Am Anfang, bei der ersten Ballonfahrt der Menschheit, ging eine Ziege in die Luft, zusammen mit einem Hahn und einer Ente. Menschen waren merkwürdigerweise keine an Bord. Die Brüder Montgolfier hatten vermutlich im letzten Moment Angst bekommen. Wie auch immer, man schrieb jedenfalls das "Jahr 1783, als diese Arche Noah sich in die Lüfte erhob". So spektakulär beginnt Stefano Massini sein "Buch der fehlenden Wörter" - mit dieser schönen Geschichte und dem Wort "Annonayiker". Massini leitet es vom Ort Annonay ab, wo die Ballonfahrt begann: Es "bezeichnet einen Menschen, der auf jede Weise seine Befreiung gesucht hat, sich dann aber davor fürchtet, sie bis auf den Grund auszukosten, und verzichtet".

Nach diesem Start legt Massini sofort nach, und sein wahrhaftiges und doch fabelhaftes Buch, ein bis ins Detail genau kalkulierter "Überfall auf den Himmel", gewinnt geradezu schwindelerregend schnell an Höhe und Fahrt. Am Ende gelingt ihm dann auch noch die Landung perfekt, beim programmatischen Wort "Zeissiteur". Es leitet sich aus dem Namen des Optikers Carl Zeiss ab und bezeichnet "einen Menschen, der freiwillig darauf verzichtet, unbedingt das Maximum erreichen zu wollen, und stattdessen der Frage nachgeht, welche Wahrheit sich im Allerkleinsten verbirgt".

Geschichtspanorama

Dazwischen liegen 250 faszinierende Seiten, auf denen uns Massini durch die Geschichte führt, von der Antike bis in die Gegenwart, und an den entlegensten Orten der Erde nach fehlenden Wörtern sucht. Eine ebenso erhebende wie niederschmetternde Weltreise in einundzwanzig Kapiteln, in die der Autor so viele beschwerende Erkenntnisse, aber auch so viel erleichternden Humor gepackt hat, dass die Natur des Buches vage bleibt: Ist es eine Tragödie, wofür vieles spricht? Oder doch eine Komödie?

Nachdem die Montgolfiere abgehoben hat, verlieren sich rasch alle diesbezüglichen Gewissheiten. Vielleicht ist die Suche nach den fehlenden Wörtern auch nur ein Vorwand des Autors, um sich, möglichst ungestört, an einem Remake der "Göttlichen Komödie" zu versuchen.

- © Hanser Verlag
© Hanser Verlag

Sicher ist, dass Stefano Massini 1975 in Florenz geboren wurde - dort also, wo auch Dante das Licht der Welt erblickt hat. Und Lorbeeren sind dem Romanautor, Essayisten und Dramatiker Massini in Form von Preisen auch schon mehrfach aufgesetzt worden. Sicher ist auch, dass die Protagonisten seines neuen Buches keine erfundenen Figuren sind: Dorothy Parker und Rosa Parks, Michael Faraday und Isaac Newton, Antonio Ranieri und Giacomo Leopardi, sie alle haben deutliche Spuren hinterlassen. Ebenso wie ein paar Dutzend weitere Berühmte und Berüchtigte, denen Massini seine konzentrierte Aufmerksamkeit widmet. Und auch alle Berichte über die Schicksale der zahllosen Namenlosen klingen so authentisch, dass sich die Geschehnisse genau so und nicht anders ereignet haben könnten - obwohl vieles geradezu absurd klingt.

