"Wiener Zeitung": Ihr jüngstes Buch, "Von Zeitlupensymphonien und Marzipantragödien. Notizen eines Möchtegern-Österreichers", ist ein ironischer Leitfaden, wie man sich als Ausländer in Österreich am besten bzw. schnellsten integriert. Was sind die drei wichtigsten Dinge, die man diesbezüglich beherzigen sollte?

Radek Knapp: Erstens bringen wir dem Ausländer das bewährte: "Schauma mal, dann werden wir sehen" bei. Dann: "Zweite Kassa, bitte!" Anschließend verabreichen wir einen Liter Veltliner, der ein erstklassiger Integrationsbeschleuniger ist.

Wann haben Sie im Supermarkt zum ersten Mal den Ruf nach einer zweiten Kassa "gewagt"?

Noch nie. Ist auch nicht nötig. Es kommt einem immer einer zuvor. Dieser Ruf ist übrigens eine rein österreichische Erfindung. Man kennt ihn sonst nirgendwo auf der Welt. Sogar in Deutschland, wo man mit Schlachtrufen aller Art Erfahrungen hat, ist er total unbekannt. Die Unesco sollte ihn zu einem "immateriellen Weltkulturerbe" erklären.

Im Zuge Ihrer Recherchen haben Sie auch die Feststellung gemacht, dass der "echte Wiener" vom Aussterben bedroht sei. Wieso?

Die Lage ist ernst. Alte Wirtshäuser weichen aquarienartigen Lokalen, wo man rohen Fisch serviert. Eine raumfordernde Spezies namens "Bobo" schränkt den natürlichen Lebensraum des Wieners ein. Wer den echten Wiener sehen will, muss am besten einen touristenfreien Heurigen aufsuchen. Dort kann man noch den Wiener über einem Glas Sturm brüten sehen und solche Weisheiten von sich geben wie: "Wir Wiener sind Leute, die niemandem in die Augen schauen und trotzdem alles sehen."

Kommen wir auf die Gemeinsamkeiten von Ihrem Geburtsland Polen und Österreich zu sprechen. Wenn man einen Blick in die Vergangenheit wirft, gibt es zwischen Österreich und Polen viele Bezugspunkte. Nicht zuletzt 1683, als der polnische König Johann III. Sobieski nach Wien kam, um die Stadt von der türkischen Belagerung zu befreien...

Diese Gemeinsamkeit liegt schon eine Weile zurück, obwohl kürzlich ein betrunkener polnischer Bauarbeiter am Würstelstand den anwesenden Österreichern versicherte: "Wenn ihr wollt, wir vertreiben euch die Türken jetzt wie Sobieski." Die stärkste Gemeinsamkeit ist zweifellos die Vorliebe für Krankheiten und den Tod. Wenn sich jemand in Polen auf den Kopf greift, fragen ihn alle gleich, ob er einen Gehirntumor hat. Hier geht man weiter: Es gibt in Wien sogar ein Todes-Kaffeehaus, wo sich Leute regelmäßig treffen und über die letzten Dinge plaudern. Nach zwei Stunden sind alle quicklebendig und bester Laune. Der Tod als Mittel zur inneren Heiterkeit. Diese Stadt muss man einfach lieben.

Wie sieht es mit der Kulinarik aus? Sind Ihre hiesigen Lieblingsgerichte Blunzengröstl und Mohr im Hemd ein würdiger Ersatz für polnische Piroggen?

Die österreichische Küche ist fast wie die polnische. Sie hat sich bloß von der majestätischen Gravitation des Fleisches befreit. Nehmen wir das Wiener Schnitzel. Es ist derart weichgeklopft, dass man es in einer polnischen Kirche als Hostie verwenden könnte.

Inwiefern unterscheidet sich der polnische Humor vom österreichischen bzw. Wiener Humor?

Gar nicht viel. Beide Nationen haben ihren Humor im Schatten ihrer großen Nachbarnation entwickelt. Daher ist er feiner und liebt die Zwischenzeile. Neulich erzählte mir jemand den Witz: "Woher wissen wir, dass die Polen im Weltall sind? Weil der Große Wagen weg ist." Ich denke mir: Wollen wir den Terror, die Bomben und die allgemeine Verunsicherung nicht wieder gegen den polnischen Autodieb tauschen? Ich wäre dafür. Der polnische Autodieb wirkt heute wie ein romantisches Konzept.

