Manche Riesenschildkröten werden bis zu 200 Jahre alt - eine durchschnittliche, handliche europäische Hausschildkröte hält zwar damit nicht ganz mit, ein paar Jahrzehnte gehen sich aber schon aus. Letztlich stirbt Charly, die Familienschildkröte in Heike Dukens Erzählung, aber vielleicht doch überraschend früh, auch wenn die Kinder, denen sie Friedas neuer Lebensgefährte Heinrich nach dem Krebstod des leiblichen Vaters geschenkt hat, inzwischen längst erwachsen und aus dem Haus sind.

Frieda und Heinrich legen Charly daraufhin ins Eisfach und berufen eine viel zu selten gewordene Familienversammlung ein, auf dass sich alle drei Geschwister bei Mutter und Stiefvater einfinden mögen - und zwar mitsamt inzwischen geborenem und teilweise adoptiertem Nachwuchs -, um sich gemeinsam in Würde von dem langgedienten Haustier zu verabschieden.

Da prallen nun verschiedene Welten aufeinander, denn die beiden Schwestern Nele und Karen sowie ihr Bruder Mattis haben sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt - und sind unterschiedlich glücklich mit dem, was ihnen das Leben als Familie so beschert hat. Da ist zum Beispiel Mattis, der eher neben als mit seiner Frau lebt, während seine drei Kinder verschiedene Arten von Ärger machen; Nele wiederum hat einst einen Buben (offenbar aus Asien) adoptiert, der nun in die Sonderschule geht und dessen Adoptivvater sich aus dem Staub gemacht hat. Ja, und dann ist da vor allem Heinrichs uraltes Lebensgeheimnis, das selbst die Schildkröte überlebt hat.

Jeder der Beteiligten schleppt seinen eigenen schwer beladenen emotionalen Rucksack mit sich herum. Die Autorin schnürt jeden davon auf und lässt ihre Leser einen Blick hinein werfen, mal ist der ganz tief, mal wird der Verschluss gleich wieder zugemacht. Dabei switcht sie nicht nur zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten hin und her, sondern auch zwischen auktorialer und personaler Erzählperspektive. So spricht etwa der Sonderschüler Max - der sich seiner Andersartigkeit sehr wohl bewusst ist - ebenso wie seine Adoptivmutter Nele, wenn sie die Vergangenheit Revue passieren lässt, direkt zu uns, während wir etwa Mattis' in seinen Leiden als Vater quasi über die Schulter schauen.

Das Spannende an diesem Familientreffen ist weniger, was bis dahin passiert ist und währenddessen passiert, sondern wie es von den Beteiligten jeweils erlebt haben und erleben. Und zum Teil auch, wie sie es aus ihrer jeweiligen Perspektive schildern. Es sind keine großen Weltprobleme, die jeden und jede von ihnen belasten. Aber aus der je eigenen Warte aus sind sie doch zum Teil sehr groß und überwältigend. Und sie kommen (so viel darf verraten werden) mitunter auch in den besten Familien vor. Heike Duken macht aus Alltagssorgen einen gefühlvollen Familienroman.