Schmerz, Fassungslosigkeit, Gedanken an Flucht - nur wohin? In den banalen Alltag, in dem man einen Tod auf einem Notizzettel festhält und diesen an die Wand, möglichst hinter andere, klebt? Was in einem Menschen vorgeht, der eine der wichtigsten Gefährtinnen seines Lebens verloren hat, lässt sich eindringlich in Armin Sensers poetischer Prosaschrift "Requiem" studieren. Gewahr werden wir eines inneren Monologs, in dem sich alles mischt: die sinnlose Beobachtung der Kacheln an der Wand mit Bildern gemeinsamer Erinnerungen.

Mehr und mehr verdichtet sich das Wissen um das stets angesprochene Du. Es handelt sich um die an einem 14. Oktober verstorbene Mutter des Autors. Als Kriegskind, so erfahren wir, kam sie in die Schweiz, wo sie einen Ehemann und Arbeit fand - ein schweigsames, unaufgeregtes Leben. Entgegen allen Erwartungen eignet Armin Senser der Verstorbenen keine hymnische Hommage zu. Ungeklärte, bis zuletzt nicht beantwortete Fragen zur eigenen Familiengeschichte stehen im Raum, hinzu kommt eine schon seit jeher bestehende Distanz zwischen dem Ich und seinem Gegenüber.

Nun bleibt dem Schreibenden das schlechte Gewissen. Hat er wirklich genug getan? Und warum erfüllt ihn mehr Leere als Trauer? Fakt ist: Auch das Textsubjekt befindet sich in einer tiefen Identitätskrise: "Ich habe auf mein Leben gewartet. Und den richtigen Moment verpasst." Gar von einem "kaputte[n] Leben" spricht das Ich. Es schwankt durch eine endlose Suade des Abschieds, durch Satzketten, die immer wieder abbrechen.

Die Cuts zeugen dabei von der Allmacht des hereinbrechenden Todes und geben nichts als Finsternis preis: "Mehr ist da nicht als Verzweiflung. Und die kommt mir vor wie ein Gebet."

Die Größe dieses Werks besteht zweifelsohne in seiner Intimität. Es zieht uns in die depressive Tiefe hinein, gibt dem Gefühl von Ohnmacht Raum. Zugleich jedoch vermag nichts über dessen die Lektüre ermüdende Tristesse hinwegzutäuschen. Sensers "Requiem" ergeht sich unablässig in Schleifen, stellt das Warten und das Ringen um die richtigen Worte aus. Nur hier und da findet sich die Ahnung eines Trostes, wenn etwa die christliche Auffassung vom letzten Tag Thema wird: "Als wäre der Tod nichts anderes als ein Vorraum. Ein Flur. Eine Kiste. Ein Loch. Eine Fortsetzung. Und kein Ende."

Dass dieser Text seine Qualität insbesondere auf der sprachlichen Ebene entfaltet, wo sich das Suchen nach einer Ordnung mit Hilfe von Zeichen und Buchstaben ereignet, ist nicht überraschend. Denn bei dem 1964 in Biel (CH) geborenen Schriftsteller haben wir es eigentlich mit einem Lyriker zu tun. Fabelhaft beherrscht er, wie seine Bände "Kalte Kriege" (2007) oder "Liebesleben" (2015) belegen, das Gedicht als Form intensivster Verknappung.

Doch obgleich Senser immer wieder auch Prosa vorlegt, reicht ihm oftmals nicht der füllende Atem für seitenlange Erzählstränge. So leider auch in "Requiem", einem Buch voller Anmut auf der einen und träger Selbstzirkulation auf der anderen Seite.