Der Bauernkrieg im frühen 16. Jahrhundert war der erste proletarische Aufstand in deutschsprachigen Landen. Éric Vuillard hat dem zwangsläufigen Scheitern dieser Protorevolution unlängst den grandiosen Kurzroman "Der Krieg der Armen" (2020) gewidmet. Kathrin Röggla wiederum bekam im vergangenen Jahr für ihren Essay "Bauernkriegspanorama" den "Wortmeldungen"-Literaturpreis 2020 für kritische Kurztexte.

Ihr Ausgangspunkt ist das monumentale Rundgemälde des DDR-Malers Werner Tübke, das in den 1980er Jahren entstand und die frühbürgerliche Revolte als Vorläufer der sozialistischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts interpretierte. Rögglas bestechender Essay denkt in einem furiosen Sprachpanorama darüber nach, wie man die sozialen Konflikte und politischen Streitthemen unserer heutigen Zeit - beispielsweise Terrorismus, Demokratiekrise, Digitalisierung oder Stadt-Land-Gefälle - als historischen Wendepunkt verstehen kann.

Der kluge Essay repräsentiert damit ein veritables Gegenmittel zum Gift des eitel-dummen Geschwätzes in den sozialen Medien. "Bauernkriegspanorama" ist ein Text, der weder ästhetische noch politische Abstriche macht, soll heißen: engagierte Literatur im besten Sinne.