Ein sogenannter Reaktionär: Botho Strauß. - © Ruth Walz
Ein sogenannter Reaktionär: Botho Strauß. - © Ruth Walz

Seit Botho Strauß 1993 seinen Essay "Anschwellender Bocksgesang" publizierte, haftet ihm das Etikett des rechten, reaktionären, ja antisemitischen Intellektuellen an. Und in der Tat war dieser Aufsatz ein Plädoyer für das "Rechtssein" - freilich in einem Sinne, der mit dem herkömmlichen politischen Verständnis gar nicht oder nur unzureichend zu erfassen ist.

Was genau dieses reaktionäre Außenseitertum bedeutet, das der einsam in der Uckermark lebende Strauß in unserer hypermedialen Welt für sich beansprucht, zeigt dieser Band mit Aufsätzen der letzten 40 Jahre eindrücklich. Strauß stellt sich bewusst in eine Tradition, die vor allem mit den Namen Rudolf Borchardt, Martin Heidegger, Hugo von Hofmannsthal oder auch Oswald Spengler verbunden ist: Für ihn ist der Reaktionär einer, der nicht passiv bleibt, sondern reagiert, der voranschreitet, "wenn es da-rum geht, etwas Vergessenes wieder in Erinnerung zu bringen".

Jedes große Kunstwerk muss so gesehen zwangsläufig reaktionär sein, denn "es kämpft gegen Vergesslichkeit in jeder Epoche". Es ist ein "Akt der Auflehnung gegen die Totalherrschaft der Gegenwart", gegen die augenblicksgetriebene Erregungsgesellschaft und gegen alle Diktate politischer Korrektheit.

Man muss diese Haltung nicht mögen, aber sie hat mit Nazitum oder Ähnlichem rein gar nichts tun. Billige Parolen, einen schlichten Neo-Nationalismus oder Ausfälle gegen eine angebliche linke Gesinnungsdiktatur wird man bei Strauß nicht finden; vielmehr sind die Texte zum Teil reichlich schwer zu verstehen, poetisch raunend und nicht gerade mit der clarté französischer Denker gesegnet.

Trotzdem lohnt es sich, diese Aufsätze über Literatur und bildende Kunst, über das Theater und das Zeitgeschehen zu lesen. Dieser "Autor der Weile", der inzwischen eher die Kunst des Schweigens pflegt, als sich auf den "Markt des breitgetretenen Quarks" zu begeben, ist eine Zumutung im besten Sinne, eine sprachliche und gedankliche Herausforderung, der man sich in diesen beispiellos erregten Zeiten stellen sollte.