Wer die "Strudlhofstiege" gelesen hat, dem ist er ein Begriff: der Troglodyt, seines Zeichens ein Höhlenbewohner, der sich nach Menschwerdung sehnt. Geschaffen wurde diese Figur - wie so viele andere großartige - von Heimito von Doderer (1896-1966).

In ihrem Roman "Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung" lässt die Wiener Autorin Nadja Bucher den Wiener Autor wieder auferstehen. Ohne Anzug, Hut und Lavendelparfüm, dafür in voller Sprachgewalt. Dass der Dichter ausgerechnet im Körper eines Mädchens wiedergeboren wird, und das in einer nicht unbedingt kulturverbundenen Ecke Wiens - der Großfeldsiedlung in den 1980er Jahren! -, liefert Stoff für 224 unterhaltsame Seiten. Da wird unter Doderers scharfer Zunge der Hausmeister namens Lurch schon einmal zum gedrungenen, gräulichen Staubgewächs, das nur ein wenig über das Dienstkissen ragt, welches er am Fenster seiner Hausmeisterwohnung ausgelegt hat. Ein Troglodyt ersten Ranges.

Zwei Reinkarnationen

Zehn Jahre nach seinem Tod findet sich Doderer in der nach ihm benannten Gasse der Großfeldsiedlung also in einem weiblichen Säuglingskörper wieder. Er leidet - an der Umgebung, an der geschmacklosen Tapete und unter den geistigen und hygienischen Misslichkeiten des Kleinkinddaseins. Ablenkung erfährt er durch die Gespräche mit Adolf Loos, der sich überraschenderweise im Körper von Maries Kindergartenfreundin Isa eingefunden hat.

Im intellektuellen Diskurs nehmen die beiden Herren ihre Vergangenheit, die gegenwärtige Existenz wie auch die Erlebnisse der beiden Kinder auseinander. Nicht jedes Gespräch wird ausdiskutiert. Während die Mädchen ihre Laternen durch die Großfeldsiedlung schwenken, "entweicht" dem Dichter etwa: "Ich bitte, Sie, Loos, Sie lieferten den geistigen Grundstock für die Tristesse dieser Siedlung! ... Sie Totengräber des Spitzdachs!" Mehr als die Drohung "Tod dem Giebel!" fällt dem Wegbereiter der modernen Architektur dazu allerdings nicht ein. Leider.

Die beiden Mädchen entwickeln sich naturgemäß weiter, was akribisch, mit Witz und überaus "doderesk" beschrieben wird. Derweil beratschlagen die beiden den Kindern innewohnenden Herren immer wieder, ob ihre Wiedergeburt denn Strafe sei - eine mit der Vergabe des Straßennamens verbundene, wie Loos vermutet - oder ob ihnen hier womöglich eine Chance gegeben werde. Doderer hofft Letzteres, will er doch noch sein Opus Magnum, den "Roman Nr 7/III" fertigstellen - und sei es durch die Hand eines kleinen Mädchens. Pech jedoch, dass dessen literarische Fähigkeiten den Satz "Toni isst Maroni" nicht übersteigen.

Maries Qualitäten zeigen sich indes in einer für ein Volksschulkind erstaunlichen Zivilcourage. Beherzt nimmt es das Mädchen mit Flegeln allen Alters auf, und auch wenn sie selbst es anders ausdrückt, so bereitet sie Doderer große Freude, wenn sie ihrem Gegenüber in bester "Merowinger"-Manier den Schädel "plombiert" oder ihm eine "plauzt". In ihrer Streitlust erkennt der Dichter seinen Einfluss - ob dieser jedoch ein gegenseitiger ist und Doderer, welcher bekanntlich kein sehr ausgeprägtes soziales Gewissen besaß, noch von Marie lernen wird? Diese Frage bleibt offen. Wer wollte schon einen gezähmten Doderer? "Aber im Grunde sind das lauter Sentimentalitäten", würde der Dichter dazu wohl sagen - und tut es auch in dieser Geschichte.

Feines Lesevergnügen

Der Spaß, den die Autorin beim Schreiben hatte, ist spürbar und überträgt sich beim Lesen. Auch wenn sich die großartige Idee nie zu einer wirklichen Handlung aufrafft, auch wenn eine eigentliche Geschichte - im Sinn einer Pointe - ausbleibt, beschert dieser Roman doch großes Lesevergnügen.

Nadja Bucher, derselbe Jahrgang wie Marie (1976), ist Slam-Poetin und Autorin. "Die Doderer-Gasse" ist - nach "Rosa gegen den Dreck der Welt" und "Die wilde Gärtnerin" - ihr dritter im Milena-Verlag veröffentlichter Roman.