Was wäre, wenn die Künstliche Intelligenz eines Tages so intelligent würde, dass sie draufkäme, wie schlecht die Menschheit für diesen Planeten ist – und sie deshalb auslöschte, um die Umwelt zu retten? Diese Frage ist der Ausgangspunkt für Lee Bacons KI-Dystopie "Roboter träumen nicht", die zwar die Ausrottung der Menschheit als Basis hat (offenbar haben die Roboter Isaac Asimov Robotergesetze nicht gelesen), ansonsten aber keine große Brutalität aufweist. Auch wenn es mitunter hart zur Sache geht, aber das liegt vor allem daran, dass Roboter mehr aushalten und deshalb auch im Umgang mit anderen Dingen weniger zimperlich sein können, zum Beispiel, wenn sie ein Mädchen aus einem Container befreien.

Was, ein Mädchen? Hieß es nicht, die Menschheit wäre ausgerottet worden? Nun, offenbar haben einige wenige Menschen überlebt. Und einer davon taucht nun, 30 Jahre nach der offiziellen Vernichtung der Menschheit und der Machtübername durch die Roboter als nunmehr dominierende Spezies auf dem Planeten (wenn man sie denn als solche benennen kann), unvermutet auf: Es ist die zwölfjährige Emma, die einen Bunker verlässt, in dem sie und ihre Angehörigen bisher gelebt haben, um ein anderes Ziel knapp 50 Kilometer entfernt zu erreichen. Das erzählt sie dem gleichaltrigen, 1,71 Meter großen humanoiden Roboter XR_935, der sie entdeckt und in der Folge so etwas wie Gefühle für den kleinen Menschen entwickelt.

- © Aus: Lee Bacon: "Roboter träumen nicht", Loewe Verlag
© Aus: Lee Bacon: "Roboter träumen nicht", Loewe Verlag

Und statt brav wie an den vergangenen rund viereinhalbtausend Tagen seiner bisherigen Existenz Solarpaneele zu montieren, lässt XR_935 seine Arbeit stehen und liegen und macht sich stattdessen mit Emma auf den Weg. Unterstützung bekommen die beiden von den zwei Arbeitskollegen des Roboters: dem einen dreiviertel Meter hohen rollenden Arbeitsroboter SkD_988, der nur über Emojis auf seinem Display kommuniziert; und dem 3,42 Meter riesigen Transportroboter Ceeron_902, dem es vor allem die Witze und Wortspiele der Menschen angetan haben.

Diese vier Protagonisten bestreiten Lee Bacons Jugendbuch – ergänzt um das 2,13 Meter große, platinglänzende Oberhaupt der Roboter namens PRAES1DENT, das als Einziger Zugriff auf das gesamte Archiv der Menschheitsgeschichte hat und den Robotern täglich ausgewählte Schlechtigkeiten der ausgerotteten Spezies vorhält; sowie diverse weniger intelligente Logistik- und Jagdroboter, die den Quartett aus Mensch und Maschinen in die Quere kommen. Während die drei Roboter sich nicht nur räumlich immer weiter von ihrer Zivilisation entfernen, sondern auch emotional (wieder so ein Wort, das vielleicht nicht ganz passend ist), entdecken sie, dass es vielleicht doch nicht so schlau war, alle Menschen über einen Kamm zu scheren und nur das Schlechte in ihnen zu sehen. Denn abgesehen davon, dass eine Zwölfjährige nun wirklich keine allzu große Gefahr für den KI-Schwarm darstellen dürfte, kommen sie drauf, dass Menschen nicht nur eitel, zerstörerisch oder boshaft sein können, sondern auch gütig, treu oder witzig. Zudem wird XR_935 bewusst, was er an seinen Mitrobotern hat. Denn plötzlich taucht das Wort "Freunde" immer wieder in seinen Schaltkreisen auf. Und so erzählt Lee Bacon zwar vordergründig eine KI-Dystopie – letztlich ist es aber vor allem ein Lehrstück über die Conditio humana.