinander, Flunkereien nicht zuweilen unvermeidlich? Und, noch grundsätzlicher, wovon sprechen wir überhaupt, wenn wir, während einer Gefühlsaufwallung, an das riesige Wort "Wahrheit" denken?

Sie übe gerade eine Geheimsprache, sagt Vera einmal zu ihrem irritierten Onkel Hans, nachdem sie ihm lächelnd "Effa nie tsib ud" ins Gesicht gesagt hat. "Du bist ein Affe" wäre die - vorwärts statt rückwärts buchstabierte - korrekte Auskunft gewesen. Vera hatte sich geärgert, nachdem sie ihren Onkel - der trotz seines biographisch bedingten Grants gegen alle Italiener für Vera Sympathie empfindet - bei einem Gespräch belauscht und ihn dabei sagen gehört hatte, die Italiener seien "selber schuld, wenn die ihre Häuser so schlecht gebaut haben".

Guter Wille beiderseits

"Arigato" heißt "Danke" auf Japanisch. Das ist ein demütig klingender, doch passender Titel für ein Buch, das sich vehement gegen Pauschalurteile wendet und darum keine endgültigen Antworten auf die ganz großen Fragen geben will, aber am Ende doch eine Einsicht nahezulegen scheint: Einseitiges Entgegenkommen reicht nicht, es braucht beiderseitiges Bemühen, um gegenseitigen Respekt zu erzeugen.

Aber vielleicht ist (auch) das bloß ein Trugschluss. Oder nicht mehr als eine Binsenweisheit. Ursula Wiegele hat ihre Erzählung jedenfalls so angelegt, dass sich jede und jeder davon angesprochen fühlen darf. Ihr Roman "Arigato" ist weitläufig, weltoffen, sprachlich virtuos - und doppelbödig. Gewisse Parallelen zur Gegenwart werden gerade darum sichtbar.