Wo genau aber liegt die Grenze zwischen den pointierten Dialogen und detailreichen Darstellungen Massinis und der historischen Realität? Der italienische Autor ist sich der Fragilität dessen, was wir allzu oft unbedacht Wirklichkeit nennen, bewusst, und er spielt mit diesen Unsicherheiten. Ein Kapitel steht unter dem Titel "Nichts ist, wie es scheint". Massini erzählt darin, unter anderem, vom Coup der mutigen jungen Journalistin Nellie Bly. Der Zeitungsverleger Joseph Pulitzer hatte ihr vorgeschlagen, einen Artikel über Blackwell, eine Irrenanstalt für Frauen, zu schreiben. Und sie hatte ihm, zu seiner Überraschung, geantwortet: "Sehr gut, ich lasse mich dort einweisen. Es braucht so wenig, um für verrückt gehalten zu werden. In zehn Tagen kommt ihr mich holen."

Undercover im Inferno

Die unerschrockene Nellie Bly. - © H. J. Myers, photographer, Library of Congress's Prints and Photographs division, public domain, via Wikimedia Commons
Die unerschrockene Nellie Bly. - © H. J. Myers, photographer, Library of Congress's Prints and Photographs division, public domain, via Wikimedia Commons

Gesagt, getan. Bly ließ sich, eingeklemmt zwischen Frauen, die tatsächlich ihren Verstand verloren hatten, nach Blackwell karren. So entstand, anno 1887, "die erste Undercover-Enthüllungsreportage in der Geschichte des Journalismus". Bly blieb anderthalb Wochen "zwischen Hysterikerinnen und Psychotikerinnen" und sie dokumentierte dort die "Erniedrigungen, Gewalttaten, Belästigungen und all das, was ein angebliches Krankenhaus in einen Kreis von Dantes Inferno verwandelt".

So unvermittelt nahe wie Nellie Bly kommt Massini den Menschen, deren Unglück er beschreibt, zwar nie. Aber auch er wirft Blicke in von Menschen für Menschen gemachte Höllen. Eine seiner eindrücklichsten Exkursionen führt ins Erdinnere, in eine viertausend Meter unter der Erdoberfläche liegende Goldmine in Südafrika, "wo die Temperatur bei der kleinsten technischen Panne der Klimaanlage auf Ofenhitze hochschießen würde".

Noch ein Stück weiter hinein ins Herz der Finsternis führt sein Bericht über ding zui, eine in China bei ärmeren Schichten verbreitete Form des Broterwerbs, bei der Reiche "jemanden anstellen, der für sie ins Gefängnis geht. Auf der Basis festgelegter Tarife sind viele Familienväter bereit, ihre Freiheit zu verlieren und die Strafe eines anderen abzusitzen. Manche gehen so weit, ihr Leben zu opfern und sich hinrichten zu lassen, um der Familie eine angemessene Entschädigung zu sichern". Ein Entgelt, das sich "vervielfacht, wenn auf die Exekution der Verkauf der Organe auf dem Schwarzmarkt erfolgt".

Vielleicht sollte man an dieser Stelle anmerken, dass auch Dante vor sieben Jahrhunderten den von ihm unsterblich Beschriebenen nicht so nahe kam wie Nellie Bly den Ärzten und Insassinnen von Blackwell. Er ist jedenfalls nicht wirklich ins Reich der Toten gestiegen und mit Vergil durch das Inferno gewandert. Dennoch war ihm, so wie nun auch Massini, keine menschliche Tugend und auch kein menschlicher Makel fremd. Und auch der Umstand, dass sich Wahnsinnige nicht nur in Irrenhäusern, sondern auch auf allen möglichen Arten von Feldherrenhügeln und Schlachtfeldern finden lassen, ist beiden bestens bekannt.

Von Kriegen berichtet daher nicht nur Dante, seit dessen Lebzeiten sich zwar vieles - aber nicht alles - geändert hat, sondern auch Massini. Zum Beispiel vom längsten Krieg der Geschichte, dem im heutigen Chile mit äußerster Brutalität ausgefochtenen "Arauco-Krieg, den die Mapuche von 1536 bis 1881 kämpften". Gefangene wurden dabei keine gemacht: "Wer die Chronik dieser dreieinhalb Jahrhunderte voller Schlachten liest, glaubt sich in eine zur dritten Potenz erhobene Ilias versetzt: eine ununterbrochene Abfolge entsetzlicher Gewalttaten, zerstörter und wieder aufgebauter Festungen, Pockenepidemien, hingemetzelter spanischer Gouverneure und indigener Heerführer, die vor ihren Truppen gepfählt wurden."

