Nur noch 46 Einwohner hat Bad Regina, und die haben es auch nicht leicht. Alles ist schon ziemlich kaputt in diesem maroden ehemaligen Kurort, aber wenigstens macht es nichts, wenn man bei Rot über die Kreuzung geht und am Spielplatz muss man auch niemals auf die Schaukel warten. Ein Chinese kauft den Ort nach und nach auf und lässt ihn verfallen - zumindest auf den ersten Blick. Ein Antiheld namens Othmar nimmt den Kampf auf. "Bad Regina" (Kiepenheuer & Witsch), eine Art allegorische Satire, ist der neue Roman von David Schalko, der neben seinen Film- und Seriendrehs ("Braunschlag", "M - Eine Stadt sucht einen Mörder") immer wieder auch Zeit zum Schreiben findet ("Schwere Knochen"). Ein Gespräch über die Lust an Ruinen, die Perversion Massentourismus und die Herausforderung Pandemie.

"Wiener Zeitung": Der Ort Bad Regina im Buch erinnert frappant an Bad Gastein . . .

David Schalko: Ja, das ist schon an Bad Gastein angelehnt, es steht aber als verfallener Kurort als Allegorie auch für das Selbstbild Europas aus dem 20. Jahrhundert: das Mondäne, Glanzvolle, das sich auch in der Literatur findet, im "Zauberberg" zum Beispiel. Das ist das Bild, wie wir uns gerne sehen, mit Stil und Klasse. Gleichzeitig kann man aber dem Verfall dieser Kurorte zuschauen, wie sie zu vulgären Massentourismusorten werden.

"Europa steht auf einem Fundament des Rassismus", sagt Filmemacher und Autor David Schalko. - © Ingo Pertramer
"Europa steht auf einem Fundament des Rassismus", sagt Filmemacher und Autor David Schalko. - © Ingo Pertramer

In Bad Regina leben kaum noch Menschen, alles ist kaputt, man "sieht sich beim Verschwinden zu".

Es gibt natürlich das Faszinosum des Verfalls, ich besuche auch gerne Ruinen, da steckt viel drin an Weltblick, Vergänglichkeit wird miterzählt und die Behauptung einer Zivilisation. Bei dieser Geschichte hat mich aber fasziniert, dass jemand einen Ort aufkauft und ihn dann verfallen lässt. Solche leeren Orte können wir ja in ganz Europa beobachten. Das fängt bei Geburtenraten an und hört bei Peripheriezonen, die aussterben, auf. Das hat unterschiedliche Gründe, entweder gehen Arbeitsplätze verloren oder es kommt zu Verstädterung. Auf der anderen Seite muss man sich auch zu dieser Bewegung bekennen: Man kann nicht immer alles erhalten. Ich glaube aber auch, dass diese Prioritätensetzung, dass sich alles auf die Großstadt konzentriert, auf die Dauer nicht gut ist, weil die Städte ja auch irgendwann explodieren. Und gleichzeitig kommt es zu Peripheriezonen, in denen kein Mensch mehr lebt.

In Ihrem Roman wird Bad Regina auf den ersten Blick von einem Chinesen aufgekauft. Auch eine Allegorie?

Klar, die Chinesen kaufen sich auf der ganzen Welt ein, das ist aber auch gleichzeitig ein rassistisches Klischee. Trotzdem sind die Chinesen die neuen Kolonialherren, die sozusagen Europa ablösen. Vieles in Europa fußt auf Kolonialismus und Rassismus. Der Unterschied ist, die Chinesen wollen nicht ihre Kultur exportieren wie Europa, das seine Kultur anderen Völkern aufgedrückt hat. Bei den Chinesen geht es nur um das Machtpolitische.

Eine kleine Pointe ist dann, dass der Chinese gar kein Chinese ist, sondern ein anderer Asiate. Ein Seitenhieb auf einen unwillkürlichen Rassismus?

Für uns ist über die Hautfarbe eine Zuordenbarkeit der Kultur gegeben. Wer dunkelhäutig ist, ist Afrikaner und so weiter. Durch die Globalisierung ist diese einfache Zuordenbarkeit verloren gegangen und das verwirrt die Leute. Dann entstehen Fehlbilder. Europa steht auf einem Fundament aus Rassismus, etwa wie wir auf die Afrikaner blicken - der Europäer hat immer ein Überlegenheitsgefühl. Das kommt daher, dass er auf dem eigenen Kontinent den Anspruch hat, wir waren eh immer da und niemand anderer hat das Recht, hier zu wohnen. Die Vorherrschaft der Weißen, die auf den Rest der Welt herablassend blicken mit dem Gefühl, wir haben die Aufklärung erfunden und das Anrecht zu herrschen. Das zeigt auch, wie wir mit der Migration umgehen, weil wir sie als etwas empfinden, das wir nicht haben wollen. Diese Menschen nicht als Bereicherung, sondern als Gefahr für die europäische Kultur empfinden.

