Manchmal kommen sie ja noch zusammen, die verbliebene Natur, an der wir so lange schon übergriffig geworden sind, und eine untergründige Trauer, die mit Vergänglichkeit zu tun hat, eigentlich aber am persönlichen Glück hängt, das uns seltener heimsucht, als wir es zu verdienen glauben. Wem es gelingt, darüber (und über anderes mehr) einen Roman zu schreiben, der stimmungsvoll und dazu noch spannend ist, verdient Lob.

Die nicht mehr ganz junge kanadische Autorin Jocelyne Saucier (Jahrgang 1948) erzählt in ihrem Buch "Was dir bleibt" vom Verschwinden einer alten Dame, die von vielen geschätzt wird, es aber trotzdem vorzieht, sich eines rätselhaften Tages auf- und davonzumachen. Dabei hat Gladys, so heißt die alte Dame, Verpflichtungen: Ihre Tochter Lisana, einst ein kluges und fröhliches Kind, leidet unter schweren Depressionen; einige Selbstmordversuche hat sie schon erfolglos hinter sich gebracht, was sie aber nicht daran hindert, abgründiger Verzweiflung anzuhängen, aus der es kein Entkommen gibt. Ihre Mutter, vor Jahren zur Witwe geworden, bleibt Lisanas einziger Halt. Umso erstaunlicher, vielleicht auch "verwerflicher", dass Gladys sich, ohne Vorwarnungen, ihrer Verantwortung entzieht.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hat sie den "Northlander", einen legendären Zug, der im Norden Kanadas verkehrt, bestiegen. Wo aber könnte sie hin sein? Ein vergleichsweise junger Englischlehrer, der aus einer Eisenbahnerfamilie stammt, nimmt sich des Falls an, der ihn, auch als das grundlegende Rätsel fast gelöst scheint, nicht mehr loslässt. Die Suche nach Gladys erweist sich für alle Beteiligten als eine Reise zu sich selbst, an deren Ende, eher beiläufig, die bewährten Fragen des Lebens gestellt werden, auf die es, berechtigterweise, keine dauerhaft gültigen Antworten gibt.

"Was dir bleibt" ist Bewusstseinskrimi und Liebesroman zugleich, wobei die Liebe nicht kleinlich sein darf, denn es geht ums Große und Ganze. Und um Einsamkeiten, die etwas Tröstliches haben, wenn man, in altehrwürdigen Eisenbahnen durch großartige Landschaften befördert, neue Nachbarn entdeckt, die einem schon ewig nahestehen, obwohl man sie gerade erst kennengelernt hat:

"Da wäre zunächst einmal die Natur. Der Zug fährt siebenhundert Kilometer durch die Wildnis und offenbart all ihre Schönheit und ihren Schmerz. Flüsse, große stille Seen, tosende Bäche, ein immer wieder neues, faszinierendes Schauspiel. (...) Doch das Interessanteste findet sich in einem einzigen Waggon: die Passagiere. (...) Ich werde nie enttäuscht, weiß, dass ich (...) in der verschworenen Gemeinschaft, die sich während der Fahrt herausbildet (die Reise dauert elf, zwölf, dreizehn oder mehr Stunden), einen Augenblick der Menschlichkeit verbringen werde, wie man ihn sonst nirgendwo erleben kann."