Es gibt unangenehmere Recherchen. "Das erste, was ich gemacht habe, war, dass ich mir ,Indiana Jones - Jäger des verlorenen Schatzes’ noch einmal angeschaut habe", sagt Rutu Modan und lacht. Das war natürlich nicht der einzige Forschungsansatz, den die Comiczeichnerin für ihr Buch "Tunnel" hatte, in dem es um eine moderne Suche nach der Bundeslade geht. Jenes mythische Objekt, das man aus der Bibel kennt. Und eben aus dem Actionfilm von Steven Spielberg. Ist die Bundeslade tatsächlich im 21. Jahrhundert etwas, nachdem die Archäologie sucht? "Naja, nicht die seriösen Archäologen. Aber Private suchen schon danach. Sie nennen sich ,unabhängig‘, andere nennen sie Räuber", erzählt Modan amüsiert. Auf einer solchen Aktion basiert auch ihre Graphic Novel: "Ich habe einen Freund aus Studientagen, als er ein Kind war, haben sein Vater und er nach der Bundeslade gegraben. In einem Berg in Jerusalem. Der Vater hatte wohl irgendeinen Code in der Bibel gefunden. Wir haben immer über die Geschichte gelacht, aber denen war das ernst: Der Vater hatte ihn aus der Schule genommen, die haben das sieben Jahre lang gemacht!"

Der Stein von Abraham

In "Tunnel" ist es Nili, Tochter eines renommierten Archäologen, die dieser in seiner Kindheit auf eine solche "Schatzsuche" mitgenommen hat. Sie haben damals einen Tunnel gegraben und schienen angeblich kurz vor dem Ziel, doch dann kam die Intifada. Nun ist der Vater dement, aber Nili will das Projekt wieder aufnehmen. Nur: Da, wo der Tunnel einst war, steht jetzt eine Mauer. Nämlich die, die Israel vom Westjordanland trennt. Unkomfortabel, aber das ficht Nili nicht an. Sie stellt ein furioses Grabe-Team zusammen, das aus Menschen besteht, die die verschiedensten Beweggründe haben, die Bundeslade zu finden: Den einen geht es um Religion, den anderen um Sammlerehrgeiz, den wieder anderen um Geld. Ziemlich kurz vor dem vermuteten Ziel freilich treffen die Graber auf einen zweiten Tunnel - und in ihm zwei Palästinenser.

Der Ausgrabungstunnel ist jetzt nicht mehr so zugänglich wie vor 30 Jahren. - © Carlsen
Der Ausgrabungstunnel ist jetzt nicht mehr so zugänglich wie vor 30 Jahren. - © Carlsen

Ist Israel ein Paradies für Archäologen, ob "privat" oder seriös? "Ja, natürlich, das liegt an der Bibel. Die Geschichten kennen einfach so viele Menschen, die ganze westliche Gesellschaft baut darauf auf. Ein Archäologe erzählte mir, Israel ist zwar der Ort, an dem am meisten gegraben wird, aber das Widersprüchliche dabei ist: Das, was man findet, ist im Vergleich zu Funden in Ägypten oder im Irak aus wissenschaftlicher Sicht Müll. Im 19. Jahrhundert kamen so viele zum Graben hierher und haben im Grunde so wenig gefunden. Israel war in der Geschichte immer im Mittelpunkt von irgendwas, immer wenn es zu einem Reich gehört hat, wurde gebaut, und dann kam das nächste Reich und es wurde wieder alles plattgemacht. Ich denke, bei uns ist einfach die Geschichte dahinter viel wichtiger als das, was man wirklich findet. Dieser Stein da ist aufregend, weil er aus der Zeit stammt, in der Abraham gelebt hat. Selbst wenn man nicht weiß, ob Abraham nicht doch nur eine Legende ist. Es geht darum, was sich die Leute vorstellen, was hier einst war."