345 Jahre ununterbrochener Grausamkeit. Kein Wunder, dass Massini den Krieg nicht ehrfürchtig als "Vater aller Dinge" preist, sondern als "Zeitverschwendung" bezeichnet. Kein Wunder auch, sondern nur konsequent, dass er nicht nur für gnadenlose Krieger, sondern auch für Waffenschmiede keine wertschätzenden Worte findet. Selbst das Universalgenie Leonardo da Vinci, der auch Konstrukteur von Kriegsmaschinen war, kommt nicht ungeschoren davon - Massini packt ihn, setzt ihn vor seine Staffelei und porträtiert ihn in der Tradition von Petronius, mit den Methoden von Ovid.

Er stellt den Schöpfer der Mona Lisa als einen zeitlebens der kulinarischen Kunst Verfallenen dar, als "Dickerchen mit pausbäckigem Gesicht", als kleinen Fernando Botero, der während seiner Lehrzeit bei Verrocchio alle zur Verzweiflung bringt, weil er viel lieber kochen als malen will - der Auftakt einer Karriere, die durch das Himmelreich der Küche zwangsläufig bis zum "Letzten Abendmahl" führt.

Renaissance vollschlank: Federico da Montefeltro und seine Gattin Battista Sforza in der Interpretation des kolumbianischen Malers Fernando Botero. - © Tiziana Fabi / afp / apa
Renaissance vollschlank: Federico da Montefeltro und seine Gattin Battista Sforza in der Interpretation des kolumbianischen Malers Fernando Botero. - © Tiziana Fabi / afp / apa

Demontierte Helden

Massini schlägt Leonardo mit dessen eigenen Waffen, also nach den Regeln der Kunst und der Wissenschaft. Er studiert ihn von allen Seiten, zerlegt ihn dann in seine Bestandteile und setzt diese mit List und Tücke wieder zusammen. Am Ende garniert er die Kreation auch noch stilsicher, à la Vitruv, mit einem "Strahlenkranz aus vier Karotten". Das Ergebnis ist köstlich. Aber darf Massini das überhaupt? Darf er gefeierte Helden und Heldinnen so phantasievoll mit der Feder kitzeln? Er darf nicht nur - er muss. Sonst wäre sein Buch eine teuflische Tragödie.

In welche Abteilung des Jenseits - an das Massini, anders als Dante, allerdings nicht zu glauben scheint - würde es den Autor dieses geistreichen wie mutigen Buches dereinst verschlagen? Auch das ist nicht leicht zu sagen. Man kann ihn sich, ins Gespräch vertieft, jedenfalls ebenso leicht an der Seite von Dickens wie an der von Swift oder Sterne vorstellen. Ein Chronist schreienden Unrechts ist er ebenso wie ein Meister der Mehrdeutigkeit - und des daraus resultierenden Humors. Er wäre aber wohl auch überall sonst, wo die großen Humanisten sitzen, herzlich willkommen.

Vermutlich würde Massini selbst es aber vorziehen, gar nicht zu sterben und stattdessen auf ewig mit Bussen oder anderen öffentlichen Verkehrsmitteln durch Städte zu fahren, oder diese per pedes zu durchwandern, um dabei neue Worte aufzuschnappen. Ein Zitat von Gabriel Garcia Márquez legt das jedenfalls nahe: "Die Wörter werden von den Menschen auf der Straße erfunden, nicht von Akademikern an einer Universität. Die Verfasser von Wörterbüchern fangen sie viel zu spät ein und balsamieren sie in einer alphabetischen Reihenfolge ein, wenn der wahre Grund ihrer Entstehung in vielen Fällen bereits verloren gegangen ist."