Er interveniert wieder: Michel Houellebecq, von der Kritik gerne als "enfant terrible", "Skandalautor" und "Chefprovokateur" tituliert. Die nun vorliegende deutsche Übersetzung seines dritten Essaybandes, "Ein bisschen schlechter", ist schlanker ausgefallen als das Original ("Interventions 2020"), das auch die Erklärung des Autors enthält, keine weiteren Interventionen in Buchform zu planen - außer im Notfall.

Der Band bietet bekannte Positionen und Aufreger zu sozialen wie politischen Fragen. Da geht es um den Ver- und Zerfall der westlichen Zivilisation oder um die EU als Konstrukt ohne Seele und Konsens; um Visionen zur direkten Demokratie oder um die Fundamentalkritik zum freien Markt; um Frankreich, das der Autor am Rand eines Bürgerkriegs sieht; um Literatur (insbesondere auch sein eigenes Werk), um Sexualität und Tod - und um einen ausführlichen Diskurs zum Thema Religion. Sein Pendel schwingt zwischen Provokation, Witz und Nonchalance; zwischen Pascal, Schopenhauer, Nietzsche und Auguste Comte; zwischen Frankreichs Chefromantikern, Dekadenten und zeitgenössischen Analysten wie Frédéric Beigbeder oder Emmanuel Carrère.

Verlässlich provokant

Houellebecq, geboren 1958 und Träger des renommierten Prix Goncourt, ist Kulturpessimist und Moralist. Seine Gedankenspielereien führen verlässlich aufs Glatteis, oder anders gesagt: Selbst das hehre Feuilleton geht ihm - durch selektive Lektüre - mitunter auf den Leim. Houellebecqs Positionen provozieren, weil sie die Reizthemen unserer Gesellschaft berühren, und zwar unter Versagung jeder politischen Korrektheit. Der Autor ist freilich nicht immer beim Wort zu nehmen: Nicht zufällig bedient er sich gern der Möglichkeitsform oder der paradoxen Rhetorik. Auf dieses Spiel gilt es sich einzulassen.

Den Auftakt des aktuellen Bandes macht ein Essay über den Konservativismus. Houellebecq erörtert darin die "intellektuelle Faulheit" dieser Ideologie, die nach möglichst kurzen Lösungen strebe. Dies führe in der Politik zur Neigung, "die Gesellschaft zu einer perfekten Maschine zu idealisieren", bei möglichst geringer Reibung. Daher werde der Konservative - im Gegensatz zum Reaktionär - auch keine Helden und Märtyrer haben. Er sei also "ein sehr ungefährliches Individuum". Der Konservative als Ruhestifter.

"Ein bisschen schlechter", aber sonst ganz die alte - das werde die Welt nach Corona sein, heißt es in Houellebecqs Brief, der am 4. Mai 2020 im Radiosender France Inter verlesen wurde. Als Schriftsteller, der naturgemäß ein Einsiedlerdasein führe, leide er kaum unter den Ausgangsbeschränkungen, allenfalls das Gehen fehle ihm. Die wahre Tragödie dieser Pandemie liege woanders: Menschen sterben in Spitälern und Pflegeheimen "so diskret wie noch nie", im Verborgenen, entsetzlich einsam. Und mit der Praxis der Triage sei eine bedenkliche Schwelle überschritten: Es "wurde nie mit einer so gelassenen Schamlosigkeit ausgesprochen, dass nicht jedes Leben gleich viel wert ist".

Diesem ethischen Dilemma ist auch der Beitrag zum Fall des Vincent Lambert gewidmet. Der Wachkoma-Patient lag jahrelang auf Palliativstationen, obwohl spezielle Pfleginstitutionen ihre Betreuung anboten. Das Höchstgericht entschied 2019, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu stoppen. Niemand, so Houellebecq, habe das Recht zu bestimmen, ob ein Leben lebenswert ist. "Von der Unterdrückung des Schrecklichen zur Unterdrückung des Unerwünschten ist es nur ein Schritt."

Wo also bleibt der Rettungsanker für unsere beschädigte Zivilisation? In zwei ausführlichen Interviews setzt der Autor seine Hoffnung in die Religion: Ein wiedererstarkender Katholizismus würde in dieser inhumanen, dekadenten Welt wieder Sinn und Ordnung stiften. Und er könnte vielleicht Europa erretten - vor dem Zerfall, vor dem Islam, ja selbst vor den Protestanten.

Houellebecq reiht sich also - auf seine Art - ein in Frankreichs philosophisch-literarische Tradition des Renouveau catholique, eine Gegenreaktion auf die Aufklärung, die Französische Revolution, auf den Positivismus und den radikalen Staatslaizismus; sie hatte auch eine nationalistische (etwa Action française) und eine ästhetische Dimension, bei den Romantikern wie bei Huysmans. Chateaubriand stand am Anfang dieser Bewegung. Sein Buch "Geist des Christentums", so Houellebecq, "war auf Anhieb ein großer Erfolg - offenbar haben die eleganten Frauen von Paris zueinander gesagt: ,Ach, so ist also das Christentum? Aber das ist ja köstlich!‘" Und in Paulus, dieser "Mischung aus Größenwahn und Klage", entdeckt er unter anderem eine Seite, "die man mitunter als Punk bezeichnen könnte". Nur mit der eigenen Bekehrung will es nicht so recht klappen: "Gott will mich nicht."

Houellebecq ist kein Dogmatiker; er ist ein Mensch mit Sehnsucht nach Weihrauch, nach dem beglückenden Gefühl, "mit der Welt in Verbindung zu stehen". Er sei katholisch in dem Sinn, dass er "dem Schrecken einer Welt ohne Gott Ausdruck verleihe, aber nur in diesem Sinne". Der Propheten-Gestus der Romantiker (etwa Victor Hugo) liege ihm fern, vielmehr registriere er Phänomene und erstelle darauf Prognosen - mit denen er jedoch oft genug falsch liege. Der Schriftsteller spüre die Angst seiner Epoche und gebe ihr Ausdruck, das entlaste den Leser.

Trumps gute Seiten

Zu guter Letzt wäre da noch Houellebecqs offener Brief an die Amerikaner, veröffentlicht 2019 in "Harper’s Magazine". Der Titel "Donald Trump ist ein guter Präsident" wurde nicht selten als Festlegung gedeutet. Doch was steht da genau zu lesen? "Ich liebe das amerikanische Volk aufrichtig (...) und ich nehme Anteil an der Scham, die viele Amerikaner (nicht nur ,New Yorker Intellektuelle‘) dabei empfinden, von einem so haarsträubenden Clown regiert zu werden." In persönlicher Hinsicht finde er ihn "natürlich ziemlich widerwärtig", begrüße aber Trumps hegemoniale Rückzugsgefechte und Wirtschaftspolitik, etwa sich für die Arbeiter stark zu machen oder den dreisten Protektionismus: "Man hätte diese Einstellung in Frankreich in den vergangenen fünfzig Jahren gern häufiger gesehen."

Ja, hier spricht auch die Seele eines Europäers (Franzosen), der nicht an die europäische Einheit und Solidarität glauben kann. Traurig nur, dass ihm die Realität, sieht man von Kraftakten wie dem gemeinsamen Corona-Hilfsbudget einmal ab, zum Teil recht gibt.