Um Gedichte zu lesen, braucht man Zeit. Doch auch umgekehrt: Gedichte lesend, verwandelt sich die Zeit. Auf einmal öffnet sich ein Raum, den man zuvor vielleicht nicht gewahrte. Als ob alles aus den Fugen geriete. Zeile um Zeile, Schicht um Schicht führen Roberta Dapunts Gedichte in einen solchen Raum.

Die Autorin, geboren 1970, lebt in Abtei/Badia im Südtiroler Gadertal, wo sie einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet. Sie schreibt auf Italienisch und in ihrer Muttersprache Ladinisch. Ihre italienischsprachigen Gedichtbände erscheinen in der angesehenen "weißen Reihe" des Turiner Verlags Einaudi. Nun liegt der dritte Band in deutscher Übersetzung vor: "die krankheit wunder / le beatitudini della malattia", übertragen von der Übersetzungsgruppe Versatorium, ist unter anderem eine Annäherung an die demenzkranke Uma, so das ladinische Wort für Mutter.

- © Folio Verlag
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Neben Fetzen der Erinnerung an eine vergangene Kultur des Glaubens mit Regeln und Gebeten zeichnet Dapunt ein Bild der Uma, während sie sie pflegt und wäscht. Da ist der Schmerz angesichts ihrer geistigen Abwesenheit. Doch gleichzeitig ist da Bewunderung für diese Frau, die in einem Leben aus Litaneien zu Ruhe und Gelassenheit gelangt ist: "Du lächelst mich an und rundum bist du aufhebung der zeit, / ein grashalm, der um seine wiese nicht weiß." Da ist der bittere Geschmack eines unausweichlichen Gefüges von Macht und Ohnmacht zwischen dem Ich und der Uma. Doch gleichzeitig hält dieses Ich Zwiesprache mit ihr, in der Stille ("du dichtest im schweigen / deine verse, litaneien"), in mystischer Vergegenwärtigung und schweigsamer Übereinkunft.

In Anbetracht des Vergessens ist der Körper Erinnerung. In der Konzentration auf die Nähe und das Nächste findet auch das Ich zur Welt. Der Körper, das Nadelöhr der Nähe, ist das Einfallstor. Mit aller Emphase beschwört die Autorin, die "bloß den leib [hat] um zu glauben ans leben", die Welt und die Wirklichkeit, die sie umgibt: "[A]lles brech’ in mich ein". Alles? Das ist alles, was da ist. Das sind die Grashalme, der Geruch "nach stall, nach milch und nach jauche", das sind die Tiere, die ihr ebenso ein Gegenüber sind wie die Menschen - "meine melancholie / die sich spiegelt in ihrem engen schauen". Erst im Innehalten öffnet sich der Körper. Und daher erkennt sie in Umas Zustand ein "heiliges bildnis des wahren", der Krankheit Wunder.

Zum Innehalten lädt auch die Ausgabe der Gedichte ein, in der sich Original und Übersetzung auf Augenhöhe begegnen. Übersetzung ist Übung und Entwurf. Die Übertragungen von Versatorium schmiegen sich vielfach an das Original, an Klang und Rhythmus, an seine Geschmeidigkeit wie an seine Sprödigkeit. Indem Übersetzung und Original überraschend die Seiten wechseln, wird der Blick auch auf das Original gelenkt. Dazwischen folgen leere Seiten als Atempausen, der die Gedichte bedürfen. Es lohnt, sich auf dieses Spiel einzulassen.