Der englische Schriftsteller John le Carré ist am 12. Dezember in Truro an den Folgen einer Lungenentzündung im Alter von 89 Jahren gestorben. Le Carré ist bekannt durch Spionageromane wie "Der Spion, der aus der Kälte kam" und "Dame, König, As, Spion" und gilt als Großmeister des Genres.

Er war selbst einer - ein Spion nämlich. Seine Biografie: Stoff für mehrere Romane. Am 19. Oktober 1931 wird der spätere John le Carré als David John Moore Cornwell in Poole (Dorset) geboren. Die Mutter verlässt die Familie, als der Bub fünf Jahre alt ist. Sie hat gute Gründe: Ihr Mann ist ein Hochstapler und Betrüger, er arbeitet mit den Kray-Zwillingen zusammen, den legendären Londoner Schwerverbrechern; wegen Versicherungsbetrugs wird er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

David studiert in der Schweiz Germanistik. Österreich-Bezug: 1950 tritt er in Wien in den Nachrichtendienst der britischen Armee ein und vernimmt Personen, die durch den Eisernen Vorhang geflüchtet sind. Das schlägt sich später in Romanen nieder: Wien als Zentrum der Spionage.

Agent des MI5 und MI6

Er kehrt nach England zurück, studiert am Lincoln College der University of Oxford - nur Tarnung? Jedenfalls auch. Denn er kundschaftet linke Gruppen im studentischen Umfeld nach sowjetischer Unterwanderung aus. Nach Abschluss seines Studiums lehrt er zwei Jahre am Eton College Deutsch und Französisch, danach wechselt er zum Geheimdienst MI5, dann zum MI6, Stationierung, aufgrund seiner Deutschkenntnisse, in Bonn und Hamburg. Er macht erste Schreibversuche - erfolgreich.

1964 quittiert der Meisterspion David John Moore Cornwell den Dienst und wird als John le Carré zum Meisterschriftsteller - zumindest in seinem Genre.

Letzte biografische Daten: Zwei Ehen (aus der ersten mit Alison Ann Veronica Sharp hat er drei Söhne, aus der zweiten mit der Lektorin Valérie Jane Eustace einen, der unter dem Namen Nick Harkaway die Zukunfts-Dystopie "Die gelöschte Welt" publiziert hat); im Oktober 2019 beantragt le Carré die irische Staatsangehörigkeit, um nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU deren Bürger bleiben zu können. Den Brexit hat der überzeugte Europäer le Carré nur um wenig mehr als zehn Monate überlebt.

Seine literarische Bedeutung? - Umstritten. Gewiss: Letzter Großautor eines verlorenen Genres.

Um le Carré gerecht zu werden, gilt es, das Genre Spionageroman unter die Lupe zu nehmen.

Spionage und Agententätigkeiten sind längst Elemente von Abenteuerromanen, wie sie Alexandre Dumas der Ältere und Jules Verne geschrieben haben, ehe der Ire Robert Erskine Childers die Spionage selbst in "The Riddle of the Sands" ("Das Geheimnis der Sandbank", 1903) zum zentralen Thema der Erzählung erhebt. Den nächsten Höhepunkt erschreibt dem Spionageroman der Schotte John Buchan mit "The Thirty-Nine Steps" ("Die 39 Stufen", 1915; von Alfred Hitchcock 1935 verfilmt).

