Irene Diwiak schickt ihre Heldin auf eine schauerliche Hochzeit. - © Zsolnay / Leonhard Hilzensauer
Irene Diwiak schickt ihre Heldin auf eine schauerliche Hochzeit. - © Zsolnay / Leonhard Hilzensauer

Um einen Buchtitel von Patricia Highsmith zu variieren: Auch die Toskana kann sehr kalt sein. Sehr, sehr kalt. Dabei fängt alles harmlos an. Christina ist Anfang 20, sie will Fotografin werden, ist jedoch bei der Aufnahmeprüfung der Kunsthochschule durchgefallen, hofft aber darauf, sich im nächsten Jahr nochmals bewerben zu dürfen, und wohnt immer noch bei ihrer Mutter. Christinas Vater ist nur ein Lebensschatten, der die Alimente zahlt; letztmals mit dem Beginn der Pubertät hatte sie Kontakt zu ihm, damals beendete Christina von sich aus die periodischen, stets stumm und gelangweilt absolvierten Treffen.

Vor allem ist Christina emotional angeschlagen. Vor wenigen Wochen zerbrach ihre Beziehung zu David, der sich ausgerechnet in Miri, Christinas humorvolle, lebenslustige und beste Freundin mit den roten Locken, verliebt hatte, was Miri erwiderte. Tagelang lag Christina weinend und untröstlich auf dem Sofa.

Nun hat sie das Angebot bekommen, als Fotografin nach Italien zu fahren. Die ihr völlig unbekannte Cousine Marietta heiratet, deren Mutter Adelheid, inzwischen Ada genannt, weil sie einen italienischen Millionär namens Esposito geheiratet hat, kennt sie ebenso wenig. Ort der Hochzeit ist die riesenhafte, labyrinthische Villa der Familie Esposito. Sie liegt in der Toskana, oberhalb von Malvita. Einst gab es in der kleinen Ortschaft die Leder- und Schuhfabrik der Espositos, die 2008 zugesperrt wurde. Ein Teil der Angestellten verblieb im Dienst der Familie, als Hauspersonal, der andere zog weg, weil es sonst keine Arbeit mehr gab.

Die Tage in der Toskana könnten für Christina so etwas wie gut bezahlter Urlaub sein, erweisen sich jedoch als etwas ganz anderes. Jedes Mitglied der Familie zeigt sich merkwürdig bis bizarr. Elena, das Fotomodel, ist ebenso skurril zerrüttet wie die prospektive Braut, die am Polterabend einen Schreianfall bekommt, als Christina zu tanzen beginnt. Ganz zu schweigen vom jüngsten Kind, Sohn Jordie, der von allen aus rätselhaften Gründen in Watte gepackt wird. Dazu kommt eine ominöse Hochzeitsplanerin - die sich als Auftragsmörderin entpuppt. Und eine Tote, die Fotografin und Freundin der Familie, die vor Christina die Hochzeit mit der Kamera festhalten sollte.

Dramaturgisch recht unmotiviert, vertraut sich zuerst Jordie der ihm völlig fremden Christina an: Er offenbart, wie ihn Ekel vor dem eigenen Körper dazu getrieben hat, Erleichterung in der Selbstverletzung zu suchen - seine Arme wie sein Oberkörper sind flächendeckend mit Narbengeflechten überzogen. Und dann, noch unmotivierter, Tonio Esposito, der eine liebesleere Ehe mit Ada beschreibt, aus der zwei Töchter entsprossen, zu denen er weder eine Verbindung aufbaute noch aufbauen wollte. Zudem erzählt er, dass Jordie eine Art Kuckuckskind ist, einst als Baby vor der Tür abgelegt, nur mit einer Notiz versehen, aus der zu folgern war, er müsse das Produkt einer jäh beendeten außerehelichen Beziehung sein.

Worauf die in Wien lebende Grazer Autorin Irene Diwiak, die 2017 mit "Liebwies" debütierte, mit ihrem Zweitling erzählerisch hinauswollte, will sich nicht ganz verständlich oder nachvollziehbar erschließen. Soll es die Geschichte einer Familie sein, die Geheimnisse hütet, bis diese sich Bahn brechen? Wann traf Diwiak die Entscheidung, das Buch im Finale in eine nur als Karikatur goutierbare Rache-Story kippen zu lassen?

Am Ende gibt es nämlich eine Art symbolisches Selbstopfer, einen frauenhassenden Märtyrer, ein Säurebad und gar fürchterliche Rache von an Körper und Seele tiefverletzten Frauen. Dieser Schluss erinnert an das C-Film-Spätwerk Charles Bronsons, an Filme wie "Der Liquidator" und "Death Wish III - Der Rächer von New York", die gnädig dem Vergessen anheimgefallen sind.