"Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre." Mit diesen prägnanten ersten Sätzen, die fast einem Auftrag gleichkommen, stellt Monika Helfer in ihrem neuen Buch die Weichen, um die Persönlichkeit und Biografie ihres Vaters Josef zu umkreisen.

Damit setzt sie die Familiengeschichte zur Freude einer großen Leserschaft fort. In ihrem letztjährig erschienenen, international erfolgreichen Buch "Die Bagage" arbeitete die Vorarlberger Schriftstellerin die Geschichte der Herkunftsfamilie ihrer Mutter aus dem Bregenzerwald in einer fesselnden autofiktionalen Erzählung auf, im soeben erschienenen "Vati" wird nun die väterliche Seite der Familie porträtiert. Obwohl das Buch als Roman deklariert ist, besteht kein Zweifel darüber, dass Ich-Erzählerin und Autorin auch diesmal identisch sind und es sich um den Vater der Schriftstellerin Monika Helfer handelt.

Einem nahestehenden Menschen schreibend gerecht zu werden, erfordert Mut. Monika Helfer hat diesen Mut schon in mehreren Büchern bewiesen - und auch diesmal gelingt ihr der Balanceakt zwischen persönlicher Nähe und literarischer Distanz, indem sie sich durch behutsames und präzises Erzählen an die Hauptperson herantastet. Vielleicht gelingt es deshalb so gut, weil der Vater ohnedies ein "Abwesender" war, für die Kinder kaum greifbar und Helfer ihn aus dem Nebel der Erinnerung und Vorstellung herausschälte. Sie musste ihn gewissermaßen nicht nur finden, sondern ein Stück weit - siehe Eingangszitat - auch erfinden.

- © Carl Hanser Verlag
© Carl Hanser Verlag

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Helfers Eltern Josef und Grete, die schon in ihren Anfängen ein tragisches Liebespaar abgeben. Gretes schwierige Familiensituation wurde bereits in "Die Bagage" beschrieben: Da er in ihr ein Kuckuckskind vermutete - gezeugt, als er im Krieg war -, richtete ihr Vater nie ein Wort an sie. Als Grete Jahre später in einem Lazarett arbeitet, verliebt sie sich am Krankenbett in Josef, dem ein Unterschenkel amputiert wurde. Verlieben aus Verzweiflung, könnte man sagen, denn sie glaubt, dass nach dem Krieg nicht mehr viele Männer zum Heiraten übrig sein werden.

Die Erzählerin formuliert es so: "Als sie einander kennenlernten, war der Krieg für ihn zu Ende. Ganz sicher sei er sich aber nicht gewesen. Habe immer wieder den blau-roten Stumpf unter seinem Knie betrachtet. Als ob noch etwas aus dem wird. Dass man ihn vielleicht doch noch an die Front zurückschickt. Mit einem Bein könne man immer noch schießen, sagte er, nur nicht mehr davonlaufen."

Konnte er dann aber doch, denn der vom Krieg nicht nur körperlich, sondern auch psychisch angeschlagene Mann verliert nach dem frühen Tod seiner Frau Grete völlig den Halt. Er zieht sich in ein Klosterkämmerlein zurück und lebt nur noch für seine geliebten Bücher. Bis der Vater eine neue Frau findet, werden die vier Kinder in der Verwandtschaft verteilt - wobei die Moosbrugger-Bagage hilfreich einspringt, vor allem eine Tante, bei der nun viele Kinder in der Küche sitzen. Monika ist zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt. Was ihr der Vater hinterlassen hat und was sie schon als Kind als großen Wert begreift: den respektvollen Umgang mit Büchern und die Liebe zur Literatur.

Wie sich die über 70-jährige Schriftstellerin nochmals dieser Zeit annimmt, sanft und gleichzeitig radikal, ohne Wehleidigkeit und dennoch mit großer Offenheit, die den Schmerz genauso zum Mitschreiben einlädt wie den Humor, zeigt ihre Meisterschaft. Und so beweist auch dieses Buch, was schon vor dem Erfolg von "Die Bagage" offensichtlich war: Dass Monika Helfer eine hervorragende Schriftstellerin ist, die berührend und fesselnd erzählen kann. Höchst an der Zeit, dass ihre Bücher auch internationale Beachtung finden.