"Je melancholischer man ist, desto mehr Humor entwickelt man. Ironie istein gutes Instrument, Kritik zu üben, ohne Verletzungen zu verursachen.Schließlich liegen einem die Dinge, die man kritisiert, am Herzen." - © Karl Schöndorfer
"Je melancholischer man ist, desto mehr Humor entwickelt man. Ironie istein gutes Instrument, Kritik zu üben, ohne Verletzungen zu verursachen.Schließlich liegen einem die Dinge, die man kritisiert, am Herzen." - © Karl Schöndorfer

Sie arbeiten als Schriftsteller mit dem Stilmittel der Ironie. Ist das in gewisser Weise auch eine Art Lebensphilosophie?

Je melancholischer man ist, desto mehr Humor entwickelt man. Das Gift-und-Gegengift-Prinzip. Außerdem mutet das Leben manchmal wie ein langer Tunnel an, an dessen Ende eine Antidepressiva-Tablette oder das große Lachen wartet. Ich habe mich fürs Lachen entschieden. Ironie ist ein gutes Instrument, Kritik zu üben, ohne Verletzungen zu verursachen. Schließlich liegen einem die Dinge, die man kritisiert, am Herzen. In Ihrem aktuellen Buch ist es Ihr Großvater, der Sie dazu ermutigt, nach Österreich zu reisen - in jenes Land "wo die Psychoanalyse erfunden wurde, um sich vom jahrhundertelangen Walzertanzen zu erholen". Können Sie Walzer tanzen?

Nein, aber das lerne ich noch.

In Ihrem realen Leben ist die Entscheidung, nach Wien zu übersiedeln, aus ganz anderen Motiven gefallen. In einem Interview erwähnten Sie, dass Ihre Mutter unter dem Vorwand, für ein Wochenende zu verreisen, nach Wien gefahren und letztlich dort geblieben ist. Sie sind also bei Ihren Großeltern in Polen aufgewachsen?

Meine Eltern waren 23, als ich zur Welt kam. Also selber noch Kinder. So landete ich bei meinen Großeltern, was ein Riesenglück war. Es gab einen Garten, ein kleines Haus, Tiere. Das Glück endete, als meine Mutter mich für eine Woche nach Wien einlud und mich zwang, bei ihr zu bleiben. Ich war damals zwölf. Mein Tipp an alle Eltern: niemals ein Kind gewaltsam verpflanzen, ehe es nicht zumindest 16 ist. Sonst produziert ihr einen Chaoten - oder einen Schriftsteller.

Konnten Sie damals Deutsch?

Gar nicht - und Deutsch war mir noch dazu total unsympathisch. Die Kommunisten impften allen ein, dass es die Sprache des Feindes war. Warum unsere Freunde aus der DDR auch die Feindessprache verwendeten, konnte keiner erklären. "Wo ist der Sturmbannführer Stettke?" war der einzige deutsche Satz, den ich kannte, als ich nach Wien kam.

Wie haben Sie die Schulzeit als Ausländer erlebt?

Alle waren nett zu mir. Ich fiel das erste Jahr in Religion und Deutsch durch, aber man ließ mich trotzdem in die nächste Klasse aufsteigen. Unser Schuldirektor war eine Berühmtheit, er leitete im ORF die Sendung "Wer bastelt mit". Ich träumte meine ganz Schulzeit davon, ihm vor laufender Kamera den "Uhu"-Kleber reichen zu dürfen. Mein Traum hat sich nicht erfüllt. Aber dafür lernte ich, dass man in Österreich sehr wohl die Gabe hat, sich um einen Schwächeren zu kümmern.

Stimmt es, dass Sie mit 17 aus der Wohnung Ihrer Mutter geflogen sind, weil sie nicht einverstanden war mit Ihrem Berufswunsch Schriftsteller?

