"Alles hing davon ab, wie man einen Abend begann", sinniert John Truck, während er Jane Smith nach dem Theaterstück zum Essen ausführt. "Dieser Abend hatte verhältnismäßig schlecht begonnen, mit Nebel und mit diesen Visionen an der Marmorwand einer Herrentoilette..." Schlecht begonnen hatte er vor allem deshalb, weil Jane mit einer ganzen Stunde Verspätung zur Verabredung eintraf und dann noch ihrem geduldigen Verehrer mit unterkühlter Gleichmut begegnete.

So wie Jane den ihr zugetanen John, spannt auch Autor Hans Flesch-Brunningen zu Beginn seines Romans "Perlen und schwarze Tränen" die Leserin auf die Folter, die 35 Seiten mit ihm zusammen auf Jane wartet. Aber erst nach ihrer Begegnung, nach den gemeinsamen Stunden in Theater, Restaurant und Janes Wohnung, erst nach Johns Aufbruch in die Einsamkeit der Nacht, versteht man, dass dieses Warten eigentlich ein viel größeres ist: ein Warten darauf, dass mit dem Frieden im Winter 1945/46 auch eine Normalität zurückkehren möge - Normalität, von der man, wie das Buch zeigt, Lichtjahre entfernt ist und entfernter nicht sein könnte.

Schreckensvisionen

Truck wird eine neblige Londoner Winternacht durchwandern, in der zarter Reif den Ruinen täuschende Schönheit verleiht. Trucks Weg ist durchgeistert von Visionen und Schreckensbildern, in denen Krieg und Zerstörung auf so verstörende wie eindrückliche Weise widerhallen. Er sieht Panzer rollen, die sich dann doch zurück in Lieferwagen verwandeln, er trifft eine Kutsche mit den Geistern englischer Dichter von Shelley bis Lord Byron; er findet sich im wilden Gespräch mit einem Mann, der ihm seine eigenen innersten Wahrheiten erzählt.

Es ist der Geisteszustand tiefster Verstörung, den die zerstörte Stadt spiegelt und den Flesch-Brunningen im Erleben seiner Figur verdichtet; ein Zustand, der weder zu halten noch auszuhalten ist und den Flesch-Brunningen auf assoziative, immer weder mit James Joyces "Ulysses" verglichene Weise in eine Art versprachlichten Wahnsinn übersetzt. Dass ihm dabei von bitterster Ironie bis zu poetischer Zartheit viele sprachliche Register zur Verfügung stehen, macht das Buch zu einem staunenswerten literarischen Dokument.

"Wie großartig war es doch, zu leben, Weltgeschichte zu leben, in einer solchen Zeit zu leben! Diesen Bezirk hatte es tüchtig erwischt ... Die Leute oben im Haus waren ohne Blutvergießen in die Luft geflogen; hier unten aber waren sie erstickt und verblutet unter der Last des Hauses. Bleib stehen - und du siehst die Flecke am Fußboden des Souterrains; lausche - und du kannst die heiseren Schreie hören, da es plötzlich dunkel wurde, und das Wasser platzt vom Hauptrohr herein, und sechs Personen sind ertrunken, und dann strecken die Flammen aus den Gasröhren die heißen Zungen vor und fressen die übrigen auf."

Es sind apokalyptische Bilder, die John Truck einholen, während er die Liebes- und Sehnsuchtsgeschichte des frühen Abends hinter sich lässt und schließlich, am frühen Morgen ankommt in der "Wortfabrik" der BBC, wo in den Kellern geschlafen wird, in den Büros politische Versammlungen stattfinden und er sich schließlich inmitten einer Masse von Menschen findet, die wie ein Spiegel der gesamten Menschheit sind.

"Sie alle hatten auf ihren Nacken ihre kleinen Un-Gewissen hocken, doch sie fütterten sie mit gezuckerter Milch ... Sie unternahmen Lustreisen über die Schlachtfelder und durch die Konzentrationslager ... sie hatten Ansichtskarten, von Künstlern entworfen, mit den tausend Leichen in Buchenwald und mit den Photos der Erzmörder und -schurken. Sie legten sich richtig hinein in das Unschuldsstreben nach dem Glück für den Durchschnittsmenschen."

Roman einer Stadt

Das "Gewicht dieser Nacht überwältigt" nicht nur ihn, der sie durchlebt; es überwältigt auch die Leserin - lange vor seinem finalen Wiedersehen mit Jane und dessen gewalttätigem Ende. Dass "Perlen und schwarze Tränen" nicht zuletzt auch als London-Roman zu lesen ist, der sich der zeitgeschichtlichen Wirklichkeit der Stadt auf ähnlich kunstvolle Weise nähert, wie Döblin es 1929 für "Berlin Alexanderplatz" getan hat, ist ein weiterer Aspekt der literarischen Größe dieses Buches.

Das von Evelyne Polt-Heinzl im Vorwort als "einer der drei großen, auch formal herausragenden Romane der österreichischen Exilliteratur" klassifizierte Buch erfasst auf sprachlich großartige Weise, mit düster visionärer Kraft und scharfem Blick die menschliche Fähigkeit zum Bösen, die im Ereignis Krieg eskaliert.