Patricia Highsmith (1921-1995) war noch keine dreißig Jahre alt, als sie mit ihrem ersten Roman, "Zwei Fremde im Zug", den Durchbruch schaffte. Das Werk, mit dem sie jahrelang gekämpft hatte, war äußerst erfolgreich, wurde 1951 von Alfred Hitchcock verfilmt und machte die junge Amerikanerin weltberühmt. Offensichtlich hatte sie einen Ton angeschlagen, der ihre Zeitgenossen ebenso faszinierte wie verstörte, und es war wohl kein Zufall, dass sich zwei einflussreiche alte Herren der Branche, nämlich Alfred Hitchcock und Raymond Chandler, bei der Arbeit an dem Drehbuch für eine Verfilmung zerkrachten.

"Zwei Fremde im Zug" kann man kaum als Kriminalroman einstufen, und Highsmith hätte sich gegen ein solches Etikett entschieden gewehrt, obwohl in dem Buch mehrere Morde abgehandelt werden. In jenen Jahren hatte sie leidenschaftlich Dostojewski gelesen, und wie in "Schuld und Sühne" werden auch in "Zwei Fremde im Zug" die mörderischen Ereignisse nicht aus der Perspektive eines Detektivs oder Polizeikommissars dargeboten, dessen Aufgabe darin besteht, Recht und Ordnung wiederherzustellen. Ganz im Gegenteil. Wie im Fall von Dostojewskis Mörder Raskolnikow wird auch bei Highsmith das Publikum dazu genötigt, die Perspektive des Täters einzunehmen.

Chandlers Zweifel

In diesem Punkt dürfte die eigentliche Ursache des Krachs liegen, der den Regisseur Alfred Hitchcock und den Autor Raymond Chandler entzweite. Chandler, der das Drehbuch schreiben sollte und zu jener Zeit als einer der renommiertesten Krimiautoren der Welt eine Instanz war, fand die Grundkonstellation, auf der der Roman seiner jungen Kollegin beruht, völlig unplausibel. "Die ganze Szene", notiert er während der Arbeit, "ist ein Flirt mit dem Lächerlichen. Oder bin ich verrückt?"

Der Konflikt, an dem die Drehbuchentwürfe scheiterten, berührt eine Grundsatzfrage. Raymond Chandler schrieb brillante Romane rund um den Privatdetektiv Philip Marlowe (auf der Leinwand von Humphrey Bogart verkörpert), der im Grunde genommen ein Moralist war und die Verbrechen, die er aufklärte, aus innerster Überzeugung verabscheute.

Im Universum der Patricia Highsmith, einer Frau, die dem Alter nach Chandlers Tochter hätte sein können, geht es ganz anders zu. Die Hauptfigur des Buches, Guy Haines, ist ein aufstrebender junger Architekt, kurz davor, beruflich den Durchbruch zu schaffen. Und ausgerechnet dieser "durch und durch anständige junge Mann", um bei den Worten Chandlers zu bleiben, wird durch die Begegnung mit einem Fremden Schritt für Schritt dazu gebracht, einen Mord an einem Mann zu begehen, den er nicht einmal kennt. Das ist die Konstellation, in der Chandler "einen Flirt mit dem Lächerlichen" sah, unglaubwürdig, unplausibel.

Man könnte auch sagen, das Wesentliche an der Weltsicht der Nachkriegsgeneration, wie sie Highsmith verkörperte, bestand gerade darin, dass auch aus einem "anständigen jungen Mann" ein Mörder werden kann, und der Reiz, den der Roman (im Gegensatz zu Hitchcocks Film) auch heute noch ausübt, ergibt sich daraus, dass dieser innerliche Absturz eines intelligenten und belesenen Mannes auf mehr als vierhundert Seiten sorgfältig in Szene gesetzt wird - ein fiebriger Balanceakt. Der Leser wird genötigt, dabei zuzusehen und mitzuzittern. Wird Haines die Tat begehen? Wird er auffliegen? Oder wird er vielleicht sogar ungeschoren davonkommen und sein Leben an der Seite seiner zweiten Frau genießen können?

