Jedes Jahr ein neuer lebensgefährlicher Fall. Das ist offenbar das Motto für Reinhard Engel, der sich seit seinem Umzug aus Deutschland nach Los Angeles Hardy nennt und in Hollywood den Filmzaren ordentlich auf die Zehen tritt - und dafür selbst jede Menge Tritte kassiert. Nach den Jahren 1921 und 1922 ist in "Die letzte Geliebte" jetzt also 1923 dran.

Christof Weigold lässt seinen Helden, der nach einem erfolglosen Versuch als Schauspieler nun als Privatdetektiv in Hollywood hängen geblieben ist, privat einiges durchmachen in der Liaison mit seiner (vielleicht-schon-vielleicht-auch-nicht-jedenfalls-nicht-fixen) Freundin Polly, ihrerseits Drehbuchautorin für einen der wichtigsten Filmproduzenten in der Hochblüte der Ära des Stummfilms. Und beruflich geht es noch viel heißer her. Denn eigentlich soll Hardy Engel zwar bloß belastendes Material über den Filmmogul Will Hays sammeln, um einerseits den viel zu jung und in Zusammenhang mit Drogen verstorbenen Hollywoodstar Wally Reid posthum zu entlasten und andererseits dessen Freund Herbert Somborn im Rosenkrieg gegen die Filmdiva Gloria Swanson zu helfen.

Doch schon bald stellt sich heraus, dass die Backenzahnschmerzen, die Hardy ganz zu Beginn hat, das allerkleinste Übel sind und all denen, die ihm auf den folgenden 643 Seiten widerfahren werden. Denn plötzlich hat er sich unversehens mit dem Ku-Klux-Klan angelegt, dem er das Handwerk legen will, nachdem er im Zuge seiner Ermittlungen einen Lynchmord mitansehen musste. Und als wäre das nicht schon genug, hängt mit all dem auch noch eine echte Staatsaffäre um den 1923 in San Francisco verstorbenen US-Präsidenten Warren G. Harding zusammen.

Christof Weigold hat eindeutig ein Faible für das Hollywood der 1920er Jahre, das er hier erneut auslebt. Und an dem er seine Leser gekonnt teilhaben lässt. Zunächst fragt man sich zwar: Wie will der Autor bloß 643 Seiten füllen? So viel kann er ja gar nicht erzählen, ohne langatmig zu werden. Doch, er kann! So lässt sich auch erklären, dass man nach der Hälfte des Buchs irgendwie das Gefühl hat, jetzt müsste es doch eigentlich bald zu Ende sein, obwohl noch 350 Seiten folgen werden - und dann kommt doch nochmal was und nochmal was. Er setzt jedes Mal noch einen drauf und schickt seinen Protagonisten in immer neue heikle Situationen, denen er knapp entkommt. Nicht zuletzt erneut dank Polly, die schon in den vergangenen Büchern eine wichtige Rolle gespielt hat.

Die prominenten Figuren, die im Buch vorkommen, sind übrigens allesamt real - natürlich mit Ausnahme von Hardy, Polly und mehreren Nebenfiguren -, selbst die Somborn-Swanson-Scheidung gab es. Das Schöne für den Autor ist freilich, dass die Ereignisse ein Jahrhundert her sind und sämtliche Personen also bereits verstorben sind (auch jene, die nicht ermordet wurden) und seinen Plot nicht mehr richtigstellen können. Damit hat er jegliche künstlerische Freiheit, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen. Trotzdem steckt auch viel Authentisches in seiner Geschichte, und so ist diese zwar beileibe keine Lehrstunde über die Zeit des Stummfilms, aber gibt doch einen ganz guten Eindruck davon. Abgesehen  davon, dass Christof Weigold es wirklich versteht, seine Leser mit mörderischer Spannung zu unterhalten.