Üble Deutsche, böse Russen

Auch Agatha Christie versucht sich in dem Genre, fühlt sich aber in den Romanen "The Secret Adversary ("Ein gefährlicher Gegner", 1922), "N or M?" ("Rotkäppchen und der böse Wolf", 1941), "Passenger to Frankfurt" ("Passagier nach Frankfurt", 1970) merklich weniger wohl als in ihren Kriminalromanen, und auch ihr Versuch, ihren Meisterdetektiv Hercule Poirot in "The Big Four" ("Die großen Vier", 1927) in eine Art Agententätigkeit einzubinden, ist von geringem Erfolg gekrönt. Prinzipiell bedient der Spionageroman ein Schwarz-Weiß-Denken: Die eigene Nation, das eigene politische System ist moralisch dem brutalen, aber dummen Gegner weit überlegen. Der Spionageroman als politisches Statement: Jules Verne wütet in "Le Pilote du Danube" ("Der Donaulotse", 1901) an der Seite der Ungarn gegen das Kaiserreich Österreich, als wäre es ein Pottwal, der Kapitän Nemo vor seine "Nautilus" schwimmt. Ian Flemings James Bond kämpft gegen Sowjets, und wenn es nicht die bösen Russen sind, haben seine Gegner deutsch klingende Namen oder symbolisieren, wie Dr. No, die "Gelbe Gefahr": Kaum ein Genre-Roman ist ähnlich berechenbar. Man weiß von Beginn an, wer letzten Endes triumphiert. Der angloamerikanische Westen gewinnt den Kalten Krieg und erledigt dabei im Vorbeigehen auch noch Deutschland, ob kaiserlich, nationalsozialistisch oder sonst irgendwie immer-böse. Sogar ein literarisch bedeutender Autor wie der gebürtige Pole und naturalisierte Engländer Joseph Conrad verfällt in seinem Roman "The Secret Agent" ("Der Geheimagent", 1907) den Klischees: Die Bösewichte sind Anarchisten mit russischen und deutschen Namen.

Variationen der Klischees

Ausnahmen bestätigen die Regel: Der Brite Eric Ambler macht als Feinde nicht Nationen aus, sondern den Kapitalismus - zumindest bis 1945. Danach stimmt auch er in die anti-sowjetische Rhetorik des Kalten Kriegs ein. Der Engländer Graham Greene wiederum nützt das Christentum als moralischen Kompass: Recht und Unrecht können in seinen Romanen auf allen Seiten geschehen. Greenes christlich geprägter Humanismus veranlasst ebenso Kritik an der imperialistischen Politik von Großbritannien und den USA wie an diktatorischen Systemen. Für den Agentenroman sind Greenes Erzählungen in etwa, was Gilbert Keith Chestertons Pater-Braun-Romane für den Kriminalroman sind.

Le Carré versucht eine andere Variation, um dem Spionageroman neue Seiten abzugewinnen: Der freie Westen siegt über die Sowjetunion, aber es ist ein schaler Triumph. Die Methoden der Geheimdienste sind einander zu ähnlich. Damit verliert der Westen seinen moralischen Anspruch. Letzten Endes geht es um Dominanz, nicht um Werte.

Moral predigen

Le Carrés Agenten - seine bekannteste Gestalt ist George Smiley - sind manipulativ und manipuliert zugleich. Sie dienen als Schachfiguren einem Zweck, der kein höherer ist. Der Kalte Krieg endet, doch das Spiel mit Menschen geht weiter. Ob in "Die Libelle" israelische Agenten auf einen palästinensischen Terroristen angesetzt werden, oder wenn es in "Der ewige Gärtner" um illegale Tests für Arzneimittel geht: Erst scheint es klar, zu welcher moralischen Position le Carré seinen Leser verführen will, doch kaum hat dieser sie eingenommen, wird sie destabilisiert.

Viele Autoren von Spionageromanen haben mit dem Ende des Kalten Krieges ihren Reibebaum verloren - und bleiben ihm dennoch treu. Immer noch wimmelt es von bösen Russen und zwielichtigen Deutschen. Klischees und Schablonen sind prolongiert. Umso mehr hat sich le Carré abgehoben: Er konnte dem Genre treu bleiben, weil er an nationalen Schuldzuweisungen weniger interessiert war als an grundsätzlichen moralischen Fragen. Der Vorwurf, dass seine Romane Predigten seien, steht dennoch auf tönernen Füßen. Aber selbst, wenn: Es sind verdammt spannende Predigten. Und wenn sie ihren Leser auch nicht läutern, so bescheren sie ihm zumindest außerordentliches Vergnügen.