Die Sorgen des Tages ließen Ivo Andrić auch nachts nicht ruhen. - © Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images
Die Sorgen des Tages ließen Ivo Andrić auch nachts nicht ruhen. - © Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images

Einer schläft nicht, sondern wacht. Nacht für Nacht bleibt er hellwach - unfreiwillig. Später schreibt er auf, was ihm, statt Schlaf, für Gedanken kommen. Er ist Schriftsteller, das Schreiben ist sein Metier. An eine Veröffentlichung denkt er dabei nicht. Er will nur die Qual des Denkzwangs mildern.

Ivo Andrić, Nobelpreisträger für Literatur 1961, war nicht der erste Autor, den nachts die Schlaflosigkeit umtrieb. Allein in seiner Generation gibt es von vielen seiner Kollegen hinterlassene Nachtbücher. Theodor Haecker oder Alfred Kantorowicz sind nur zwei Beispiele. Für sie wie auch für den Diplomaten Andrić wurde Hitler, unter gänzlich verschiedenen Umständen, zur albtraumhaften Erfahrung des Lebens.

Eine heimtückische Plage kann die Schlaflosigkeit für jeden sein, der ihr nächtlich ausgeliefert ist. Ein rastloses Denken, ein vor Mattigkeit hellwacher Körper und keine Beruhigung in Reichweite. Verloren in Stille und Dunkelheit, in verzweifelter Auflehnung gegen das Wachsein.

Ungewollt wach

Schon schlaflose Römer im Imperium Romanum kannten die insomnia. Mit diesem Begriff kennzeichnete der humanistisch gebildete Autor Andrić seine nächtlichen Notate. Über sechs Jahrzehnte hinweg hat er sich darin der Marter des entzogenen Schlafs gestellt. "In den dunklen Weiten meiner Schlaflosigkeiten wechseln die Sorgen einander ab wie nächtliche Wachen", heißt es über Jahre hinweg, in mehrfacher Abwandlung.

Bereits als Kind hatte Andrić, wie ein früher Eintrag vermerkt, "Angst vor der mächtigen Finsternis und der ohnmächtigen Helligkeit". Als kaum Zwanzigjähriger ließ er sich in erstaunlich apodiktischen Worten bereits zu einer rückblickenden Bilanz hinreißen: "Die Nächte waren in meinem Leben immer fatal."

Ursprünglich waren Nachtbücher jene Verzeichnisse, in denen die An- und Abreisen von Fremden vermerkt wurden. Eine "schriftliche Anmeldung von Fremden mittels ‚zeteln‘" wurde im deutschsprachigen Südwesten erstmals 1564 in den Annalen der Stadt Wien erwähnt. Nachtbücher hielten demnach den behördlich genehmigten Schlaf von Fremden in geeigneten Beherbergungen fest. Für Nächte ohne Schlaf dort gab es keine Aufzeichnungen.

Als ein Fremder im eigenen Körper empfand sich Andrić in den qualvollen Nachtstunden, die ihn "fesselten wie unsichtbare Fußeisen". In der Schlaflosigkeit erkannte er einen menschlichen Makel, der ihm durch anhaltende psychische Zerrissenheit zu schaffen machte. Seine nächtlichen Aufzeichnungen dienten vorwiegend der Einübung in Selbstbeherrschung, öffneten aber auch die skeptische Sicht auf große Themen wie Würde, Altern, Vergänglichkeit, Sterben. Davon enthält der Band etliche Glanzstücke, wie auch scharf gezeichnete Alltagseindrücke, Charakterstudien, Reisebilder, Aphorismen.

