Es beginnt mit einer Szene, die die Welt in Angst vereinte, und es hatte nichts mit Aliens oder einem Virus gar zu tun: der Duschszene in "Psycho", der wohl berühmtesten Sequenz, die Alfred Hitchcock auf Film gebannt hat. Von Berlin bis Dakar drücken sich die Kinobesucher vor Schreck in ihre Sitze. Und Alma, die Frau von Alfred Hitchcock, liest ihm aus der Zeitung seinen Triumph vor. Das ist freilich nur eine falsche Fährte, wie sie auch Hitchcock so gern in seinen Filmen legt - auch wenn sie schon zwei Motive vorwegnimmt, die in dieser Comicbiografie prominente Motive sind: Hitchcocks Beziehung zur Angst und seine Beziehung zum Essen.

Die richtige Fährte führt dann ins Jahr 1954, nach Südfrankreich zu den Dreharbeiten von "Über den Dächern von Nizza". Da knackt "Hitch" neben Schauspieler Cray Grant beherzt eine Languste und berichtet von den frühen Ängsten seiner Kindheit in London Anfang des letzten Jahrhunderts. Recht tiefenpsychologisch lässt sich die Graphic Novel von Noel Simsolo (Szenario) und Dominique Hé (Zeichnungen) an. Verlustängste, eine prägende Mutter, eine Jugend im Jesuiteninternat, alles da, was dazu prädestiniert, ein trefflicher Neurotiker zu werden. Oder ein famoser Meisterfilmer mit Hang zum Tödlich-Morbiden. Und sehr viel Hunger.

Auf der Ebene bleibt der Comic glücklicherweise aber nicht stehen, denn Hitchcock erzählt Cary Grant - und schließlich auch der hinzugestoßenen Grace Kelly - im Anschluss über seine frühen Jahre beim Film in Großbritannien - den er nicht besonders schätzte, er holte sich lieber Inspiration in deutschen Studios. "Herr Murnau, der dicke Engländer fragt, ob er zuschauen kann", heißt es in einem Panel und es weht gleich Filmgeschichte durch die Seiten. Hitchcock blickt zurück auf die Zeit, als er Alma kennengelernt hat und seine Mutter ihm nicht erlaubt hat, eine Frau, die eine höhere Stellung als er im Filmstudio hatte - sie war Editorin, er Regieassistent -, zu heiraten. Kein geringer Antrieb für Hitchcock, seinen Traum von der eigenen Regie wahrzumachen - aber natürlich nicht der einzige Antrieb. Immer wieder wird deutlich in dem Buch, welch hohen Stellenwert Alma in der Kreativität ihres Mannes gehabt hat. Seine problematische Beziehung zu Schauspielerinnen, vor allem blonden, wird angedeutet - aber dies ist auch erst der erste Teil des Projekts. Der zweite Teil widmet sich dann seiner Karriere in Hollywood ab 1939 und kann ja noch in die Tiefe gehen.

Der Comic ist für Filmfreunde eine lohnende Lektüre, weil er die Tricks, die Hitchcock schon François Truffaut einst offenbart hat, in einer launigen Erzählung in die Entwicklung des Filmemachers eingliedert und anwendet. Und ihn auch herzhaft über ungeliebte Auftragsarbeiten schimpfen lässt. Mit den Streichen, die er seinen Mitarbeitern spielte, gewinnt Hitchcock nicht unbedingt Sympathien, aber manchmal hat er auch ebenbürtige Partner wie Peter Lorre. Was dieses Buch jedenfalls schafft: Lust darauf zu machen, sich das weniger bekannte Frühwerk Hitchcocks zu Gemüte zu führen - sogar sperrig anmutende Stummfilme wie den Thriller-Pionier "The Lodger".