"Eine Frage hätte ich da noch", um mit Inspector Columbo zu sprechen. Der ist zwar keine Erfindung von Patricia Highsmith, aber die mörderische Methode ist ähnlich. Wie drückt es das Kindermädchen Fran in einer Folge der Serie "Die Nanny" aus? "Der Mord geschieht in den ersten fünf Minuten, und die restliche Stunde versucht man herauszufinden, welches das Glasauge ist."

Das nennt sich Suspense: Der Zuschauer oder Leser weiß, was geschehen ist. Er hat mehr Informationen als die Personen des Films oder des Buchs. Die Spannung entsteht aus der Frage, wie die Personen handeln.

Kann funktionieren.

Oder auch nicht.

In der Literatur zum Beispiel gilt die US-Amerikanerin Patricia Highsmith, deren Geburtstag sich heute, Dienstag, zum 100. Mal jährt, als die Großmeisterin der Methode. Für alle Autoren (und Leser), die wissen wollen, wie "man" es macht, also einen Thriller schreiben, hat die Highsmith ein Rezeptbuch verfasst, das freilich, so die Autorin, gar keines sein will, aber wohl doch eines ist, weil es andernfalls ein völlig sinnentleertes Unterfangen wäre, zu erklären, wie man einen Thriller schreibt, ohne den Tipps Relevanz beizumessen.

Kleine Regeln erhalten die Spannung

"Plotting and Writing Suspense Fiction" heißt es im Original. In deutscher Übersetzung ist es unter dem Titel "Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt" bei Diogenes erschienen. Immerhin ist die Highsmith ehrlich genug, zu sagen, dass es keine allgemeingültigen Regeln sind, sondern es ist eher ihre individuelle Vorgehensweise. Dennoch: Irgendwas muss dran sein, internationaler Erfolg kommt nicht allein von guter Verlagsarbeit.

Schon der erste Satz überzeugt. Irgendwie. "Wenn man ein Buch schreibt, sollte es in erster Linie dem Autor gefallen." Vielleicht hat sich Johann Wolfgang von Goethe ja wirklich gedacht: "Jetzt schreib’ ich einmal Mist, Hauptsache dem Herrn Landgrafen gefällt’s. Wie nenn’ ich den Pofel nur?" Und dann wickelte er ein Karamellbonbon aus und hatte eine echte Idee. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass jeder Autor genau die Geschichte niederschreibt, die er selbst schon immer gerne gelesen hätte.

Dann aber kommt der ultimative Rat: "Den Plot zu verdichten oder auszubauen, heißt, Komplikationen für den Helden anzuhäufen." Dass eine Anhäufung von Komplikationen nicht unbedingt eine Verdichtung ist - geschenkt, das mag im Zweifel die Übersetzung sein. Die Anhäufung von Komplikationen kann freilich in einen beliebig fortsetzbaren Mechanismus münden. Wenn die Besatzung einer Raumkapsel nach der Wasserung im Pazifik von Piraten aufgebracht wird, das Piratenschiff sinkt und die im Wasser treibenden Astronauten von Kapitän Nemo an Bord der "Nautilus" genommen werden (die postwendend leckt und beim Auftauchen in eine Seeschlacht gerät), ist das eventuell nicht ganz im Sinn des Tipps, illustriert aber das Problem: Auf diese Weise entwickelt sich eine Geschichte nicht von selbst aus ihren Vorgaben, sondern der Autor greift steuernd ein. Kein Problem, wenn es gut gemacht ist, aber selbst im Fall eines Jahrhundert-Romans wie Robert Louis Stevensons "Schatzinsel" merkt der Leser ab einem gewissen Punkt, wie der Hase läuft - nämlich, dass der Autor Seiten schindet. Grandiose Seiten, zugegeben.

Genau genommen widerspricht sich Patricia Highsmith etliche Seiten später: "Gute Bücher schreiben sich selbst." Eben. Die Komplikationen braucht der Autor gar nicht erst auszudenken und anzuhäufen, sie ergeben sich im Idealfall aus der Geschichte.