Am Anfang des Buches steht eine Zugfahrt. Der Architekt Guy Haines kommt mit einem Mann namens Charles Bruno ins Gespräch, einem verkommenen Nichtstuer aus reichem Haus. Während der langen Fahrt durch die Nacht und unter dem Einfluss von Alkohol lässt sich Haines dazu verleiten, von seiner Ehefrau zu erzählen, die ihm übel mitgespielt hat und nun aus Geldgier und Bosheit die Scheidung hinauszögert. Bruno wiederum beklagt sich über seinen schwerreichen Vater, der ihm den Zugang zu einem Millionenerbe verwehrt, und entwickelt im Suff die Idee mit den vertauschten Morden: Er, Bruno, könnte für Haines die verhasste Ehefrau ermorden und dieser sollte im Gegenzug den unbequemen Vater beseitigen. Für beide Morde gebe es mit dieser Methode, so Brunos Überlegung, kein verständliches Motiv und deswegen könnten sie nicht aufgeklärt werden.

Als Haines kurze Zeit nach dieser Bahnfahrt vom gewaltsamen Tod der fraglichen Ehefrau erfährt, ist der "durch und durch anständige junge Mann", als der er begonnen hat, erpressbar geworden und lässt sich schließlich von Bruno dazu nötigen, dessen Vater zu erschießen.

Ohne ethisches Gerüst

So weit die Geschichte, mit der Highsmith Erfolg hatte und die einen seriösen älteren Herrn wie Raymond Chandler vor den Kopf stieß. Die junge Frau gehörte einer Generation an, die die Werke der französischen Existenzialisten verschlang und sich mit dem Gedanken auseinandersetzte, dass die Existenz des Menschen nicht mehr von einem verlässlichen moralischen Gerüst bestimmt werde, sondern dass in der modernen Welt der Einzelne die Richtung seines Daseins selbst zu entwickeln habe. Ein Experiment, dessen Ausgang zu jeder Zeit ungewiss bleibt.

Es mussten nicht immer Thriller sein: 1975 erhielt Patricia Highsmith (Mitte) den "Grand Prix de l'humour noir Xavier-Forneret" für "Der Schneckenforscher". - © apa / afp
Es mussten nicht immer Thriller sein: 1975 erhielt Patricia Highsmith (Mitte) den "Grand Prix de l'humour noir Xavier-Forneret" für "Der Schneckenforscher". - © apa / afp

In den Folgejahren zeigte Highsmith, dass sie diese Gedanken noch sehr viel weiter zu treiben bereit war. Im Jahr 1955, nur fünf Jahre nach dem überwältigenden Erfolg von "Zwei Fremde im Zug", erschien "Der talentierte Mister Ripley". In diesem Roman werden auch die letzten moralischen Bedenken über Bord geworfen. Während Guy Haines aus "Zwei Fremde im Zug" nach vierhundert Romanseiten am Druck seines schlechten Gewissens zerbricht (wie auch ein Verleger vorgeschlagen hatte) und schließlich selbst dafür sorgt, dass das mörderische Komplott auffliegt, tritt in "Der talentierte Mister Ripley" ein ganz anderer Charakter auf. Tom Ripley schreckt keine Sekunde davor zurück, zu betrügen und zu morden, um das Ziel zu erreichen, auf das es in der modernen Gesellschaft tatsächlich anzukommen scheint: finanzielle Unabhängigkeit, der einzige Wert, der für ihn wirklich zählt.

Patricia Highsmith war ihrem Ripley äußerst zugetan. In späteren Jahren veröffentlichte sie noch vier (weniger interessante) Fortsetzungen, doch ist alles Wesentliche im ersten Buch enthalten. Zu Beginn lernt man einen Fünfundzwanzigjährigen kennen, der sich in New York mit Gelegenheitsarbeiten als Buchhalter durchschlägt und wegen verschiedener Betrügereien auf der Flucht vor den Steuerbehörden ist. In einer Bar hat er den Eindruck, dass ihm ein Mann folgt, ein Steuerfahnder vielleicht: "Er sah, wie der Mann dem Barkeeper ein verneinendes Zeichen machte und um die Theke herum auf ihn zukam. Es war so weit! Tom starrte den Mann wie gelähmt an. Sie konnten ihm nicht mehr als zehn Jahre aufbrummen, dachte er. Höchstens fünfzehn, aber bei guter Führung."

