Das Internet als Wunderkammer, als barockes Kuriositätenkabinett, das staunend macht? Dieser Frage geht der Musikjournalist und Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, Holger Noltze, in seinem jüngst erschienen Buch "World Wide Wunderkammer" nach. Noltze, Mitbegründer der Online-Klassik-Plattform takt1.de, denkt über den Sinn und Unsinn von Kunststreams nach, die aufgrund von Corona einen erheblichen Aufschwung erfahren haben.

Konzertsäle, Opernhäuser, Theater und Museen waren und sind nun wieder geschlossen. Frei nach dem Motto "Besser ein Stream online, als in Vergessenheit zu geraten" werden von Künstlern analoge Inhalte online gestellt: Orchestermusiker, per Videokonferenz zusammengeschaltet, spielen von zu Hause aus die "Ode an die Freude". Man sieht in private Räumlichkeiten bekannter Musiker, die in Hausschuhen im Wohnzimmer mit schlechter Aufnahmequalität spielen, oder man streamt Performances, die für eine Bühne konzipiert wurden und nun auf Bildschirmgröße geschrumpft werden. Manches ist durchaus auch interessant - vieles würde man aber lieber in der gewohnten Live-Erfahrung auskosten. Denn selbst Pantoffelkonzerte verlieren mit der Zeit ihre Faszination.

Für "Live" bezahlt man selbstverständlich den Ticketpreis - gestreamt wird zu Corona-Zeiten meist gratis. Doch beim Stream kommt es auf Qualität an, die auch ihren Preis hat. "Im Grunde sind wir ,digital doof‘", stellt Noltze in seiner These fest, denn "wir haben das Internet als Ort und Medium ästhetischer Erfahrung noch nicht verstanden". Vielmehr werde aus Überforderung, Bequemlichkeit und Ignoranz den Clickbait-Populisten und selbst ernannten Webgurus das Feld überlassen.

Katzenkinderbilder

Katzenkinderbilder, die Klicks bringen, anstelle von Hochkultur im Netz? Natürlich nicht, aber Kultur brauche einen Mehrwert: Die Kuratierung der Webinhalte mit Fokussierung auf die Kernkompetenz ist Noltzes Ratschlag an die Kulturinstitutionen, also "planvolle und intelligente Nutzung der Verlinkungslogik". Und für Streaming-Plattformen geht es jetzt um die Wächterfunktion (dem Gatekeeping) bezüglich künstlerischer und technischer Qualität.

Ordnung schaffen

Neu sind diese Vorschläge freilich nicht: Noltze nennt in seinem Buch etwa das Frankfurter Städel Museum, das Bilder thematisch, maltechnisch und historisch vernetzt. Auch widmet er der "Digital Concert Hall" ein Kapitel: Seit 2008 streamen die Berliner Philharmoniker erfolgreich etwa 40 Live-Konzerte jährlich. Übrigens: Auch Noltze bietet auf seiner Klassik-Plattform kostenpflichtig Musik-Streams mit verlinkten Zusatzinformationen an.

Das Buch ist eine fundierte Zustandsbeschreibung vor allem des aktuellen Klassikbetriebs und seinen Online-Auftritten. Wie bekommt die Hochkultur Ordnung in ihre digitale Wunderkammer? "World Wide Wunderkammer" liefert dazu die Denkansätze.