Wenn die Welt am Abgrund steht, die Grenze zwischen Mensch und Maschine zusehends verschwimmt, Ausbeutung und Unterdrückung immer größer werden, dann ist das nicht nur bedrohlich, sondern auch der beliebte Film-, Buch- und Spielestoff des Cyberpunk. Dieses Science-Fiction-Genre, das innerhalb der Phantastik wie kaum ein anderes für Zeitgeist steht, hat nicht nur andere Stilrichtungen - vom Steampunk bis hin zu Hopepunk -, sondern auch Musik und Architektur geprägt. Die Cyberpunk-Ästhetik, die schon für die "Matrix"-Filme von großem Einfluss war, verknüpft die klassischen Fragen der Sci-Fi-Literatur mit Gesellschaftskritik. Doch warum sind in der Dystopie eigentlich alle Helden Punks? Will man verstehen, was den Cyberpunk, den Steampunk und den Hopepunk eint, muss man an den Beginn einer Bewegung blicken.

Am Beginn steht "Movement"

Anfang der 1980er Jahre äußerte eine Gruppe junger Schriftsteller, die unter dem Namen "The Movement" bekannt werden sollte, Kritik an den Genres Fantasy und Science Fiction. Diese würden lediglich dem Eskapismus dienen, naiv-utopischen Konservatismus anhängen und die reale Gesellschaft und ihre Probleme aus den Augen verlieren. Die Suche nach einer Antwort darauf mündete in die Geburtsstunde des Cyberpunk. "The Movement" waren zu Beginn John Shirley, Bruce Sterling, Lewis Shiner, der Mathematiker Rudy Rucker sowie William Gibson. Später kamen noch Richard Kadrey, Michael Swanwick, Pat Cadigan und Tom Maddox hinzu. Ihre Vision ist eine Spielart des Genres, in der die Zukunft als Gegenwart erkennbar sein soll. Die beiden größten Vorbilder der Gruppe in Stimmung und Stil sind die Hardboiled Crime Fiction der 1920er bis 1940er Jahre und die New Wave of Science Fiction, die in den 1960er Jahren ebenfalls nach neuen Genrewegen suchte. Bekannte "New Wave"-Autoren waren der Brite J. G. Ballard und der US-Amerikaner Philip K. Dick, der noch zur Vor-Generation der Cyberpunks gehört, dessen Werke - insbesondere "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?", verfilmt als "Blade Runner" - heute Klassiker des Genres sind.

Die Erkennungsmerkmale des Cyberpunk sind zum einen die Verschmelzung von Technologie und Realität, beispielsweise in Form von Cyborgs, künstlichen Intelligenzen und lebensechten Androiden. Zum anderen finden sich fast immer totalitäre (Konzern-)Regime und Klassengesellschaften. Die Technik dient in erster Linie sozialer Kontrolle, obwohl die (Anti-)Helden sie sich für ihre Zwecke aneignen. Drittens folgt der Cyberpunk einer dunkelbunten Ästhetik - so trifft grelle Neonwerbung auf düstere urbane Settings. Die Protagonisten sind meist Underdogs, die am Rande der Gesellschaft in einem Mix aus Drogen, Sex und Gewalt agieren. Dies erklärt auch das Suffix -punk, das einerseits auf diese Außenseiterrolle verweist, andererseits auch für die Gegenkultur steht, als die sich die Autoren des Movement verstehen.

Den Startschuss zum Welterfolg legte William Gibson im Jahr 1984 mit seinem Buch "Neuromancer". Das Science-Fiction-Kultbuch beschreibt eine von Gewalt und Pessimismus geprägte Gesellschaft, in der statt Regierungen riesige Konzerne herrschen, und ist damit eine klassische dystopische Utopie. Gibson etablierte darin auch den Begriff Cyberspace und sagte in gewisser Weise das World Wide Web voraus.

Cybernetics trifft Punk

Cyberpunk ist eine Wortschöpfung aus Cybernetics (die Wissenschaft der Steuerung, Regelung und Nachrichtenübertragung) und aus Punk. Die Punk-Kultur trat während der Achtziger besonders prominent auf und passte wegen des rebellischen und nonkonformistischen Verhaltens perfekt zum Szenario. Die Genrebezeichnung tauchte zunächst als Name einer Kurzgeschichte von Bruce Bethke 1983 auf.

