"In den Logen des ersten Ranges verbargen sich viele junge und anmutige Gesichter, um ein hemmungsloses Schluchzen zu unterdrücken. Einige junge Menschen lachten laut, andere zerrten an ihren Haaren und krümmten sich in absonderlichen Stellungen. Madame Malibran erlitt einen so heftigen Nervenanfall, dass sie aus dem Saal getragen werden musste. Im gleichen Augenblick musste eine weitere Dame in Tränen aufgelöst das Theater verlassen."

In seiner illustrierten Collage aus Zitaten gibt der deutsche Zeichner Moritz Stetter in "Mythos Beethoven" (Knesebeck, 2020) eine Schilderung von Publikumsreaktionen anlässlich der Aufführung von Ludwig van Beethovens 5. Symphonie wieder. Was Hector Berlioz 1828 in Paris erlebte, drängt einen Begriff auf, der sich in Anlehnung an bereits klassifizierte Phänomene des 20. Jahrhunderts mit Beetmania benennen ließe.

Die Wirkung der Musik spielt auch in dem Comic "Goldjunge" von Mikael Ross eine herausragende Rolle. Der Berliner Zeichner, der 2020 für seinen Comic "Der Umfall" den Max-und-Moritz-Preis erhalten hat, beschränkt sich auf "Beethovens Jugendjahre". Das verrät der Untertitel. Der kleine Ludwig ist ein nachdenkliches Kind. Etwas läuft verkehrt in seinem Leben. Als wäre er ein ständiger Befehlsempfänger, denkt der Junge: "Man müsste ... selbst den Ton angeben!" Doch zuerst wird er noch von einer Rüpelbande verprügelt.

Ross’ grafischer Comicroman, der die Jahre 1778 bis 1795 abdeckt, will keine wissenschaftsgetreue Nacherzählung von Beethovens Vita zwischen erstem Auftritt am Hofe, erstem Wienbesuch und dem späteren unbefristeten Aufenthalt in der Musikstadt sein. Viel eher handelt es sich um eine Fantasia über das Wunderkind, das sich zwischen Bonn und Wien einen Weg sucht, zunächst als Pianist, dann auch als Komponist.

Mit dieser ästhetischen Entscheidung verweist der Zeichner auf eine Konstellation, die Beethovens Jugendjahre kennzeichnet: Da ist die Musik, die auf den Blättern steht, und jene, die im Kopf des kleinen Komponisten entsteht. Bekanntlich genießt Ludwig ersten Unterricht bei seinem Vater, und dieser untersagt es ihm aufs Strengste, "sein ausgedachtes Geschrammel" zu spielen.

In einer großartigen Szene schleppt der Hofsänger Beethoven zu später Stunde seinen Musikerkollegen Pfeiffer bei sich zu Hause an. Erbarmungslos reißt der Vater seinen "Goldjungen" aus dem Bett, um ihn seinem Freund vorzuführen. Allein der Umstand, dass der weidlich betrunkene Vater auf dem Boden liegend für eine Weile außer Gefecht ist, erlaubt es dem Siebenjährigen, dem Gast seine eigene Musik zum Besten zu geben. Pfeiffer ist hingerissen von den Improvisationen des kleinen Zauberers. Gegen den Willen seines Vaters nimmt Ludwig in Hinkunft heimlich Unterricht bei ihm.

Sobald Beethoven zu spielen beginnt, lösen sich die Panels im Comic auf: "Ist die Musik nicht wie ein großer Fluss? Sie nimmt allen Unrat in sich auf und trägt ihn fort." In wilden Wirbeln, farbenreich koloriert, sprudelt die Musik über die Seiten. Die virtuose Übersetzung von Musik ins Visuelle gehört zu den Herzstücken dieses Comics. Für den Jungen ist die Musik offenbar auch ein Mittel, um dem Chaos des alltäglichen Lebens zu entkommen, wie es sich bei ihm zu Hause darbietet, mit Handgreiflichkeiten und einem zunehmend dem Alkohol verfallenden Vater mit Zahlungsrückständen. Die Musik, die Ludwig selbst im Traum erscheint, besitzt eine reinigende Wirkung: "Ich bin in ein Gewitter hineingeflogen. Aber in der Mitte war es ganz still. Nur die Musik war da."

Ross erzählt mit Witz und Ironie, doch auch mit Einfühlsamkeit. Die flüchtigen Zeichnungen mit schattenhaften Schraffuren sind durchwegs koloriert, oft in hellen, gelegentlich grotesk düsteren, wechselnden Farben, voller Gespür für Überraschungen. Zwischendurch gerät der Comic jedoch zu einer derben Commedia dell’arte.

Etwa während der Wienreise des Sechzehnjährigen mit dem Ziel, bei Mozart Unterricht zu nehmen. Obwohl wissenschaftlich nicht belegt, lässt der Autor eine Begegnung mit dem Star der Wiener Musikszene zustandekommen, ausgerechnet in einem mobilen Kübelabtritt unter dem Umhang einer wandelnden Klofrau. Das bietet Gelegenheit für einige Seiten Fäkalsprache, an deren Ende Mozart als ziemlicher Grobian aussteigt.

Haydn als Widerpart

Den Rahmen dazu bilden Beethovens frühe Krankheitserscheinungen - von heftigen Magenschmerzen, Koliken bis Durchfall. Selbst vor dem Gehörsinn macht sein "verräterischer Körper" nicht Halt. Es sind nicht die einzigen Kämpfe, die Beethoven zu führen hat. In Wien findet der junge Komponist in Joseph Haydn, der ihn einige Zeit in Kontrapunkt unterweist, einen Widerpart. Haydn warnt Beethoven davor, dem Wiener Publikum allzu Komplexes zuzumuten.

Obwohl zur Weißglut getrieben, veranlasst die Kritik den jungen Wilden zu einer gefinkelten Strategie: "Das Orchester eröffnet mit einem pompösen Mozart-Abklatsch. Das ist die Zuckerglasur. Aber unter der Mozart-Glasur ist gar keine Torte! Darunter ist meine Musik versteckt. Hehehe!" Das Kalkül geht auf.