Weniger geflogen, als mich selbst für erwachsen erklärt. Ich verließ die traute, große Wohnung im vierten Schnöselbezirk und bezog eine Souterrainwohnung, wo ich den Schimmelpilz beim Wandern beobachten konnte. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden. Ich spürte, dass ich endlich meine Pläne ausführen konnte - nämlich die Methode zu finden, wie man dieses schreckliche Leben schön finden kann. Aber ist das nicht der Anfang aller Kunst?

Hatte Literatur immer schon einen hohen Stellenwert in Ihrem Leben? Waren Ihre Großeltern Büchermenschen?

Ganz im Gegenteil. Mein Großvater hat vermutlich in seinem ganzen Leben kein Buch gelesen. Gerade deswegen hatten sie so viel Respekt vor Büchern und Bildung, den ich so manchem Intellektuellen wünschen würde. Sie haben mir die Liebe zur Literatur eingeimpft, indem sie mir ihre Sympathie für den Menschen vererbten.

Wann haben Sie zum Schreiben begonnen?

Meinen ersten literarischen Text schrieb ich mit acht, als ich mich bei meiner Mutter beschwerte, dass sie sich nicht genug um meine Großmutter kümmerte. Es hat geholfen: Sie kaufte mir zur Versöhnung ein Bastelflugzeug und wurde netter zu meiner Großmutter.

Gibt es polnische Texte von Ihnen?

Ein paar Artikel in polnischen Zeitungen. Ansonsten nur Gedichte, um ein paar Frauen herumzukriegen. Ich habe sie alle verschenkt, aber herumgekriegt habe ich keine. Übrigens, damals erwarteten Frauen von einem ein Gedicht und nicht wie heute ein Wochenende in der Therme.

Zitat: "Ich werde die deutsche Sprache zwar nie so gut beherrschen wie meine Muttersprache, aber ich werde sie immer dann benutzen, wenn von meinen Gefühlen die Rede ist." Könnten Sie das näher erläutern?

Polnisch ist meine Muttersprache und ich werde darin fluchen und bis zehn zählen, bis ich tot umfalle. Deutsch brachte mir bei, die Sprache sei kein Tempel, sondern ein Instrument. Es ist ratsamer, Gefühle mit einem Instrument anzufassen als mit einer emotionsgebundenen Muttersprache. Das ist eines dieser seltsamen Schreibgesetze. Je größer die Distanz, aus der man Gefühle schildert, desto glaubhafter kommen sie rüber.

Was war das Hauptmotiv für Sie, sich für ein Philosophiestudium zu entscheiden?

Die Wahrheit ist peinlich. Ich floh vor dem österreichischen Bundesheer. Stundenlang einer philosophischen Schlaftablette auf der Uni zu lauschen, war immer noch besser, als mit einem Panzer durch Kärntens Täler zu rollen. Dass ich dabei Camus und Sartre entdeckte, war ein glücklicher Nebeneffekt. Camus liebte ich sofort, weil er bei seiner Nobelpreisrede sagte: "Mein ganzes schriftstellerisches Kapital sind meine Zweifel. Wegen meiner Zweifel stehe ich heute vor Ihnen, verehrte Schwedische Akademie."

In Ihren Büchern kommen immer wieder diverse Nebenjobs zur Sprache, u.a. haben Sie sich Ihr Studium als Würstelverkäufer, Saunaaufgießer und als Heizungsableser verdient. Ist es wahr, dass Sie im Zuge Ihrer Tätigkeit als Heizungsableser Ihren Landsmann, den weltberühmten Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem, kennengelernt haben?

Eines Tages tauchte ich in seiner Villa in Hietzing auf und als mir bewusst wurde, wer vor mir stand, sagte ich sofort: "Ich schreibe auch." Lem darauf: Ich solle vom Schreiben die Finger lassen, daran stirbt man des Hungers. Worauf ich einen ironischen Blick auf seine Villa warf und zurückschlug: "Wenn ich schon sterbe, dann suche ich mir selber aus, woran." Lem begutachtete mich noch einmal und meinte: "In dem Fall bleiben Sie zum Mittagessen." Ich war damals 21 und ziemlich selbstbewusst. Maestro war 60 und bescheiden, obgleich er bereits 40 Millionen Bücher verkauft hatte.