Braucht Europa ein neues Selbstbild?

Ja, der Blick müsste von der Vergangenheit einmal in die Zukunft oder auf die Gegenwart gerichtet werden. Sehr viel europäische Kultur hat im Augenblick mit der Kultur von Migranten zu tun. Was Europa fehlt, ist ein Bekenntnis zur Lebendigkeit und Improvisation, weniger zum ständigen Bewahren und die Einsicht, dass es uns auch guttut, Einfluss von außen anzunehmen. Aussterbende Orte stehen auch für diese Entwicklung. Die Leute ziehen dort weg, weil die Produktionsstätten wegfallen, und die bleiben ja nicht in Österreich, ja nicht einmal in Europa. Das liegt daran, dass Europa kein produzierender Kontinent mehr ist, sondern ein Dienstleister, der Kultur weiterverkauft. Deswegen die Kulturkämpfe - weil Kultur unser letztes Kapital ist.

Im Lockdown kann man sich die Verödung von Bad Regina gleich noch besser vorstellen . . .

Ja, die atmosphärische Verbindung ist aber Zufall, der Roman wurde vor dem Lockdown geschrieben. Aber es verbindet sich, weil wir auch auf leere Straßen blicken und die Vereinzelung und Vereinsamung von Menschen anschauen können.

Noch eine Verbindung: Touristen werden in Ihrem Roman als "Melkkühe" bezeichnet, man fühlt sich an Ischgl und die Auswüchse des alpinen Massentourismus erinnert . . .

Ischgl ist ja nur ein Beispiel von vielen. Das ist eine Pervertierung und jede Pervertierung hat ihre bizarren Seiten von Gier und Zerstörung - Coronavirus, Wälder roden, es gibt viele Erscheinungen. Dort ist alles der Gier und dem Geld untergeordnet. Aber auch in reichen Tourismusorten kann man einen Verfall beobachten, der ist genauso vulgär und obszön wie in Ischgl, nur sind die Leute halt besser angezogen.

Wie geht es Ihnen als Kulturschaffendem in der Pandemie?

Mir geht’s gut, anderen geht’s schlecht. Wir können drehen, Leute, die auftreten müssen, haben’s schwer, denen muss man Perspektiven bieten. Man hat halt den Eindruck, als wäre die Priorität der Regierung mehr bei Skiliften als bei der Kultur. Schade, weil Kultur hat etwas Belebendes und dieses Belebende wird das Wichtigste werden in den nächsten Monaten.

Stehen oder standen Ihnen Förderungen zu?

Wir haben normal weitergedreht, wir hatten keinen einzigen Corona-Fall. Wir haben ein sehr sicheres Testsystem und es gibt die Ausfallshaftung, bei der die Regierung die Rolle der Versicherung übernimmt. Wir haben keine Förderung in Anspruch genommen, weil wir auch keine brauchen, und ich fände das auch unverschämt. Es gibt Unternehmen wie McDonald’s, die kaum Umsatzeinbußen haben und trotzdem Millionen Euro an Förderungen bekommen. Da ist eine große Ungenauigkeit drin, ich kenne Leute, die das nicht bekommen haben, weil sie nicht in den Raster fallen.

Sie haben der Regierung im Frühling bescheinigt, mit Angst Politik gemacht zu haben. Sehen Sie das heute auch noch so kritisch?

Naja, der zweite Lockdown ist ja fast gegenteilig passiert, mit großer Unsicherheit. Es braucht Klarheit und Prioritätensetzung mit Struktur, das hat im zweiten Lockdown gefehlt. Sebastian Kurz würde immer gern scharf verordnen und alle sollen machen, was er sagt, und im zweiten Lockdown hat man mehr die Energie der Grünen gespürt. Ich glaube, es ist auch sehr schwierig, mit solchen Situationen umzugehen, und es ist ja nicht so, dass nicht die ganze Welt mit den gleichen Problemen zu kämpfen hätte.