Spiritualität und Populärkultur fusioniert Patrick Roth zu einem singulären Erzählkosmos. - © Vera Matranga
Spiritualität und Populärkultur fusioniert Patrick Roth zu einem singulären Erzählkosmos. - © Vera Matranga

Ohne in die für die Literaturkritik endemische Tendenz zur Übertreibung zu verfallen, darf man Patrick Roth als einen der bemerkenswertesten Schriftsteller deutscher Sprache bezeichnen: Seine Prosatexte verfügen nicht nur über eine singuläre literarische Qualität, sondern stemmen sich auch inhaltlich und thematisch mutig gegen den Mainstream der Gegenwartsliteratur. Wie kein anderer ernstzunehmender Schriftsteller hat er von Beginn seiner Autorenkarriere an die Bibel als Materialfundus seines Schreibens genutzt.

Was dabei aber entstand, waren keine frommen Seelentröstereien, sondern atemberaubende Erzählwerke wie "Johnny Shines", das Zentralstück der Christus-Trilogie, die von 1991 bis 1996 im Suhrkamp Verlag erschien. Wie der damals nahe Hollywood lebende Roth die Bildwelt der Bibel mit Mustern des amerikanischen Films verband, um auf der Basis der Carl-Gustav-Jung’schen Tiefenpsychologie eine Literatur zu schreiben, die dem Leser den Atem stocken ließ, weil sie in der Tat etwas zutiefst Inneres anzurühren verstand - das machte ihm niemand nach.

Religiöse Belletristik

Der Titel seines neuen Prosabands, "Gottesquartett", bezieht sich in gewisser Weise auf das fulminante Entrée der Christus-Trilogie, doch ist Roth mittlerweile beim katholischen Herder Verlag angekommen. Dort wird sein Buch, neben den Lebensratgebern von Pater Anselm Grün oder den Schriften von Karol Wojtyła und Joseph Ratzinger, unter der Kategorie "Religiöse Belletristik" vermarktet. Leider Gottes ist diese Einordnung mittlerweile ziemlich zutreffend. Gehörte Roth nämlich anfangs zu den Autoren, die ihre Leser dazu anregen, eingefahrene Haltungen zu hinterfragen, schreibt er nun eine Literatur, die primär darauf abzielt, Antworten zu liefern und am eigenen Beispiel zu beglaubigen.

Nicht mehr Materialfundus, dessen Bestand in kühnen Visionen mit Populärkultur hybridisiert und aktualisiert wurde, ist die Bibel nun bei Patrick Roth, sondern Gegenstand tiefenpsychologischer Auslegung der Worte Jesu, dessen Beispiel nachzufolgen Roth seinen Lesern ermöglichen will. Wer aber gewisse Vorbehalte gegen die Lehren des jüdischen Messias und des Schweizer Tiefenpsychologen hat, deren Bedeutung für sein Leben und Schreiben von Roth in poetologischen Passagen entfaltet wird, der muss in "Gottesquartett" immer wieder weiterblättern, bis er an jene Passagen gerät, an denen Roths außergewöhnliches Talent erkennbar wird, scheinbar Disparates wie Autobiografie, Hollywood-Kino und Traumsymbolik erzählerisch miteinander zu verbinden.

Bücher wie "Starlight Terrace", "Die Nacht der Zeitlosen" oder "Meine Reise zu Chaplin" waren bestechende Plädoyers für die Existenz des Transzendenten und ein Beweis dafür, dass Literatur in unseren sehr immanenten Zeiten eine Spiritualität außerhalb der geronnenen Vorstellungswelten der institutionalisierten Religionen eröffnen kann. Ähnlich und doch ganz anders als beispielsweise die häretischen Bildbeschreibungen christlicher Kirchenmalerei bei W.G. Sebald und Esther Kinsky, oder die Aktualisierung gnostischer Vorstellungen durch Morrissey in seinem Roman "List of the Lost", vermochte Roth anfangs mit dem biblischen Material eine eigenständige Kunst zu erschaffen, die Archaisches in zeitgemäße Zugänge zum Transzendenten übersetzte. Eine säkulare Form des Spirituellen.

Jesus, Jung & Crowley

Spätestens mit dem Joseph-Roman "Sunrise" (2014) aber, so scheint es, hat Roth diese Souveränität aufgegeben, um sein Schreiben unter die Autorität des sogenannten Wort Gottes und der Lehre von C.G. Jung als Universalschlüssel für ein gelungenes Leben zu stellen. Was er in "Gottesquartett" als Rezept für die befreiende Freisetzung des in jedem Menschen angelegten, aber zugleich verschütteten Eigenen nahelegt, gleicht bis in Einzelheiten der Lehre des Okkultisten Aleister Crowley, der seinen Jüngern Nämliches durch seine esoterische Technik des "sex magick" versprach.

Den dogmatischen Zugängen mit Hilfe von Jesus und Jung aber entgeht, dass doch jeder, der sich nicht vor dem Transzendenten verschließt, seinen eigenen Weg finden muss. Kunst und Literatur können dazu die wichtigsten Fingerzeige sein, doch nur dann, wenn sie wissen und herausstellen, dass es keine absoluten Wahrheiten und richtigen Wege gibt.