Dass einem die Antworten ausgehen, wenn man mit Fragen bestürmt wird, zumal mit schwierigen, mit unlösbaren Fragen, dass man gerne antworten möchte, doch schlicht keine Antwort mehr weiß, die einem hieb- und stichfest erscheint - wer hat das nicht schon erlebt? Wie sich dieses Versagen aber beim Wort nehmen und in ein poetisches Bild gießen lässt, wie aus der Sprachlosigkeit eine Geschichte wird, glasklar und präzise, bedrückend und doch zugleich federleicht, das erfährt man nicht jeden Tag, das findet man nicht allzu oft in der Flut der Neuerscheinungen. Mit wenigen Strichen, mit wenigen Sätzen, die nur das Notwendigste anklingen lassen, gelingt Kurt Marti dieses - scheinbar kunstlose - Kunststück:

"Obgleich sich vor dem Antwortschalter eine lange Schlange von Leuten angesammelt hatte, klappte das Schalterfenster plötzlich zu, lange vor Dienstschluss, am frühen Nachmittag schon. Empört protestierten die noch Wartenden, am lautesten die an der Spitze der Schlange, die damit gerechnet hatten, demnächst bedientzu werden. Unbeherrscht stiessen sie Flüche aus, ballten die Fäuste im Zorn. Gleichmütig aber schob der Beamte eine Plakattafel hinters Schalterglas: DIE ANTWORTEN SIND AUSGEGANGEN. Während manche erregt weiter schimpften und sich mit leeren Drohungen Luft verschafften, erstarrten die meisten, wandten sich wortlos zum Ausgang. Eine Dame in elegant-grauem Tailleur begann zu schluchzen, verbarg ihr Gesicht in beiden Händen. Langsam leerte sich die Halle."

Schweizer Klassiker

- © Wallstein Verlag
© Wallstein Verlag

Unter dem schönen Titel "Ausgegangene Antworten" steht diese Miniatur in dem druckfrischen Band "Der Alphornpalast", der Prosa aus Martis Nachlass enthält - und eine gute Gelegenheit bietet, einen vielseitigen Dichter und Denker neu zu entdecken. Einen Autor, der zu den Gegenwartsklassikern der schweizerischen Literatur gehört, hierzulande aber nie ein klingender Name war, von dem man gemeinhin nicht mehr kennt als eine Handvoll Gedichte, die durch zahllose Anthologien gewandert sind und auf Kalenderblättern zitiert werden. Etwa das wunderbare Gedicht "großer gott klein" aus seinem Band "abendland" von 1980, einem seiner lyrischen Hauptwerke: "grosser gott:/ uns näher/ als haut/ oder halsschlagader/ kleiner/ als herzmuskel/ zwerchfell oft:/ zu nahe/ zu klein -/ wozu/ dich suchen?// wir:/ deine verstecke".

Mit Texten wie diesen wurde Marti zu den Erneuerern christlicher Literatur nach 1945, stellte er unter Beweis, dass es möglich ist, im Gewand moderner, experimentierfreudiger Poesie ein religiöses Bekenntnis abzulegen und von letzten Fragen zu sprechen, wache Zeitgenossenschaft mit lebensnaher Spiritualität zu verbinden.

Gott ist für Marti kein abstraktes Prinzip, sondern lebendige, Tag für Tag sich erneuernde Beziehung. Der Umgang mit der Bibel, deren radikale Diesseitigkeit er stets betonte, wurde zur Grundlage für sein poetisches Werk, und das nicht von ungefähr, wirkte er doch sein halbes Leben lang als Seelsorger, als Pfarrer in Gemeinden der reformierten Kirche, im Aargau und in Bern.

Die literarische Bühne betrat er verhältnismäßig spät: Als sein erstes Buch erschien, war er 38 Jahre alt und sein einstiger Schulkollege Friedrich Dürrenmatt bereits weltberühmt. Marti allerdings machte sich rasch einen Namen, mit schmalen Bänden, auf kurzen Strecken. Zwar versuchte er sich einmal in der langen Form, 1975 mit dem Roman "Die Riesin", kehrte aber umgehend wieder zurück in sein Element: zur Tagebuchnotiz, zur knappen Erzählung mit offenem Ausgang, zum Aphorismus und zum Gedicht. "Ich erfahre das Leben weder romanhaft noch theatralisch-dramatisch. Mein ‚Sound‘ ist ja wohl lyrisch." Wie richtig diese Selbsteinschätzung war, zeigt sich an einer anderen Miniatur der Sammlung "Der Alphornpalast":

"Gesenkten Blicks sagte einer am Tisch: Uns fehlt der tägliche Gott. Keiner in der Runde stimmte zu, keiner widersprach. Als jener, darob verwundert, seinen Blick hob, stellte er fest, dass die Freunde eingenickt waren. Er winkte den Kellner herbei, wollte die Zeche begleichen. Statt der Rechnung präsentierte der Kellner jedoch eine Quittung: Heute ist zum Voraus schon alles für alle bezahlt, auch das Trinkgeld. Von wem denn? Bedauernd hob der Kellner leichthin beide Schultern: Der Spender möchte ungenannt bleiben."

Lyrisches Erzählen

- © Wallstein Verlag
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In diesen Prosasätzen kann man mühelos Verse erahnen; in der Tat: Martis Sprache ist und bleibt, auch wo sie ins Schildern kommt, lyrisch. Der Wallstein Verlag hat dem Rechnung getragen und der Sammlung nachgelassener Prosa einen schmalen Band mit nachgelassenen Gedichten unter dem unprätentiösen Titel "Hannis Äpfel" beigesellt.

Er enthält ein großes lyrisches Requiem auf die Frau des Dichters, Hanni Marti-Morgenthaler ("Dass du mir von Anfang an/ bedingungslos vertraut hast,/ ist mir ein Rätsel geblieben/ und hat mich zuweilen erschreckt,/ da ich mir selber/ keineswegs immer vertraute"), ergänzt um knapp dreißig, größtenteils unveröffentlichte Gedichte, an denen sich das ganze Spektrum von Martis Lyrik zwischen Zärtlichkeit und Schmerz, Spiel mit der Sprache und Vertrauen in das Wort exemplarisch erkennen lässt.