Rutu Modan lebt in Tel Aviv. Weitere Comics von ihr: "Blutspuren" und "Das Erbe". - © Carlsen
Rutu Modan lebt in Tel Aviv. Weitere Comics von ihr: "Blutspuren" und "Das Erbe". - © Carlsen

Es ist aber nicht so, dass Israelis automatisch von Archäologie besessen wären. "Nein, mich zum Beispiel hat Archäologie vorher überhaupt nicht interessiert. Aber wir sind schon sehr mit der Vergangenheit beschäftigt. Weil wir uns damit immer rechtfertigen für das, was wir jetzt machen. Juden hatten kein eigenes Land, waren über die ganze Welt verstreut, sprachen unterschiedliche Sprachen, aber sie waren verbunden durch die Geschichten über die Vergangenheit. Aber die Perspektive der Palästinenser ist auch von der Vergangenheit beeinflusst, die sagen: Das ist unser Land, wir leben hier seit hunderten Jahren. Daher ist für uns Juden jede Münze, auf der der Name eines Königs aus der Bibel steht, ein Beweis dafür: Bitteschön, wir waren zuerst hier."

Wert ist Interpretationssache

Ihre Graphic Novel ist - unter anderem - auch ein symbolischer Kommentar zum ewig schwelenden Konflikt. Denn auch im Tunnel stellt sich bald die Frage: Wem gehört er, wer hat ihn zuerst gegraben. Und wenn man ihn zwar als erster gegraben hat, aber dann weggegangen ist, kann man dann überhaupt noch Anspruch erheben?

Eine kleine autobiografische Pointe hat "Tunnel" auch: So wie Nilis Vater von seinem Nachfolger ausgebootet wurde, musste auch Modans Vater, ein Mediziner, nach seiner Pensionierung eine Demütigung hinnehmen - seine Tochter sah hilflos zu, wie er nur ein Jahr später an "gebrochenem Herzen" gestorben ist. "Das ist jetzt meine Chance, meine Meinung dazu zu sagen."

Überraschende Arbeit

Rutu Modan arbeitet mit Schauspielern, um die Bewegungen für ihre Figuren besser darzustellen. Hier ein eindrucksvolles Beispiel - Tänzer füllten die vorher papierenen Angreifer mit Leben. - © Carlsen
Rutu Modan arbeitet mit Schauspielern, um die Bewegungen für ihre Figuren besser darzustellen. Hier ein eindrucksvolles Beispiel - Tänzer füllten die vorher papierenen Angreifer mit Leben. - © Carlsen

Weil Modan in ihren Comics nicht mit Worten erklärt, was in den Köpfen ihrer Figuren vorgeht, hat sie eine besondere Arbeitsweise eingeführt. Körperhaltung und Bewegung sind der Schlüssel zum Verständnis, aber um dies auch dem Leser zu vermitteln, engagiert sie Schauspieler, die in ihre Figuren schlüpfen. Das führt mitunter zu Überraschungen: "In einer Szene wird einer der beiden Palästinenser von seinen beiden älteren Brüdern, ISIS-Männer, angegriffen. Für diese Kampfszene habe ich zwei Tänzer und einen Schauspieler angeheuert. Letzteren habe ich nur auf einem Video gesehen, und als er kam, stellte sich heraus, er ist Profiboxer und zwei Meter groß. Die Tänzer dagegen waren zarte Bürschchen." Nach dem ersten Schreck profitierte die Szene davon: "Erstens war es lustiger, dass der jüngere Bruder doppelt so groß ist wie die älteren und zweitens hat der Kampf so eine ganz andere Dynamik bekommen. Die Tänzer konnten ja direkt über ihn drüberfliegen! So eine Szene hätte ich mir allein niemals einfallen lassen können. Diese Seite ist jetzt wie ein kleiner Animationsfilm."

Trotz des ernsten Hintergrundes ist "Tunnel" ein erquicklich witziges Buch, das auch gekonnt damit spielt, dass hier niemand dem anderen traut - und man es als Leser besser auch nicht tun sollte. Besonders charmant macht das eine Szene klar, in der Nili dem verhassten Nachfolger ihres Vaters ein Figürchen abnimmt, von dem sie behauptet, dass sie es im Töpferkurs in der Volksschule gemacht hat. Und doch sieht das Kätzchen kaum anders aus als die Artefakte im Museum. "Ich habe einen der größten Sammler besucht, sein Haus ist wie ein Museum, er hat sein ganzes Leben dem Sammeln gewidmet. Und dann sitzt er da, zeigt auf ein Regal und sagt: ,Sieht doch aus, als hätten das Achtjährige gebastelt, oder?‘"