Anlässlich seines 90. Geburtstages darf festgestellt werden: Thomas Bernhard ist endgültig zur Überfigur der österreichischen Literatur im 20. Jahrhundert geworden. Wenn in 100 Jahren etwas bleiben wird, dann das Werk von Bernhard. Sein ohnehin auf Österreich begrenzter Status als Skandalautor, zu dem ihn das Erzählwerk "Holzfällen" oder das politische Schmierenstück um "Heldenplatz" gemacht haben, wird mit dem Voranschreiten der Jahre zunehmend irrelevant, während "Auslöschung" und andere Prosawerke ihren Status als Monumente der Literatur deutscher Sprache festigen.

Die Rede vom Monument Bernhard erscheint auch daher berechtigt, da der Prozess kultureller Monumentalisierung den beständigen Zufluss neuer Bausteine erfordert, sprich: neuer Publikationen, die sich an der Erklärung und/oder Verklärung von Person wie Werk versuchen. Diese erscheinen mit so schöner Regelmäßigkeit wie dereinst die neuen Bücher vom Autor selbst.

Rapport und Comic

Zum aktuellen Jubiläum veröffentlicht sein Hausverlag Suhrkamp gleich zwei Bücher, nämlich einen weiteren Band in der Reihe der Comic-Adaptionen durch den Wiener Illustrator Nicolas Mahler, dessen Nutzen und Berechtigung erneut eine Geschmackssache sind - sowie einen weiteren Erinnerungsband an Bernhard, der freilich von niemand Geringerem als seinem Halbbruder und Nachlassverwalter Peter Fabjan stammt.

Mit seinen knapp 200 Seiten verspricht dieser zu Recht "Rapport" untertitelte Band mit dem nüchternen Titel "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" allerdings mehr, als er letztendlich an neuen Einblicken einzulösen vermag. Denn keine umfassenden Memoiren liefert dieser Rapport, sondern er versammelt allerlei, zumeist kurze Informationen zu biografischen Aspekten des Lebens mit Thomas Bernhard.

- © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Dass manches unbeholfen formuliert ist, braucht nicht zu stören, denn beim Internisten Fabjan handelt es sich ja nicht um einen professionellen Autor. Nicht wegen der sprachlichen Form, sondern wegen des Inhalts liest man als wissbegieriger Bernhard-Fan das Buch. Leider beschränkt sich der Erkenntnisgewinn im Grunde auf den mit vielen Beispielen illustrierten Umstand, dass Bernhard auch im engsten familiären Umfeld ein Verhalten zeigte, das Fabjan so beschreibt: "Thomas konnte von übermäßiger Warmherzigkeit an einem Tag zu Eiseskälte am nächsten wechseln, eine der ihm wichtigsten Selbstbehauptungsstrategien."

Bevor man aber überhaupt etwas über Fabjans Schriftstellerbruder erfährt, gilt es sich durch rund 80 Seiten Kurzbiografien des Familienstammbaums bis zu-rück zu den Großeltern zu kämpfen. Diese ergänzen freilich die bereits bekannten Informationen, die bisher am ausführlichsten von Manfred Mittermayer in seiner großen Bernhard-Biografie zusammengetragen wurden.

Interessant wird es allerdings, wenn Fabjan über die Beziehung zwischen Bernhard und seinen Eltern aus der wohlvertrauten Position des Bruders spricht. So schält sich etwa heraus, dass der Vater Emil Fabjan die Schriftstellerkarriere seines Stiefsohns mit Interesse und Wohlwollen begleitet hat, was dieser freilich aufgrund der als Kind erlebten Zurückstufung gegenüber den leiblichen Kindern nicht sehen konnte.

Wie sein Sohn vielmehr berichtet, war Vater Fabjan auch keineswegs der kleinbürgerliche Friseur, zu dem ihn Bernhard in seiner Autobiografie abstempelt, sondern ein künstlerisch begabter, kulturinteressierter Mensch aus einfachen Verhältnissen - der sich von seiner proletarischen Herkunft befreite, indem er ohne Hilfe der Eltern zum Bezirksschachmeister wird, jedoch seine angestrebte Berufslaufbahn als Zeichner nicht einschlagen kann, weil seine Mutter die Aufnahmebestätigung der Ausbildungsstätte unterschlägt und ihn stattdessen zu einer Friseurlehre zwingt.

Dieses biografische Detail sollte man zusammenlesen mit dem allerersten Satz von Fabjans Buch: "Der Weg meines Bruders Thomas war ein einziges Bestreben, sich aus den beengenden Familienbanden zu befreien und sich ein Leben als Künstler zu erkämpfen." Diese leitende Deutung des Lebens von Thomas Bernhard durch den Bruder - der sich ja gleichfalls aus den Fesseln derselben Herkunft befreite -, ergänzt durch viele weitere Belegstellen aus der von Fabjan rein positivistisch aufgerollten Familiengeschichte, scheint mir eine durchaus neue, noch produktiv zu machende Perspektive auf Person wie Werk zu eröffnen.

Gegen die Herkunft

Bernhard entpuppt sich so betrachtet nämlich keineswegs als isolierter, solitärer Außenseiter; vielmehr macht ihn seine erfolgreiche Befreiung aus den Fesseln der Herkunft vermittels der Literatur allenfalls zu einem Sonderfall innerhalb des Familienumfelds, aber auch, was seine Generation insgesamt betrifft.

Eine seiner letzten Bemerkungen vor dem Tod, so verrät Fabjan, lautete lapidar: "Ich hab mich halt durchgesetzt!" Was für ein Resümee, stimmt es doch in mannigfaltiger Hinsicht. Bernhards Literatur spricht nicht allein für ihn selbst, sondern für alle, denen sozialer Status nicht in die Wiege gelegt wurde.