"Er las alle meine Bücher": Radek Knapp bei Stanislaw Lem. - © privat
"Er las alle meine Bücher": Radek Knapp bei Stanislaw Lem. - © privat

Zeigten Sie ihm auch Ihre Texte?

Ja, meine erste Kurzgeschichte mit dem Titel "Der Bericht". Auf sein Urteil wartete ich wie auf eine Hinrichtung. Zum Glück fiel es gut aus und ich hatte plötzlich das sonderbare Gefühl, dass einem Dilettanten wie mir für einen kurzen Moment Literatur gelungen ist. Lem las auch meine späteren Bücher, sagte aber immer: "An deine erste Geschichte kommst du nicht ran." Kein Wunder, ich habe mächtig von Kafka abgeschrieben, was Maestro nicht aufgefallen war.

Ihr erstes Buch und gleichzeitig Ihr Durchbruch als Schriftsteller - der Erzählband "Franio" - wurde sogleich im "Literarischen Quartett" besprochen. Haben Sie Marcel Reich-Ranicki auch persönlich kennengelernt?

Und ob. Ranickis Polnisch war völlig akzentfrei, anders als sein Deutsch. Er war der leibhaftige Beweis, dass man in einer Sprache, die man nicht 100-prozentig beherrscht, mehr als 100 Prozent erreichen kann. Er hatte enormen Einfluss und noch mehr Feinde. Ich glaube, Günter Grass sagte: "Reich-Ranicki liebt die Literatur, aber sie liebt ihn nicht." Selten habe ich einen Menschen gesehen, der so vergeblich an die Tür der Literatur hämmerte und nicht hereingelassen wurde. Daraus schöpfte er wohl seine Lebensenergie nach dem Motto: Wenn die Literatur mich nicht reinlässt, dann werde ich zumindest bestimmen, was gute und was schlechte Literatur ist.

Ihre Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt - auch ins Polnische?

Ja, und ich fand heraus, dass ein guter Übersetzer Gold wert ist. Nicht einmal meine eigene Übersetzung von "Franio" ist gut. Ich erinnere mich an Milan Kunderas Bestürzung, als er feststellte, dass seine Übersetzerin kaum Tschechisch beherrschte. "Aber wie können Sie mich dann übersetzen?", fragte er, worauf sie sagte: "Na, mit dem Herzen."

Wie populär sind Sie in Polen?

Als "Herrn Kukas Empfehlungen" in die Kinos kam, hatte ich meine fünf Minuten. Aber die polnischen fünf Minuten sind noch kürzer als die im Westen. Maestro Lem sagte einmal, Ruhm ist kein Schinken, den kann man sich nicht aufs Brot legen. Wie klug dieser Mann doch war. Sogar er ist jetzt in Polen viel weniger bekannt als jene Mode-Krimiautoren, die gerade mal das Alphabet beherrschen.

Regisseur Dariusz Gajewski bei der Premiere seines Films nach einem Radek-Knapp-Roman in Wien. - © picturedesk.com
Regisseur Dariusz Gajewski bei der Premiere seines Films nach einem Radek-Knapp-Roman in Wien. - © picturedesk.com

2005 schrieben Sie das Buch "Gebrauchsanweisung für Polen" und stellten darin u.a. die These auf, dass Polen moderner und europäischer sei, als man denken möge. Wie sehen Sie das heute? Stichwort: aktuelle Massenproteste...

Genau diese Proteste sind der Beweis für das moderne Polen. Hinter der PiS-Partei von Kaczynski stehen 30 Prozent des Volkes. Dass er trotzdem regiert, liegt am polnischen Wahlsystem, das nach dem amerikanischen Prinzip "The winner takes it all" funktioniert. Die Mehrheit der Polen würde diesen Mini-Trump auf den Mond schießen. Ich finde, die EU sollte mehr Biss zeigen. Sehr viele Polen würden lieber eine EU-Sanktion in Kauf nehmen, sofern diese nur der PiS schadet.

Sie leben jetzt seit über 40 Jahren in Österreich und ließen durchklingen, dass Sie sich immer noch als Gast fühlen.

Warum nicht? Gast zu sein, ist ein Privileg. Außerdem sehen Gäste alles aus der Distanz. Und ohne Distanz gibt es keine anständige Literatur.