Dieses Nervenflattern wird Ripley über die nächsten vierhundert Seiten begleiten und sich zu einem existenziellen Kampf steigern. Obwohl sich zunächst alles auf märchenhafte Art zum Guten zu wenden scheint. Es stellt sich nämlich heraus, dass der Mann, der ihm in die Bar gefolgt ist, der Vater eines entfernten Bekannten ist, ein schwerreicher Unternehmer, dessen Sohn Richard, genannt Dickie, sich in Europa herumtreibt und als Maler dilettiert, anstatt endlich im elterlichen Betrieb in den USA einzusteigen. Der Vater setzt große Hoffnungen in Ripley und bietet ihm an, eine Reise nach Europa zu finanzieren, damit er vor Ort den Juniorchef an dessen Pflichten in der Heimat erinnern kann.

Ripley lässt also New York hinter sich, wo er in düsteren Absteigen hausen musste, und tritt eine Reise in das sonnige Italien an. Er besucht Dickie Greenleaf in einem kleinen Dorf in der Nähe von Neapel und kommt in Kontakt mit der Welt der Reichen, die sich ein schönes Leben leisten können, ohne dafür arbeiten zu müssen. Als sich wenig später die Gelegenheit ergibt, seinen neuen Freund während einer gemeinsamen Reise nach San Remo zu ermorden und vorübergehend dessen Identität anzunehmen, zögert Ripley nicht eine Sekunde.

Dieses erste Verbrechen ereignet sich auf Seite 146 des vierhundert Seiten starken Romans und die restlichen zwei Drittel der Handlung folgt der Leser dem zähen Kampf des talentierten jungen Mannes. Er fiebert mit ihm mit, wenn er seine Spuren verwischt, sich als Dickie Greenleaf ausgibt und dessen monatliche Schecks abholt. Dazu benötigt Ripley einen zweiten Mord, ein gefälschtes Testament und eine Vielzahl von Manövern, mit denen er der italienischen Polizei immer wieder knapp entkommt.

Im letzten Kapitel, das ihn auf einer Schiffsreise nach Griechenland zeigt, erscheint die Verhaftung noch einmal unausweichlich, und während das Schiff anlegt, sinniert Ripley, an der Reling stehend: "Angenommen, sie überführten ihn anhand der Fingerabdrücke und anhand des Testaments und beförderten ihn auf den elektrischen Stuhl - konnte der qualvolle Tod auf dem elektrischen Stuhl oder der Tod an sich mit fünfundzwanzig Jahren so tragisch sein, dass er sagen musste, die Monate von November bis jetzt seien das nicht wert gewesen?" Die Antwort, die sich der Mörder selbst gibt, lautet: "Ganz gewiss nicht." Keine Spur von Reue, keine Spur von Gewissensnöten.

Sympathischer Mörder

Doch Ripley wird nicht verhaftet. Er kommt davon und kann sich vier weitere Romane lang seiner eigentlichen Leidenschaft widmen, der Kunst. Und dem Publikum bleibt ein merkwürdiges Schaudern, das auch fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des Buchs nicht abgeklungen ist. Der Mörder, dem man dabei zugesehen hat, wie er seinen vermeintlichen Freund mit einem Ruder erschlägt und dabei immer wieder zuschlagen muss, damit der andere endlich aufhört zu leben, dieses Mörder ist ein sympathischer Kerl, der davon träumt, zu reisen und die wunderbaren Kunstschätze der Welt kennenzulernen.

Alles in allem hat Patricia Highsmith in mehr als vierzig Jahren 22 Romane geschrieben und außerdem eine ganze Reihe von Erzählungen hinterlassen. Einen ihrer Romane hatte sie unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlicht. In der deutschen Übersetzung trägt er den Titel "Salz und sein Preis" und schildert eine leidenschaftliche Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen - ein Buch, das hohe Auflagen erzielte, zu dem Highsmith sich aber erst in späten Jahren bekannte und das ganz ohne Mord und Totschlag auskommt. Geschrieben hatte sie die lesbische Romanze im Jahr 1948, als sie sich von der Arbeit an "Zwei Fremde im Zug" erholen wollte, in einer Zeit, in der in den USA gleichgeschlechtliche Beziehungen noch von der Justiz verfolgt wurden.