Mit Christina Maria Landerl "on the road" von Memphis nach Nashville. - © Max Zerrahn
Mit Christina Maria Landerl "on the road" von Memphis nach Nashville. - © Max Zerrahn

Wenn es eine markante Konstante in der österreichischen Prosaliteratur der letzten 50 Jahre gibt, dann ist es das Amerikabuch. Peter Handke war einer der Ersten mit "Der kurze Brief zum langen Abschied" (1972); ein Buch, das wesentlich von der Begeisterung des Autors für den amerikanischen Film geprägt war. Gerhard Roth, ein anderer Grande der österreichischen Literatur, folgte bald darauf mit den Romanen "Der große Horizont" (1974) und "Ein neuer Morgen" (1976), welche erkennbar von den großen amerikanischen Krimiautoren beeinflusst waren.

Die Weiten der USA mit ihren ultramodernen Metropolen erschienen aus der Sicht österreichischer Autoren mal als mythologischer, mal als utopischer Gegenort zur Enge und Beschränktheit der eigenen Heimat und inszenierten Reisen in die Vereinigten Staaten als Fluchtwege in eine bessere Welt. Dass sich die amerikanische Nation jedoch, nicht viel anders als Deutschland und Österreich nach 1945, auf einem verdrängten Genozid gründete und von einem eminenten Rassismus geprägt war, hat unter den Schriftstellern nur Heiner Müller erkannt und literarisch benannt.

Perspektive von heute

Vor diesem Hintergrund nun wird die literarische Leistung der 1979 in Steyr geborenen Autorin Christina Maria Landerl erst wirklich erkennbar, die in ihrem nunmehr dritten Prosaband "Alles von mir" eine zeitgemäße Fortführung der Tradition des Amerikaromans liefert. Landerls Buch - das ein Roman sein könnte oder auch nicht - ist jedenfalls zu lesen als ein feministischer Abgesang auf die Amerikaromane ihrer männlichen Vorläufer. Unter dem Vorzeichen der veränderten Rahmenbedingungen zu Identitätspolitik und Rassismus fokussiert ihre Reise durch die Südstaaten der USA zwangsläufig auf jene gesellschaftlichen Streitfragen, welche die Autoren ihrer Generation umtreibt.

Der Weg der Erzählerin führt sie von Memphis nach Nashville, also vom Wohnort von Elvis zur Hauptstadt des Country, wobei es allerdings die Lieder von zumeist afroamerikanischen Sängerinnen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind, die den Soundtrack des Buches liefern. Diesen Begriff darf man bei Landerl übrigens wörtlich nehmen, denn sie verzeichnet die im Text oft beiläufig erwähnten Stücke in diskografischen Fußnoten. Mehr noch, per QR-Code kann man sich einen Link zu einer Spotify-Playlist freischalten, welche die Songs von Bessie Smith, Nina Simone, Patsy Cline oder June Carter problemlos verfügbar macht. Die Lektüre wird daher zu einem sozusagen intermedialen Vergnügen.

Als literarisches Verfahren hat sich Landerl einer beständig zwischen Innen- und Außensicht changierende Erzählhaltung bedient, die zerbrochen in kleine und kleinste narrative Einheiten schlaglichtartig zwischen innerem Ich-Monolog und sachlichen Beschreibungen in Filmmanier pendelt. Damit reflektiert sie den Umstand, dass wir Berichte über Reisen auf dem Highway 61 nach Baton Rouge oder über die Interstate 40 nach Nashville ja gar nicht anders als durch die kulturelle Brille der Road Movies wahrnehmen können. Das Motiv für die Reise der Erzählerin lässt Landerl im Dunkeln; hin und wieder wird ein überfallsartiger Schmerz als Grund der Flucht benannt, dessen konkreter Auslöser aber nie benannt.

Bedeutsame Orte

In den Vordergrund gerückt wird hingegen all das, dem die Erzählerin auf ihrem Weg, teils allein, teils in Begleitung einer anderen Frau, begegnet: die legendäre Kreuzung, an der Robert Johnson seine Seele an den Teufel verkaufte; die Gedenkstätte für die Bürgerrechtlerin Rosa Parks in Birmingham, Alabama; der Fluss in Tennessee, auf dem die Cherokee gewaltsam aus ihrer Heimat umgesiedelt wurden, wobei Tausende zu Tode kamen; oder das schäbige Museum, das an Bessie Smith erinnert, die nach einem Autounfall sterben musste, weil man ihr die Behandlung in einem Spital für Weiße verweigerte.

Geschickt versteht es Landerl, so zu zeigen, dass sich einiges in der österreichischen Literatur verändert hat, ganz eminente soziale Probleme des Traum- und Wunschlandes USA jedoch fortbestehen.