In Romanen wie "Indigo" oder "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" schildert Clemens J. Setz Menschen in extremen, prekären, schwierigen Existenzsituationen, denen Krankheiten eine (An-)Teilnahme am sozialen Leben erschweren beziehungsweise verwehren - Außenseiter.

Solchen begegnet man in Setz’ neuem Werk, das per definitionem ein Sachbuch ist, sich aber natürlich nicht so liest, ebenso wieder wie vielen seiner Themen, Obsessionen und Eigenarten: seinem Misstrauen gegen die institutionalisierte Krankenpflege, seiner unterschwellig um trashige Anmutung zu ringen scheinenden Hingabe an digitale Technologien; seiner Neigung zu bisweilen hermetischer Metaphorik.

"Ich geriet in ein Viertel mit gut gemeinten Geschenkläden. Ich begann, mich leer und vektorhaft zu fühlen, wie ein Hilfsverb. Ich beobachtete ein paar Krähen, die ausgeruht und gendarmenhaft auf einer Wiese hin und her schritten. An einer Kreuzung wendeten, als hätten sie von meinem Anblick in ihrer Stadt allmählich genug, gleich drei Busse hintereinander, alle schwerfällig und langsam, mit ihren riesigen Stirnen. Im diesigen Himmel hing ein Hubschrauber, rot wie eine Fahrradklingel. Und eine silbrigweiße Möwe schüttelte sich, der Engel der Verdutzten."

Das Denken ändern

"Die Bienen und das Unsichtbare" ist eine Expedition in die Welt der Plansprachen: Sprachen, die nicht organisch gewachsen, sondern von Menschen bewusst konstruiert worden sind - nicht allein der universalen Verständigung wegen, sondern auch, um unterstellte Defizite bestehender Sprachen zu beseitigen: ihre Anfälligkeit für terroristischen Missbrauch etwa, ihre Virozentrik. Bezug nehmend auf die Sapir-Whorf-These, der zufolge Sprache das Denken formt, versuchte die Science-Fiction-Autorin Suzette Haden Elgin, mit Láadan eine Sprache aus weiblicher Perspektive zu kreieren. Charles Bliss, der vor den Nazis über die halbe Welt flüchten musste, eliminierte aus seinen graphischen Blissymbolics Unklarheiten und Metaphern, weil er die als Treibstoff für Propaganda verstand.

Setz, preisgekrönter Grazer Autor und Darling des deutschen Feuilletons, beschreibt diese linguistischen Konstrukte - geläufige wie Esperanto oder Volapük bis zu völlig obskuren wie aUI, das nur ihr Schöpfer je verwendet hat - mit allen ihren Facetten: ihren Gründern, ihren Geschichten, ihren Anekdoten, ihren Besonderheiten, ihren literarischen Anwendungen.

Indessen ist sein Rahmen nicht auf Plansprachen im engsten Sinn beschränkt, sondern erfasst viele weitere Arten von Dichtung und Textproduktion, die nicht in Form tradierten Sprachverhaltens transportiert worden ist. Dazu gehören Kunstsprachen, die für die Kultur- und Unterhaltungsindustrie kreiert worden sind, wie das Klingonische aus "Star Trek" oder J.R.R. Tolkiens Quenya in "Der Herr der Ringe", dazu gehören aber auch die Gedichte H.C. Artmanns in der (weitgehend) erfundenen piktischen Sprache; dazu gehören selbst die Wortschöpfungen des Malers August Walla und die Gedichte Ernst Herbecks, beide Patienten der Nervenheilanstalt Gugging; dazu gehört selbstverständlich auch die Lyrik des Setters Arli, des Hausgenossen von Thomas Manns Tochter Elisabeth Mann Borgese.

Ein umfangreiches Kapitel ist zudem der Nonsense-Literatur gewidmet, insbesondere der Glossolalie, dem unverständlichen Reden ohne ersichtliche Bedeutung. "Man braucht Undeutbares in sich, sonst ist man gar nichts", bemerkt Setz dazu sehr treffend. "Und vielleicht nährt man es durch regelmäßige Glossolalie. Man braucht etwas, das man inmitten seiner Umwelt still im Inneren oder halblaut wiederholen kann, ohne dass diese es je an sich reißen oder korrumpieren könnte."

Quelle der Poesie

Allein die Weite seines Forschungsansatzes belegt Setz’ Empathie und Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit Plansprachen und ihren phänomenologischen Verwandten: Setz sieht in ihnen eine Quelle der Poesie und artistischen Originalität.

Aber es verbindet ihn mit ihnen auch ein persönlicher Link. Das wird zunächst offenbar, wenn er extensiv den Biographien einiger der bedeutsamsten Persönlichkeiten unter den Sprachplanern folgt: Des als Karl Blitz in Czernowitz geborenen Charles Bliss, dessen Blissymbolics zwar keinen Weltfrieden herstellten, aber bei schwerbehinderten Kindern funktionierten. Des polyglotten, von den Nazis wie auch den Sowjets verfolgten blinden russischen Esperanto-Dichters Vasilij Eroschenko. Von Robert Ben Madison aus Milwaukee, der aus der von ihm im Alter von 14 Jahren gegründeten Sprachgemeinschaft Talossa vertrieben wurde, nachdem diese über das Internet gewachsen war.

Solchermaßen einen Zusammenhang zwischen Lebenskrisen und Sprachengründung suggerierend, ruft Setz sich selbst zum Zeugen auf. Erzählt, mit Tagebucheinträgen als Beleg, wie er "schwer depressiv, autoimmunkrank, vereinsamt und anschlusslos" durch das Jahr 2015 taumelte - und selbst an einer neuen Sprache arbeitete. "Meine These", folgert er, "wäre, dass sich Menschen in solchen Krisen, solchen selbst verursachten Höllen, besonders danach sehnen, die Sapir-Whorf-These wäre 100 % wahr und durch einen Neustart der Sprache ließe sich auch die Wirklichkeit neu starten in ein glorreiches Zeitalter vor dem Sündenfall."