Aber Hand aufs Herz: Nichts ist leichter, als einen Ratgeber zu ironisieren, zumal einen Ratgeber im schwankenden Bereich der Ästhetik, gegen den das sprichwörtlich balkenlose Wasser festgefügtes Mauerwerk ist.

Beispielsweise wäre von der Idee, dass jemand eines Morgens aufwacht und sich in einen Käfer verwandelt fühlt, eher abzuraten: Zu absurd wäre das, und was hat die Verwandlung bewirkt? Außer einem neuen Kapitel der Literaturgeschichte . . .

Man kann der Highsmith auch nicht vorwerfen, dass sie ideale Längen in Wortzahlen definiert und einen Teil der Abhandlung darauf verwendet, wie sie zu erreichen sind. Das gehört zum sehr amerikanischen Zugang zur Literatur unterhalb der Geniegrenze: Während in Europa, zumal im deutschsprachigen Raum, den Autor immer noch ein heiliger Hauch von Inspiration umgibt, egal ob er nun einen Fahrradführer durch die Wachau oder eine suizidale Nabelschau veröffentlicht hat, dominiert jenseits des Atlantiks die Überzeugung, Schreiben sei erlernbar, es sei ein Job, egal, ob Segelhandbuch oder Roman über Drogensucht und Aids-Erkrankung. Ist der Autor in Europa ein gottähnlicher Schöpfer, ist er in den USA ein Unterhaltungskünstler, der für das Geld, das seine Bücher kosten, auch etwas bieten möge.

Ratgeber für Literatur jeglicher Art

Daher ist der US-Markt voll mit Ratgebern: Wie schreibt man dies, wie schreibt man das? Sprichwörter, Kurzgeschichten, Kunstgeschichte, Romane, Liebesgeschichten, Krimis, Songtexte, Theaterstücke - nichts Schreibbares entzieht sich den Schreiblehrbüchern. Nur das Schreiblehrbuch zum Schreiben eines Schreiblehrbuchs scheint bisher Mangelware zu sein.

Doch um auf die Highsmith zurückzukommen: So seltsam sich ihre Ausführungen für einen mitteleuropäisch sozialisierten (angehenden) Autor ausnehmen - ein paar ihrer Beobachtungen haben schon Hand und Fuß.

Zum Beispiel: Der Autor möge sich auf seine eigenen Stärken und Schwächen besinnen. Besser, einen guten Thriller als eine schlechte Liebesgeschichte schreiben, besser einen guten Krimi als eine schlechte Horrorgeschichte. Wem Abenteuerromane nicht liegen, der kann dennoch ein gutes Gespür für Short Storys aus dem Alltag haben.

Natürlich plädiert die Highsmith nachdrücklich für diszipliniertes Arbeiten - und Arbeitsdisziplin in künstlerischen Berufen ist keine US-Marotte, sondern eine Erfahrung, die jeder ernsthafte Künstler jedes Landes bestätigen wird.

Doch als wichtigster roter Faden zieht sich durch den Highsmith-Suspense-Ratgeber die Frage, wie man mit der Idee für eine Geschichte umgeht. Highsmith nennt es das "Erfühlen" einer Handlung: Was ist der Kern der Geschichte? Was kann man daraus machen? Welche Länge trägt die Idee? Welche Erzählperspektive (Ich-Erzähler oder allgemein wissender Erzähler) eignet sich am besten? Wo könnten Stolpersteine verborgen sein?

Und schon ist man wieder bei Inspector Columbo: "Eine Frage hätte ich da noch." Und die lautet im konkreten Fall: Warum, um alles in der Welt, hat Patricia Highsmith, die ihr Metier so perfekt analysieren konnte, dann Sachen geschrieben wie "Zwei Fremde im Zug", "Der süße Wahn", oder "Der Junge, der Ripley folgte"?

Aber was tut’s? - Ehe man trübsinnig wird vor lauter fernsehüberfüttertem Lockdown: Amerikanisch umdenken ("alles ist erlernbar"), heraus mit den Schreibutensilien und einen Thriller-Selbstversuch entlang des "Suspense"-Ratgebers machen! Ein bisschen Patricia Highsmith hat noch niemandem geschadet.