Tröstliche Fantasien

Leider gibt es in dem Buch im Allgemeinen keine Zeitangaben. Das hat schon der Autor so gehalten. Immerhin, einmal ist eine Aufzeichnung mit 27. September 1939 datiert. Mehr als drei Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs (und einen Tag vor dem Fall Warschaus) notierte Andrić, damals stellvertretender Außenminister und Botschafter des Königreichs Jugoslawien in Berlin, in nächtlicher Anspannung: "In meinen schlimmsten Stunden fand ich ungewöhnlichen und unerwarteten Trost darin, mir ein anderes Leben vorzustellen, genau wie meines nach Daten, Namen und Ereignissen, aber wahrhaft, makellos, rein. Mühsam zwar, so wie jedes Leben auf Erden sein muss, aber ohne jede Düsterkeit und Hässlichkeit in dieser Mühsal. Ein Leben, das mit einem Segen beginnt, sich in Höhen verliert und in Licht verlöscht. Und nachdenklich über der Gestalt meines Doppelgängers stehend, suchte ich Rettung im Vergessen und vergaß für einen Augenblick mein wirkliches Leben, während es vor meinem Schmerz zitterte."

Später, nach der abgestreiften Müh- und Drangsal der diplomatischen Karriere, suchte Andrić in Gedanken nachts die abgelegenen Gebiete seiner Stadt Belgrad auf, die Schenken und Kaschemmen der Peripherie, um bei der imaginierten Heimkehr - seltsame Reinlichkeitsobsession - die Messingschilder seines Wohnhauses blankzureiben. Klar wird: Den cartesianischen Geist Andrić trieb die Angst vor dem Kontrollverlust um, in Berlin wie in Belgrad und auch anderswo. Man darf vermuten, dass die Haft in jungen Jahren, als Mitverschwörer gegen die österreichische Herrschaft auf dem Balkan, das Ihre dazu beigetragen hat.

War der große Epiker Andrić, Verfasser solch raumgreifender Romanfreskos wie "Die Brücke über die Drina" oder "Wesire und Konsuln", privat ein Griesgram? Gewiss war er kein glückstrahlender Optimist. Indes: "Selbst mir, der am Tage nicht ruht und in der Nacht nicht schläft, ist das menschliche Glück nicht vollkommen verborgen." Er weiß: "Unser größtes Unglück, das sind all die Fragen, die uns im Wachsein quälen und daran hindern, über andere, für uns wichtigere Dinge nachzudenken, um uns dann, nachdem wir endlich doch einschlafen konnten, rasch wieder aus diesem Schlaf zu wecken."

Am schlimmsten traf Andrić, der erst spät geheiratet hatte, der Tod seiner Frau Milica, die er in seinen Briefen stets gesiezt hatte: "Ich bin ohne Sie zurückgeblieben wie ohne Atem und Tageslicht. Von dem Tisch, an dem ich frühstücke, scheint mir nur die Hälfte zu existieren, jene, die für mich eingedeckt ist. Auf der anderen Seite, wo Sie sitzen sollten, beginnen der Abgrund und die Finsternis des Lebens ohne Sie. Neben diesem Abgrund muss ich jetzt leben und alles mit ihm teilen."

Schicksalsschlag

Verstört hält der Witwer fest: "Der Tod ist ein Donner. Du weißt, dass es ihn gibt, hast darüber gelesen, oft auch nachgedacht, unbestimmt, ohne Ende und Schlussfolgerung. Und wenn es dann passiert, dass er in deiner nächsten Umgebung einschlägt und unerwartet jemanden trifft, den du liebst und mit dessen Existenz du dein schönstes Wohlgefallen verbindest, erst dann merkst du, dass du nicht weißt und nie wirklich wusstest, was der Tod ist."

Andrić hat seine rasch notierten Nocturnes nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Ist es indiskret, sie posthum publizistisch freizugeben? Dann wäre alle Literatur indiskret - und ist es ja auch, wesentlich. So ist Michael Martens, dem Herausgeber und Übersetzer der "Insomnia", zuzustimmen, wenn er diese Auswahl an nächtlichen Geständnissen dem Leser überantwortet: als ein Stück prezioser Literatur eines Autors, den man ob seiner stets die Form wahrenden Noblesse so noch nicht kannte.