Binnen weniger Jahre folgten etliche Ableger. So begründete das Buch "Shadowrun" ab 1989 eine Fantasy-Spielart des Genres. 1991 erschien mit "Die Differenzmaschine" von William Gibson und Bruce Sterling jener Roman, der die Prinzipien des Movement ins viktorianische England des 19. Jahrhunderts transportierte und um alternative Geschichtsschreibung ergänzte (Elektronik wird durch Dampfkraft ersetzt) - und schon war der Steampunk geboren. Dem gleichen Prinzip folgend, gibt es mittlerweile weitere "Timepunk"-Richtungen, etwa Atom-, Clock-, Diesel- oder Stonepunk, um einige zu nennen. Allerdings, so Kritiker, ist beim Steampunk das Punk-Element schon weit weniger bedeutend beziehungsweise verschwindet gänzlich. Weiße, viktorianische Erfinder lösen die rebellischen Antihelden der Cyberpunk-Romane ab. Erfindergeist bricht Grenzen und Gesellschaftsstrukturen auf, nicht mehr das Außenseitertum und die Unterdrückung.

Gerade auch aktuelle Werke, etwa Dave Eggers "The Circle", bringen bereits gängige Technologien auf ein neues, gefährliches Niveau und zeigen die drohende umfassende Überwachung der Menschheit auf. In "Autonom" von Annalee Newitz finden sich Motive wie das Nebeneinander von Mensch und Androide sowie institutionalisierter Drogenkonsum, und auch Joel Shepherds "Androidin"-Trilogie weist ähnliche Aspekte auf. Diese Werke zeigen nicht nur, dass die Prinzipien des Movement nachwirken, sondern auch, dass Eskapismus und Gesellschaftskritik einander nicht widersprechen müssen.

Ein Wandel in den Punk-Subgenres zeigt sich in den 2000er Jahren. Noch immer geht es um den Widerstand gegen etablierte Regeln, doch dieses Mal richtet sich dieser gegen den pessimistischen Zeitgeist der Fantastik. So bildete sich bereits Anfang der 2000er der Solarpunk als neues Subgenre heraus. Die Solarenergie wird dabei als Ausweg aus der Ressourcenknappheit propagiert. Solarpunk ist somit das Aufzeigen einer optimistischen Zukunft aus technologischer Sicht. Die soziopolitische Seite findet sich im "Cyberpunk der Hoffnung", dem so genannten Hopepunk. Diese Unterform ist relativ neu und basiert auf der #Resistance-Bewegung in den USA, die sich gegen die Verrohung und den offenen Sexismus und Rassismus der Trump-Ära richtet. 2017 benannte Alexandra Rowland, Autorin von "A Conspiracy of Truths", Hopepunk als das Gegenstück zum Grimdark - jenem Genre, das spätestens mit "Game of Thrones" einen Hype rund um düstere, oft brutale und sehr pessimistische Werke geschaffen hat. Sowohl Grimdark als auch Hopepunk eint, dass sie nicht nur ein literarisches Genre sind, sondern auch für Geisteshaltungen und Bewegungen stehen.

Dem Hopepunk werden dabei aktuell zwei Seiten zugeschrieben: Zum einen wohnt ihm eine gewisse Nostalgie inne und eine Sehnsucht nach persönlichem Innehalten. Im Lifestyle-Bereich wird das mit Ausdrücken wie "kawaii" (japanisch für niedlich oder süß) oder "JOMO" ("the joy of missing out") umschrieben. Diesem Verständnis nach gelten auch Katzenvideos und Einhorn-Kuscheltiere als Hopepunk. Sie sind der liberale Biedermeier unserer Zeit. Auf der anderen Seite steht nicht das persönliche Wohlbefinden im Mittelpunkt, sondern gleich jenes der ganzen Welt. Diese Form des Hopepunk resultiert aus dem Willen, für die eigenen Überzeugungen, gegen Unrecht und für eine bessere Zukunft einzustehen. Somit werden auch "Fridays for Future" und Regenbogenparaden zum Hopepunk. Als geistige Vorläufer gelten freundliche, Mut machende Zeichentrickserien wie "Sailor Moon", "She-Ra" oder "My Little Pony", aber auch das Genre Noblebright - bekannt durch den Film "Avatar".

Aus den Dystopien der Anfangsjahre ist man im Laufe von gut 40 Jahren bei einer neuen Form der Hoffnung und des Mutmachens angekommen. Gerade in Zeiten wie diesen kein leichtes Unterfangen.