Ein Mann sitzt in Los Angeles und ist genervt von Palmenblatt und Sonnenschein - denn es ist Weihnachten. Was sonst soll er tun, als ein Lied zu komponieren, das eine Sehnsucht nach Weihnachten im Schnee zum Ausdruck bringt? Der Mann ist Irving Berlin und dies ist eine der Schlüsselszenen im biografischen Roman "White Christmas", den die Autorin Micaela Jary unter ihrem Pseudonym Michelle Marly heuer veröffentlicht hat (Verlag Ruetten & Löning). Darin erzählt sie auch die hindernisreiche Liebesgeschichte von Berlin und seiner späteren Frau Ellin Mackay. Ein Gespräch über Romantik, historische Schneedaten und warum bei manchen alle Wege immer zu Weihnachten führen.

"Wiener Zeitung": Wie kam es zu der Idee, die Entstehung von "White Christmas" zu erzählen?

Micaela Jary: Ich wollte gerne einen Weihnachtsroman schreiben. Und da landete ich bei der Frage, wie das Lied "White Christmas" zustande gekommen ist. Bei "Stille Nacht" weiß das jeder, hier nicht. Dann habe ich mich mehr mit Irving Berlin beschäftigt und landete bei der Frage, warum hat ein Jude das erfolgreichste Weihnachtslied geschrieben?

Micaela Jary. - © Sally Lazic
Micaela Jary. - © Sally Lazic

"White Christmas" ist ein typisch amerikanisches Weihnachtslied, es hat nichts Sakrales oder Religiöses an sich, es dreht sich um ein so unverfängliches wie allgemeingültiges Gefühl ...

Es ist ein Schlager, das ist ganz klar, es ist populäre Musik. Man kann sich natürlich die philosophische oder religiöse Frage stellen, ob Weihnachten etwas Sakrales haben muss. Ich denke, eigentlich feiern wir ja eine Geburt, da finde ich es nicht so schlecht, ein bisschen flotter dabei zu sein.

Komponist Irving Berlin. - © Unbekannter Fotograf
Komponist Irving Berlin. - © Unbekannter Fotograf

Die Bedeutung dieses "Weißen Weihnachten" hat sich über die Jahre immer wieder neu aufgeladen. Begonnen hat es im Krieg.

Es ist ein klassischer Kriegsschlager, der den US-Soldaten, die in Europa oder Asien waren, ein Stück Heimat brachte. Das Lied hat das überdauert, das lag sicher an der Interpretation durch Bing Crosby, an der Verwendung in Filmen, schließlich an den vielen Coverversionen.



Weiß man, was Irving Berlin davon gehalten hat, dass sein Song zum Kriegsschlager geworden ist? Geschrieben hat er ihn ja schon 1937.

Er hat ihn ja selber lanciert in der Zeit. Er ist in einer Schublade verschwunden, nachdem er 1937 nicht wie ursprünglich gedacht verwendet wurde. Er hat ihn wiedergefunden nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor. Und vier Wochen später ist das Lied veröffentlicht worden. Berlin wurde ja geboren im ehemaligen Zarenreich, seine Eltern wurden als Juden dort verfolgt und emigrierten in die USA, da kam er als kleiner Bub Ende des 19. Jahrhunderts an. Er war absolut überzeugter Amerikaner, er liebte dieses Land, es hat ihm ja auch alle Möglichkeiten gegeben, von ganz unten nach ganz oben zu kommen, eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Es kommt nicht von ungefähr, dass er das Lied "God bless America" geschrieben hat.

Mit einer weiteren Bedeutung konnte Berlin nicht rechnen: Heute evoziert das Lied die nostalgische Erinnerung an frühere, schneereichere Winter, als Klimawandel noch kein Thema war.

Ich bin ja auch nicht ganz jung, nicht so alt wie "White Christmas", aber ich habe auch einige sehr warme Weihnachten erlebt. Ich werde nie das Weihnachten vergessen, als ich meine Tochter erwartet habe, 1981, das war so kuhwarm, dass man durch München im T-Shirt laufen konnte. Aber ja, diese Sehnsucht ist natürlich da, man verbindet Weihnachten nun einmal mit Schneeflocken und Lichterglanz, dem Romantischen und dem Heimeligen.

Und die Pandemie-Weihnacht verpasst ihm wieder eine neue Bedeutung ...

