Elisabeth Reichart wird in diesem Jahr für ihr Gesamtwerk mit dem Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien ausgezeichnet, die Preisverleihung wurde coronabedingt vom Fernsehsender W24 aufgezeichnet.

Die oberösterreichische Autorin schreibt gleichermaßen Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Kinderbücher, zuletzt erschien der Lyrikband "Mein Geliebter, der Wind" (2019). Zentrales Thema ihrer Werke ist die Auseinandersetzung mit der nationalsozialischen Vergangenheit und das Weiterwirken von Gewaltstrukturen. Mit der "Wiener Zeitung" sprach die 67-Jährige über den Beginn ihrer Karriere, den Feminismus und ihre Eindrücke von dem von der Pandemie überschatteten Jahr.

"Wiener Zeitung": Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen auf die Gegenwart prägt seit je Ihr Schreiben: Sie promovierten über den kommunistischen Widerstand, in Ihrem Debütroman "Februarschatten" (1984) thematisierten Sie die so genannte "Mühlviertler Hasenjagd". Was reizt Sie an der Geschichte?

Elisabeth Reichart: Die Geschehnisse waren für mich ein Geheimnis, das es zu lüften galt. Als Kind wusste ich so gut wie gar nichts über die Zeit des Nationalsozialismus, es war gerade so, als hätte es ihn nie gegeben. Ich erinnere mich nur an die Suchmeldungen im Radio und an die wenigen Erzählungen meiner Großmutter. Als gläubige Katholikin war sie gegen das NS-Regime eingestellt - sonst herrschte Schweigen. Mein erster Besuch in Mauthausen war ein Schock. Die Berichte über die "Mühlviertler Hasenjagd" wühlten mich besonders auf, da ich in der Region, in der diese Verbrechen verübt wurden, aufgewachsen war. Das hat meinen Blick auf die Welt und die mich umgebenden Menschen buchstäblich verrückt.

In "Februarschatten" vertraut eine Frau ihrer Tochter an, wie sie als Mitläuferin bei der "Hasenjagd" auf die Seite der Täter geriet, worunter sie ihr Leben lang litt. Wie kamen Sie zu den Informationen?

Mein Glück war, dass die Menschen der Region zu Peter Kammerstätter Vertrauen gefasst und ihm viel erzählt hatten. Er vertraute mir ein 1.000-seitiges Konvolut über die "Hasenjagd" an, eine unglaubliche Quelle!

Peter Kammerstätter war Kommunist, Widerstandskämpfer und Pionier der NS-Forschung in Oberösterreich. Wie lässt sich die Erinnerung an die NS-Zeit für kommende Generationen lebendig halten?Welche Bedeutung kommt dabei der Literatur zu?

Literatur ist ein Erinnerungsschatz, neben all den historischen Dokumenten und Filmen. Zuweilen drängt sich mir aber den Eindruck auf, die heutige Generation interessiert sich weniger für Geschichte als noch unsere Jahrgänge. Mir war die Geschichte des Nationalsozialismus von Beginn an ein Bedürfnis. "Februarschatten" ist kein historischer Roman. Ich wollte darin vielmehr aufzeigen, wie der Nationalsozialismus auch nach Kriegsende in der Gesellschaft weiterwirkte, inwiefern wir Nachgeborenen davon betroffen waren und sind.

Empfinden Sie sich als feministische Autorin?

Der Feminismus hat viel erreicht, aber wollen wir uns damit zufriedengeben? Es ist doch kein Zufall, dass Pflegeberufe zwar lebenswichtig für uns sind, aber schlecht bezahlt und ohne Aussicht auf mehr, weil sie vor allem von Frauen gestemmt werden. Eine Frau sollte Feministin sein, sonst hintergeht sie sich selbst. Beim Schreiben interessieren mich Frauen, welche die Kraft aufbringen, ihr Leben selbst zu gestalten, etwas zu verändern, wenn es ihnen nicht mehr behagt. Diese Selbstermächtigung fällt uns Frauen schwerer, weil wir nicht dazu erzogen wurden, aber sie ist möglich heute.

Wie erleben Sie die Situation von Autorinnen im Literaturbetrieb?

Es hat sich im Laufe der Jahrzehnte schmerzlich wenig verändert. Die Dominanz des männlichen Schreibens ist offensichtlich, obwohl Frauen viel mehr lesen als Männer. Das ist grotesk. Der Literaturbetrieb gefällt sich noch immer darin, junge Frauen zu entdecken und wieder fallen zu lassen - nur wenige Kolleginnen können sich da halten.

2020 ist das Jahr der Pandemie. Wie erlebten Sie die Seuche?

Mich lähmt Corona vollkommen, sowohl was meine Fantasie, als auch was mein Schreiben anbelangt. Nur langsam komme ich wieder ins Schreiben. Ein absolutes Unverständnis hege ich für die Rücksichtslosigkeit vieler Menschen. Solidarität heißt heute: Abstand halten, Masken tragen, soziale Kontakte reduzieren, egal, was man sonst über die Pandemie denken mag. Und ist das wirklich zu viel verlangt? Mir sind inzwischen auch die ständigen Appelle zuwider, dass die ältere Generation eines besonderen Schutzes bedürfe! Das spaltet doch die Gesellschaft, trägt letztlich zur Entsolidarisierung bei! Auf den Intensivstationen liegen bekanntlich auch viele jüngere Patientinnen und Patienten. Nicht zuletzt frage ich mich, wie es sein kann, dass selbst in einer weltweiten Krise wie wir sie gerade erleben, die Reichen reicher und die Armen immer ärmer werden. Dieser zerstörerische Kapitalismus ist offensichtlich gescheitert!