Wer kennt Autoren aus Taiwan, Uganda oder Bolivien? Seit 40 Jahren setzt sich der deutsche Verein Litprom für Literatur aus dem globalen Süden (ersetzt den wertenden Begriff Entwicklungs- und Schwellenländer) ein, kämpft für Übersetzungen und wirbt für mehr Bekanntheit am Buchmarkt.

Zum Jubiläum führt die "Wiener Zeitung" mit den Litprom-Mitarbeiterinnen Rebekka Hambuch und Marcella Melien ein E-Mail-Interview über die Situation von Schreibenden im globalen Süden.

"Wiener Zeitung": Warum findet Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und dem arabischen Raum - mit einigen berühmten Ausnahmen - im deutschsprachigen Raum so schwer eine größere Leserschaft?

Das liegt sicher daran, dass eurozentrische und vor allem westlich geprägte Sichtweisen auch außerhalb der Literatur stark verbreitet sind - natürlich auch eine Machtfrage. Meistens sind es eher die kleinen, spezialisierten Verlage, die Literaturen aus diesen Gebieten für den deutschsprachigen Markt entdecken. Oft werden Autorinnen und Autoren bei uns erst bekannt, wenn sie zum Beispiel in Frankreich oder den USA erscheinen. Bei manchen Sprachen fehlt es an Übersetzern.

Wo passieren gerade wichtige literarische Entwicklungen?

Aus Südkorea kamen in den letzten Jahren nicht nur großartige Filme wie "Parasite", sondern auch spannende Kriminalliteratur. In Japan sind es vor allem jüngere Autorinnen wie Sayaka Murata und Mieko Kawakami, die gegen gesellschaftliche Normen anschreiben. Bei "afrikanischer" Literatur ist auffällig, dass dort viele historische Romane geschrieben werden, etwa von Maaza Mengiste, Petinah Gappah, Nadifa Mohamed und Yvonne Owuor. Sie erzählen die Geschichte ihres Kontinents nun selbst, nach Jahrhunderten der Geschichtsschreibung aus westlicher Perspektive. Auch hier ist auffällig: Die Autorinnen erkämpfen sich langsam aber sicher mehr Aufmerksamkeit. In Lateinamerika werden die schwierigen Lebensverhältnisse der Menschen eindrücklich thematisiert, so bei Lucía Puenzo (Argentinien), Karina Sainz Borgo (Venezuela) oder Geovani Martins (Brasilien).

Was hat sich in den vergangenen 40 Jahren für Schreibende aus diesen Kontinenten verändert?

In einigen Regionen wurde die verlegerische Infrastruktur deutlich verbessert und neue Verlage wurden gegründet. Auch Vernetzung ist ein wichtiges Thema. Aber auch "Süd-Süd-Beziehungen" wie zwischen Afrika und China zeigen, dass sich längst nicht mehr alles um Europa dreht. Das Internet spielt nicht nur für Vernetzung eine Rolle, sondern wird an vielen Stellen auch zum Entstehungsort für Literatur selbst. Ein tolles Beispiel dafür ist der Blog somanystories.ug. Was zunächst als virtuelle Bühne für die Geschichten ugandischer Autoren begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem eigenen Verlag.

Gibt es durch die Globalisierung einen neuen Autoren-Typ?

Zuordnungen und Konzepte wie das der Nationalliteratur sind nicht mehr so klar und eindeutig, da Schreibende potenziell überall leben und arbeiten können und oft zwischen verschiedenen Ländern pendeln. Begriffe wie Herkunft und Heimat lösen sich zunehmend auf. Ein Beispiel dafür ist der Begriff "Afropolitan", Neudefinition eines afrikanischen Weltenbürgers, den Taiye Selasi in einem Essay entwarf.

Profitiert die Literatur aus dem globalen Süden von kulturkritischen Ansätzen zur Dekolonialisierung?

Der Diskurs zur Dekolonialisierung ist zu großen Teilen im Globalen Süden selbst entstanden, zum Beispiel durch Ngugi wa Thiong’o und Aimé Césaire, die als Intellektuelle die postkoloniale Theorie mitgeprägt haben, selbst aber auch schriftstellerisch tätig sind bzw. waren.

Vermag die Literatur ein Verständnis für andere Kulturen zu verstärken? Oder sollte Literatur von derartigen Überlegungen befreit sein?

Literatur sollte nicht nur als (kulturelle) Bildung verstanden werden, sondern einfach Literatur sein dürfen. Allerdings führt die Empathie, die wir beispielsweise mit den Protagonisten eines Romans haben, beim Lesen dazu, dass wir uns in ihre Welt hineinversetzen. Und vielleicht merken, dass deren Gedanken unseren sehr ähnlich sind. Schließlich sind wir alle Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen und Problemen. Die Unterschiede bestehen vermutlich in anderen Bedingungen, die in den jeweiligen Lebenswelten herrschen. Genau darüber erfahren wir beim Lesen viel - wir nehmen völlig unbewusst Informationen und Hintergründe auf, eine wertvolle Nebenwirkung der Lektüre.

Was sind die wesentlichen Aufgaben der Litprom?

Litproms wesentliche Aufgaben bestehen darin, Übersetzungen ins Deutsche zu fördern und dafür zu sorgen, dass die Bücher auch gelesen und gekauft werden. Dafür werden Neuerscheinungen gesammelt, geprüft, dokumentiert und empfohlen, um eine Übersicht zu schaffen. Litprom wird von "Brot für die Welt", dem evangelischer Entwicklungsdienst gefördert und arbeitet eng mit der Frankfurter Buchmesse zusammen. Litprom ist ein gemeinnütziger Verein, und eine Mitgliedschaft steht allen Interessierten offen, wir haben viele Sympathisanten, Leserinnen und Leser hinter uns. Auf dem Schweizer Buchmarkt arbeiten wir mit artlink bei der Übersetzungsförderung zusammen. Eine entsprechende Partnerorganisation in Österreich haben wir leider bisher nicht, vielleicht ergibt sich ja jetzt was!

Wie haben sich die Ziele im Lauf der 40-jährigen Tätigkeit verändert?

Am Anfang ging es eher noch darum, die Literaturen zu größeren Verlagen zu bringen, ihnen in den Mainstream zu verhelfen, anstatt sie "nur" in gewissen spezialisierten Nischen zu "pflegen". Den Verlagen wurden ganz konkret Titel zur Übersetzung vorgeschlagen. Das funktioniert mittlerweile von selbst, internationale Literatur aus dem "globalen Süden" ist in großen Publikumsverlagen angekommen. Jetzt geht es mehr darum, Orientierung zu schaffen und den Buchtiteln, die wir empfehlenswert finden, zu Aufmerksamkeit zu verhelfen.