Das würde ich sicherlich sagen. Ich habe letztens gelesen, man sollte sich heuer einfach mehr zurückbesinnen. Vielleicht ist es ganz gut, von diesem Wahnsinnskonsumding, was Weihnachten geworden ist, wegzukommen und auch zur Ruhe zu kommen, das zum Anlass zu nehmen, zu einer persönlichen Harmonie zu kommen. Das ist auch ein Teil dieses Liedes.

Die weihnachtliche Reise nach Jerusalem von Ellin Mackay, die ihr die Berührungspunkte der jüdischen und der christlichen Religion klarmacht, ist die ein dramaturgischer Kniff oder hat die wirklich stattgefunden?

Die hat tatsächlich stattgefunden, und die ganze Liebesgeschichte war wirklich so dramatisch. Als ich mich in die Biografien der beiden eingelesen habe, war da etwas, was mir besonders ins Auge stach: Diese seltsamen Verbindungen zu Weihnachten, die es in ihren beiden Leben gab, die tauchen immer wieder auf. Diese Reise, Ereignisse in seiner Kindheit, dann die Tragödie mit ihrem Sohn, der am Christtag gestorben ist.

Bei Ihren biografischen Romanen sind Sie wohl sehr sorgfältig?

Als Michelle Marly schreibe ich biografische Romane, unter meinem Mädchennamen Micaela Jary Familien- und Gesellschaftsromane. Das sind zwar erfundene Figuren, aber auch da bin ich so authentisch wie möglich, ich versuche sogar, das Wetter zu recherchieren. Das hat enorme Auswirkung auf das Geschehen: Ich habe vor Jahren meinen ersten Bestseller "Das Haus am Alsterufer" geschrieben, das fängt im Herbst 1911 an, es nieselt und regnet immer, bis ich irgendwann las, dass das einer der heißesten Sommer war, den es in Deutschland im 20. Jahrhundert gab. Bis Ende November ist kein Tropfen Regen gefallen, auch nicht in Hamburg. Da musste ich das alles umschreiben . . .

Haben Sie dann auch recherchiert, ob Schnee in New York lag, als sich Irving Berlin 1937 in Los Angeles danach sehnte?

Nein, das habe ich nicht. Gute Frage, hätte ich machen sollen. In den 30er Jahren war ja wohl wenigstens das Wetter noch halbwegs in Ordnung (lacht). Bei der eigentlichen Handlung in den 20ern habe ich es überprüft, aber 1937 nicht.

Ihr Vater Michael Jary war auch Komponist, haben Sie Parallelen gesehen?

In der Arbeitsweise überhaupt nicht. Berlin war ein reiner Autodidakt, der keine Noten schreiben konnte, und mein Vater war ein akademisch ausgebildeter Komponist. Mein Vater schrieb Noten wie ich Buchstaben, er komponierte auch nicht am Klavier. Berlin konnte nicht richtig Klavierspielen, er hatte eine Spezialanfertigung und nutzte fast nur die schwarzen Tasten. Ein heutiger junger Typ, der keine Noten kann und an der Gitarre rumzupft, der kann das ja aufnehmen. Wenn wir von "Alexander’s Rag Time Band" ausgehen, was 1911 geschrieben wurde: Da gab es ja keine technische Möglichkeit dafür. Es ist mir ein bisschen schleierhaft, wie er tatsächlich gearbeitet hat, vor allem, wie er die Idee behalten konnte. Er hatte ja sehr gute Bearbeiter und Arrangeure, die für ihn die Notenschrift machten, aber der Weg von der Idee bis dahin, das ist schon bemerkenswert.

Welches ist denn Ihre liebste "White Christmas"-Version?

Natürlich die Originalversion, und von den älteren Aufnahmen ist für mich die Version von Louis Armstrong am besten, bei den jüngeren ist es ganz klar Rod Stewart, aber auch Eric Claptons "White Christmas" finde ich ganz toll, das ist mal etwas anderes.

Aber vielleicht ist Ihr liebstes Weihnachtslied ein ganz anderes?

Ja, das ist "Wenn der Herrgott will" von meinem Vater, 1949 für den Film "Gabriela" komponiert. Zarah Leander singt das, es ist im Film tatsächlich eine Weihnachtsszene. Als Kind liebte ich "Vom Himmel hoch da komm ich her", da fand ich Engel so toll.